Letztes Update am Mi, 20.11.2019 09:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Forum

Zankapfel Gletscherehe: Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Beim TT-Forum in Imst diskutierten am Dienstagabend Befürworter und Gegner über den umstrittenen Zusammenschluss der Skigebiete am Pitztaler und Ötztaler Gletscher. LH Platter appelliert, Emotionen aus der Debatte herauszunehmen.

600 Interessierte besuchten das TT-Forum in Imst. VP-Klubchef Jakob Wolf, Gerd Estermann (Online-Petition), Jakob Falkner (Bergbahnen Sölden) und der grüne Klubchef Gebi Mair diskutierten mit TT-Chefredakteur Alois Vahrner.

© Thomas Boehm / TT600 Interessierte besuchten das TT-Forum in Imst. VP-Klubchef Jakob Wolf, Gerd Estermann (Online-Petition), Jakob Falkner (Bergbahnen Sölden) und der grüne Klubchef Gebi Mair diskutierten mit TT-Chefredakteur Alois Vahrner.



Imst, Innsbruck – Die geplante Gletscherehe im Tiroler Oberland bewegt die Bevölkerung: Rund 600 Besucher kamen am Dienstagabend zum TT-Forum in den Imster Stadtsaal, viele mussten sogar stehen. Information und Diskussion wechselten sich in der von TT-Chefredakteur Alois Vahrner moderierten Gesprächsrunde ab. Gleich zu Beginn lieferten sich Jakob Falkner (Bergbahnen Sölden) und der Naturschützer Gerd Estermann, der die Online-Petition gegen die Gletscher-Vebindung mit bisher 146.000 Unterstützern ins Leben gerufen hat, ein intensives Pro und Kontra. ÖVP-Klubchef Jakob Wolf und sein Koalitionskollege von den Grünen, Gebi Mair, brachten die politische Note ein. Wolf ist für das Projekt, Gebi Mair kritisierte die Dimension. Zustimmung und Ablehnung gingen wie am Podium auch quer durch die Besucherreihen.

Indes hat sich die schwarz-grüne Landesregierung am Dienstag auf eine gemeinsame Sprachregelung verständigt. Die Umweltverträglichkeitsprüfung für Pitztal

Ötztal sei außer Streit gestellt worden, die Politik habe nicht zu intervenieren, sagte LH Günther Platter (VP) nach der Regierungssitzung. „Was wäre, wenn man eingreifen würde in ein laufendes Verfahren? Dann wäre die Kritik sehr groß.“ Und in welcher Dimension das Vorhaben eingereicht werde und wie man den Zusammenschluss haben möchte, obliege allerdings den Projektwerbern, fügte Platter hinzu.

Schlussendlich appellierte Platter an alle politisch Verantwortlichen, die Emotionen aus dem Thema herauszunehmen. Er verhehlte aber nicht, dass die Gletscherehe vor allem für das Pitztal ein Vorteil wäre. Kein Verständnis für Zurufe von außen wie von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser („Die Politik soll sich nicht hinter den Verfahren verstecken“) hat dessen VP-Parteifreund und LHStv. Josef Geisler. Vor allem die Wirtschaftskammer habe mit der Verwaltungsgerichtsbarkeit gefordert, solche Entscheidungen zu entpolitisieren. Platter und Co. gehen ohnehin davon aus, dass die Höchstgerichte letztlich über die Verbindung befinden werden.

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Umweltreferentin LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) sieht die Einhaltung der juristischen Spielregeln für das im Umweltverfahren befindliche Projekt als rechtsstaatliche Grundvoraussetzung. Offen gibt Felipe jedoch zu, dass ein umfassender Gletscherschutz bereits bei den Koalitionsverhandlungen 2013 mit der ÖVP nicht verhandelbar gewesen sei.

