Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.08.2019


Bezirk Schwaz

Kinder-Reha in Wiesing: Zu laut für offene Fenster

Nach Vorliegen einer Schallschutzstudie müssten in die geplante Kinder-Reha in Wiesing südostseitig Fenster eingebaut werden, die man nicht öffnen kann. Der Dorfchef hat kein Problem mit den Auflagen des Landes.

Neben der Wohnsiedlung soll die Kinder-Reha errichtet werden. Hinter dem Wald befindet sich die A12, weiter links ist ein Steinbruch.

© ZOOM.TIROLNeben der Wohnsiedlung soll die Kinder-Reha errichtet werden. Hinter dem Wald befindet sich die A12, weiter links ist ein Steinbruch.



Von Angela Dähling

Wiesing – Der geplante Standort für die Kinder-Reha in Wiesing ist lärmtechnisch gesehen kein idealer. Das belegen jetzt auch vom Land geprüfte Gutachten.

Deshalb ist die Reha-Widmung am kommenden Mittwoch neuerlich auf der Tagesordnung der Gemeinderäte in Wiesing. Nach dem einstimmigen Widmungsbeschluss im Februar lag der Akt in der Raumordnungsabteilung des Landes zur aufsichtsbehördlichen Prüfung. Dort ist man inzwischen zu der Ansicht gelangt, dass die Widmung so nicht genehmigt werden kann. Es sind Auflagen nötig, und diese müssten vom Gemeinderat beschlossen werden.

Nicht zuletzt wegen der politisch aufgeheizten Stimmung rund um den Standort der Kinder-Reha wurde die Abteilung ESA (Emissionen – Sicherheitstechnik – Anlagen) von der Abteilung Raumordnung im Land beauftragt, die Lärmsituation am geplanten Areal unter die Lupe zu nehmen. „Es wurden Ziviltechniker beauftragt, ein lärmtechnisches Gutachten zu erstellen, das danach von Amtssachverständigen einer Plausibilitätsprüfung unterzogen wurde“, erklärt Daniel Schleich von der Rechtsabteilung der Abteilung Raumordnung. Das Gutachten sei plausibel. „Es haben sich Immissionswerte ergeben, die die Gemeinde bei der Widmung nicht berücksichtigt hat“, erläutert Schleich weiter. Er spricht von „geringfügigen Auflagen“, die nötig seien, damit die Widmung aufsichtsbehördlich genehmigt werden könne.

Konkret ist von einer „geschlossenen Fassade“ im Südosten die Rede. Richtung Straße und damit Richtung Mittagssonne müsste die Kinder-Reha aufgrund der Lärmsituation demnach entweder fensterlos sein oder mit Fenstern ausgestattet werden, die man nicht öffnen kann. Schleich: „Auf der lärmabgewandten Seite ist dann alles möglich.“ Welche genauen Lärmwerte auf dem Areal gemessen wurden, war bis Redaktionsschluss gestern nicht zu erfahren. Der zuständige Mitarbeiter weilt auf Urlaub, hieß es auf Nachfrage beim Land Tirol. Fakt ist, die Sonderfläche „Medizinische Infrastruktur“ fällt in Tirol laut § 43 unter dieselben Richtwerte, die für allgemeines Mischgebiet gelten: nämlich 65 dB am Tag und 55 dB in der Nacht. Die Planrichtwerte für Wohngebiete liegen mit 50 dB am Tag und 40 dB in der Nacht darunter.

Im Umkehrschluss würde das heißen, dass die gemessenen Lärmwerte die Richtwerte für Wohngebiete offenbar überschreiten. „Diese Lärmschutzstudie ist schockierend und deckt auf, was man nicht hören will: dass unsere Lebensgrundlage bedroht ist, weil es bei uns zu laut ist, um Wohngebiete zu widmen“, sagt GV Maria Chelucci (Liste WFW). „Wir sollen nun wieder etwas beschließen und haben keine Unterlagen dazu bekommen, obwohl ich den Bürgermeister seit zehn Tagen darum bitte. Warum so geheimnisvoll?“ Auch dass es seitens der Gemeinde noch keine Antwort auf das Schrei­ben von 38 Anrainern gegeben hat, kritisiert sie. „Eine Kinder-Reha mit nicht zu öffnenden Fenstern kann man nicht gutheißen. Ich appelliere an die Vernunft“, so Chelucci weiter. Sie gibt auch zu bedenken, dass ein Ausbau von zunächst 37 auf 150 Betten geplant ist. „Das Schwazer Krankenhaus hat 250 Betten“, verdeutlicht sie mit dem Verweis auf die zu erwartende Verkehrszunahme und das fehlende Verkehrskonzept.

Auch Fritz Gurgiser (Transitforum) spricht von einem demokratiepolitischen Skandal, weil auf die Anrainer-Schreiben weder beim Land noch bei der Gemeinde reagiert werde, und von einem „Umgehungstrick“, mit dem ein ungeeigneter Standort für eine Kinder-Reha geeignet gemacht werden soll. „Wir verlangen, dass die neuerliche Beschlussfassung über die Widmung einer Reha mit geschlossener Fassade so lange von der Tagesordnung der Gemeinde genommen wird, bis ein ärztliches Gutachten mit einer fundierten Standortbewertung vorliegt.“

Das ärztliche Gutachten soll laut Alexander Maier vom Gesundheitsressort des Landes erst im Rahmen des krankenanstaltenrechtlichen Errichtungs- und Betriebsbewilligungsverfahrens eingeholt werden.

Laut Bürgermeister Alois Aschberger ist es in Wiesing nicht zu laut. „Das ist ein Blödsinn, Bescheide widerlegen das“, behauptet er. Wiesing sei ein guter Standort – auch zum Wohnen. Er tue mit dem geplanten Widmungsänderungsbeschluss (seine UWL- Liste hat die Stimmenmehrheit im Gemeinderat) nur, was die Raumordnungsabteilung des Landes vorschreibe. Alles sei im Bauausschuss besprochen worden. Es könne nicht sein, dass man immer versuche, Wiesing schlechtzumachen. „Bei uns ist die Situation nicht anders als in Münster oder Bad Häring“, meint er. Der Standort Wiesing sei daher ebenso für eine Kureinrichtung geeignet.