Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.10.2019


Gesundheitsvorsorge

Primärversorgungszentren: Patienten müssen weiter warten

Sechs Zentren, wo Ärzte vernetzt arbeiten, sollen bis 2021 in Tirol entstehen. Es tut sich aber nichts.

Längere Ordinations- und kürzere Wartezeiten sollen neu zu schaffende Ärzte-Zentren bringen.

© dpaLängere Ordinations- und kürzere Wartezeiten sollen neu zu schaffende Ärzte-Zentren bringen.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Ordinationszeiten von sieben bis 19 Uhr wochentags, Ordinationen am Wochenende und kurze Wartezeiten. Das und noch viel mehr hätten die Primärversorgungseinheiten bringen sollen. 75 hat Türkis-Blau in ganz Österreich bis 2021 vorgesehen, sechs davon in Tirol.

Gestern Abend zogen nun Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger und der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse, Arno Melitopulos, in Innsbruck Bilanz. Echte Primärversorgungseinheiten gibt es in Tirol bis dato keine. Das MCI hatte beide Herren und den ärztlichen Direktor des Privat-Sanatoriums Kettenbrücke, Michael Gabl, zur Podiumsdiskussion geladen. Das Sanatorium habe Interesse daran, eine Primärversorgungseinheit einzurichten, berichtete Gabl. „Wir haben verschiedene Berufsgruppen von Physiotherapeuten über Hebammen, Diätologen bis hin zu Fachärzten in vielen Disziplinen im Haus.“

Der Gesetzgeber hatte sich die Ausgestaltung der Primärversorgungseinheiten so oder so ähnlich vorgestellt. Drei Allgemeinmediziner, ein Krankenpfleger, eine Sprechstundenhilfe im Kernteam sollten mit Physiotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeitern oder Altenbetreuern interdisziplinär zusammenarbeiten. „Der Gesetzgeber hat allerdings vergessen, zu sagen, wer die 200 Millionen Euro als Anschubfinanzierung zahlen soll“, ätzte Wechselberger. „Ein Schmuckstück, diese Formulierung“, pflichtete Melitopulos bei. Dementsprechend schleppend gestaltet sich die Umsetzung. Bahnbrechend Neues sei in dem Gesetz ohnehin nicht zu finden, kritisiert Wechselberger. „Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht, die Primärversorgungseinheiten sollen aber eine sein.“

Melitopulos beklagte, dass keine zusätzlichen Kassenstellen für die Umsetzung der Primärversorgungseinheiten vorgesehen seien, diese seien im „Kräfteparallelogramm“ Bund, Länder, Ärztekammer, Sozialversicherung untergegangen.

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Weit wichtiger als Primärversorgungseinheiten zu installieren, sei eine kulturelle Veränderung, meinten Wechselberger, Melitopulos und Gabl. Da waren sich alle einig. „Die Skandinavier sind viel strenger und besteuern Alkohol und Tabak viel stärker als Österreich“, meinte Gabl. Davon weniger, dafür mehr Bewegung und gesündere Ernährung würden weitaus mehr bewirken und den Österreichern mehr gute Jahre bescheren.

Siegfried Walch, Leiter des Departments Sozial- und Gesundheitsmanagement am MCI, belegte dies mit Daten. „Die Norwerger haben jenseits der 60 noch 15 beschwerdefreie Jahre, die Österreicher nur acht.“ Lebenserwartung und Lebensqualität seien zwei Paar Schuhe. Auch da waren sich alle einig.