Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.10.2019


Tirol

Verdrängtes Schicksal der Deserteure wird in Tirol sichtbar

Erinnerungskultur: Mit einem Forschungsschwerpunkt lässt das Land Tirol die Geschichte der Wehrmachtsverweigerer in Tirol aufarbeiten.

Im Vomper Loch hatten sich in den letzten zwei Kriegsjahren bis zu 30 junge Männer versteckt, die sich weigerten, in den Krieg zu ziehen. 2015 hat der ORF Tirol dazu ein Österreich-Bild gestaltet.

© ORFIm Vomper Loch hatten sich in den letzten zwei Kriegsjahren bis zu 30 junge Männer versteckt, die sich weigerten, in den Krieg zu ziehen. 2015 hat der ORF Tirol dazu ein Österreich-Bild gestaltet.



Innsbruck – Am 21. April 1945 wird der damals 21-jährige Ernst Federspiel im Steinbruch am Paschberg, in der Nähe des Innsbrucker Bretterkellers, erschossen. Ein Kriegsgericht verurteilte den in einer kommunistischen Familie aufgewachsenen Innsbrucker wegen Fahnenflucht. Er desertierte von der Wehrmacht und nach langer Flucht wurde er Ende 1944 verhaftet. Der österreichische Politikwissenschafter Walter Manoschek von der Universität Wien schätzt, dass zwischen 1200 und 1400 österreichische Deserteure von den Nazis hingerichtet wurden. Mit dem seit 2013 praktizierten Förderschwerpunkt der Erinnerungskultur legt das Land Tirol jetzt in einem weiteren Projekt das Hauptaugenmerk eben auf die Erforschung der lange Zeit verdrängten bzw. missachteten Schicksale der Deserteure.

„Deserteure der Wehrmacht. Verweigerungsformen, Verfolgung, Solidarität, Vergangenheitspolitik in Tirol“ nennt sich das Vorhaben, mit dem der Wiener Forscher Peter Pirker in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck betraut wurde. Es ist für drei Jahre angelegt, das Land unterstützt es mit 105.344 Euro, Innsbruck beteiligt sich mit 88.000.

„Wir wollen erneut einen Beitrag wider das Vergessen liefern und stehen zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte“, sagt Kultur- und Bildungslandesrätin Beate Palfrader (VP). Für sie ist die Erinnerungskultur ein fächerübergreifender Auftrag, der alle gesellschaftlichen Bereiche umfassen müsse. Jahrzehntelang wurden Wehrmachtsverweigerer und Deserteure negativ bewertet und vielfach als Verräter und Drückeberger bezeichnet, die ihre Kameraden im Stich gelassen hätten. 2009 hat Österreich Wehrmachtsdeserteure und andere von der NS-Mili­tärjustiz verfolgte Personen als Opfer von NS-Unrecht anerkannt und rehabilitiert. Ihr Handeln wurde jetzt als positiver Beitrag zur Niederlage der Wehrmacht und damit zur Befreiung vom Nationalsozialismus gewürdigt.

Danach begann man sich mit den Deserteuren im Vomper Loch und mit dem vorher erwähnten vergessenen Hinrichtungsort am Paschberg zu beschäftigen. „Es zeigte sich jedoch, dass bis heute systematische Forschungen zu Formen der Verweigerung des Gehorsams gegenüber der Wehrmacht durch Tiroler Soldaten ebenso fehlen wie Wissen über die Verfolgungspraxis von Wehrmachtsgerichten in Tirol“, sagt Palfrader. Aufgearbeitet werden soll aber auch das Verhalten der staatlichen Behörden nach 1945. „Und natürlich generell die Einstellung der Nachkriegsgesellschaft gegenüber den ungehorsamen Soldaten. Was in dieser Zeit geschehen ist, darf nicht vergessen oder verdrängt werden“, fügt die Kulturlandesrätin hinzu.

Seit 2013 hat die schwarz-grüne Landesregierung acht Erinnerungsprojekte mit 602.000 Euro gefördert. Dazu kamen noch 281.200 Euro von den Landesmuseen für die Erforschung der Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert. Bis 2023 wird das Land noch einmal 500.000 Euro für die Erinnerungskultur bereitstellen, kündigt Palfrader an. (pn)