Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.08.2019


Exklusiv

Osttirol oder Wiesing: Tauziehen um Kinder-Reha

Die Kinder-Reha Ederhof in Osttirol besteht seit 27 Jahren. Für Erweiterungspläne gibt es seit 2014 einen Landtagsbeschluss. Sie müssen weiter warten – weil stattdessen in Wiesing eine neue Reha gebaut wird.

Die favorisierte Ausbauvariante. Pläne, die international anerkannte Kinder-Reha auf bis zu 70 Betten auszubauen, müssen weiter warten.

© EderhofDie favorisierte Ausbauvariante. Pläne, die international anerkannte Kinder-Reha auf bis zu 70 Betten auszubauen, müssen weiter warten.



Von Angela Dähling

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Wiesing, Lienz, Iselsberg – In der Diskussion rund um den umstrittenen Standort der geplanten Kinder-Reha in Wiesing meldet sich jetzt auch der Bezirk Lienz zu Wort. „Wir haben mit dem Ederhof in Iselsberg-Stronach eine Kinder-­Reha, die seit Jahrzehnten bestens funktioniert und längst hätte ausgebaut werden sollen“, erklärt die Lienzer Bürgermeisterin Elisabet­h Blanik als Osttirols SPÖ-Bezirksvorsitzende.

Sie hält den beschaulichen Hof auf 1000 Metern Seehöhe, abseits von Straßenlärm, für den besseren Standort als Wiesing. Blanik verweist zudem auf einen einstimmigen Landtagsbeschluss vom Novembe­r 2014, wonach erreicht werden sollte, dass das damals österreichweit einzige Kinder-Rehabilitationszentrum in Osttirol ausgebaut wird. „Offenbar wollte man das letztlich aber dann aus politischen Gründen doch nicht“, kritisiert sie.

Laut Robert Weichselbraun, Geschäftsführer des Ederhofs, liegen die Ausbaupläne (von 35 auf 70 Betten) seit 2012 vor. Der Ederhof habe sich auch am Vergabeverfahren des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger in Sachen Kinder-Reha beteiligt, bei dem das Projekt der SeneCura in Wiesing als Sieger hervorging. „Wir haben uns für die Indikationen Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beworben und sind in der letzten Runde ausgeschieden, weil diese Indikationen in der Versorgungszone West nicht vorgesehen waren“, erklärt er. Seit 27 Jahren werden Kinder nach Transplantationen im Ederhof betreut. In Wiesing sollen Kinder aus ganz Westösterreich mit psychosozialen Problemen und Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates aufgenommen werden. Dazu wäre man grundsätzlich auch im Ederhof bereit, sagt Weichselbraun. Unterstützung für die Ederhof-Ausbaupläne, die mit 5–7 Mio. € zu Buche schlagen, liegen in Form von diversen Petitionen und Erklärungen vor – darunter vom AKH Wien, der Med-Uni Innsbruck, dem Berufsverband der österreichischen Psychologen sowie den Osttiroler Bürgermeistern. „Zudem haben wir über den RTL-Spendenmarathon 1 Mio. € erhalten, um auszubauen, die höchste Spendensumme, die dort je für ein Projekt erzielt wurde“, sagt er. Es sei schwer nachvollziehbar, warum man eine neue Reha baue, wenn Know-how und Infrastruktur am Ederhof vorhanden seien.

Idyllische Lage auf 1000 Metern Seehöhe und etwa fünf Kilometer von Lienz entfernt: die Kinder-Reha Ederhof in Iselsberg-Stronach.
Idyllische Lage auf 1000 Metern Seehöhe und etwa fünf Kilometer von Lienz entfernt: die Kinder-Reha Ederhof in Iselsberg-Stronach.
- Weichselbraun

Die Reha gehört einer deutschen Stiftung. „Nach 27 Jahren sollten sich das Land Tirol und Österreich auch zu dieser Einrichtung bekennen“, meint Weichselbraun. Weil die Reha nun nicht im Österreichischen Strukturplan Gesundheit berücksichtigt wird, gibt es weder einen Ausbau noch die damit einhergehenden Verträge mit österreichischen Krankenkassen. Lange Zeit galt das Landeskrankenhaus Hall als Westösterreich-Favorit in Sachen geplanter Kinder-Reha. Politische Gründe seien ausschlaggebend gewesen, dass Wiesing siegte, wird immer wieder kolportiert. Stefan Deflorian, Geschäftsführer der Tirol Kliniken, dementiert das. „Bei der Ausschreibung des Hauptverbandes waren mehrere Kriterien deklariert. Dass der Mitbewerber SeneCura mit Wiesing siegte, lag daran, dass er einen früheren Zeitpunkt zur Realisierung angeben konnte“, erklärt Deflorian. Als öffentliche Einrichtung unterliege man im Gegensatz zur SeneCura dem Bundesvergabegesetz und damit Ausschreibungen und Fristen.

Der geplante Kinder-Reha-Standort in Wiesing steht wegen Lärm durch einen nahen Steinbruch und Verkehr in der Kritik.
Der geplante Kinder-Reha-Standort in Wiesing steht wegen Lärm durch einen nahen Steinbruch und Verkehr in der Kritik.
- Transitforum

Der Ederhof in Iselsberg-Stronach

Die deutsche Rudolf-Pichlmayr-Stiftung errichtete 1992 den Ederhof als das erste Rehabilitationszentrum Europas für Kinder und Jugendliche. Es war bis 2018 das einzige in Österreich. Die 31 Mitarbeiter sind aus Österreich.

Das Therapieangebot umfasst ärztliche Behandlung, Pflege, Psychologie, Physiotherapie, Physikalische Therapie, Ernährungsberatung und Diätetik, verhaltenstherapeutische Betreuung, pädagogische Betreuung, Kindergarten, Schule, Berufsorientierung u. v. m.

Die jungen Patienten sind zu einem Drittel aus Österreich. Der Rest ist aus deutschsprachigen Ländern/Regionen Europas.

Laut „European Paediatric Association“ bietet der Ederhof „inmitten gesundheitsfördernder Natur aus umwelthygienischer und umweltpsychologischer Perspektive geradezu Idealbedingungen“ für die Genesung der Kinder: 1000 Meter Seehöhe, Wiesen und Wald, Blick auf 3000er-Berge, klare Luft, kein Lärm, kein Beton, kein Straßenverkehr.