Pitztaler Hochzeitsmarsch für geplante Gletscherehe

Bei den Pitztaler Bürgermeistern schrillen sämtliche Alarmglocken, habe es doch in den vergangenen Tagen Polemisierungen und sogar Anfeindungen gegen sie und die Touristiker im Tal gegeben. Mit einem verbalen Schulterschluss stemmen sich nun BM Josef Knabl/Arzl i. P., BM Walter Schöpf/Wenns, Karl Raich/Jerzens und Elmar Haid/St. Leonhard gegen falsche Behauptungen und heben etwa ihre Gemeinderatsbeschlüsse hervor, die allesamt eine Gletscherehe befürworten. Der Zusammenschluss werde von zwei Tiroler Unternehmen und nicht von ausländischen Investoren getragen, springt TVB-Obmann Rainer Schultes den Bürgermeistern zur Seite: „Dass man diese nicht investieren lässt, versteht man im Pitztal gar nicht. Wo leben wir bitte?“

Die Pitztaler Bürgermeister Walter Schöpf/Wenns, Elmar Haid/St. Leonhard, Josef Knabl/Arzl und Karl Raich/Jerzens (v. l.) demonstrieren Geschlossenheit und bekräftigen ihr Ja zur Gletscherehe Pitztal/Ötztal.
Die Pitztaler Bürgermeister Walter Schöpf/Wenns, Elmar Haid/St. Leonhard, Josef Knabl/Arzl und Karl Raich/Jerzens (v. l.) demonstrieren Geschlossenheit und bekräftigen ihr Ja zur Gletscherehe Pitztal/Ötztal.
- Parth

Eine „Überdimensionierung“ sieht Standortbürgermeister Haid ebenfalls nicht: „Wir haben 52 Dreitausender. Jetzt geht es um einen Berg, von dem aber die ganze Region lebt.“ Die Natur liege den Pitztalern, die als Umweltzerstörer hingestellt würden, sehr am Herzen. „Darum haben wir ja etliche Flächen rundherum unter Schutz gestellt“, so Haid.

Die Gemeinden würden alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um sich gegen die Abwanderung Einheimischer, den vorherrschenden Bettenschwund und den Rückgang bei den Ankünften im Pitztal zu stemmen.

„Skitechnisch ist das Projekt absolut sinnvoll. Die Masse aller Skifahrer würde diese Runde zwischen dem Ötztal und dem Pitztal leicht bewältigen können“, bringt Schultes mit ein: „Der Zusammenschluss ist optimal konzipiert!“ (top)

Umfassender Schutz der Gletscher gefordert

„Die geplanten Eingriffe stehen in keiner Relation zum Mehrwert.“ Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer hält mit seiner Ablehnung von Pitztal/Ötztal nicht hinterm Berg. Anlässlich der Jahresbilanz 2017/18 kritisierte er das Gletscher-Projekt erneut scharf: „Es geht nur um das Prädikat ,größtes Gletscherskigebiet‘“. Für die Umweltanwaltschaft würden laut UVP-Einreichunterlagen alle laut Naturschutzgesetz schutzwürdigen Güter vom Vorhaben negativ tangiert: Landschaftsbild, Erholungswert, Lebensräume bedrohter Arten sowie der Naturhaushalt.

Vom Tiefenbachferner im Ötztal soll eine Seilbahn auf den Pitztaler Gletscher führen. Drei Bahnen und 64 Hektar Pistenflächen sind geplant.
Vom Tiefenbachferner im Ötztal soll eine Seilbahn auf den Pitztaler Gletscher führen. Drei Bahnen und 64 Hektar Pistenflächen sind geplant.
- Thomas Boehm / TT

„Entweder zählen Schutzgebiete noch etwas bei uns, oder eben nicht mehr“, ärgert sich auch der Kostenzers Stellvertreter Walter Tschon. Den Pitztalern prophezeit er „jedes Jahr dort oben eine Baustelle“. Nur so könne der Gletscherschwund aufgefangen werden. Mit einem rechtskräftigen Bescheid rechnet er erst in vielen Jahren. Zuvor würden die Verwaltungsgerichte wohl neue Unterlagen einfordern – „weil die heutigen sind dann mit Sicherheit nicht mehr aktuell“.

Den Gletscherschutz stellt die Liste Fritz in den Mittelpunkt der heute beginnenden Landtagssitzung. Markus Sint fordert nicht nur eine Änderung des Naturschutzgesetzes, sondern auch eine Studie zu Klimawandel und Gletscherschmelze sowie ein neues Zukunftskonzept für den Tiroler Tourismus. Und für heute erwartet sich der Oppositionspolitiker, dass Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) Rede und Antwort zur „Mega-Neuerschließung am Pitztaler und Ötztaler Gletscher“ steht. Die Liste Fritz hat dazu eine mündliche Anfrage gestellt.

Hinsichtlich der geplanten Gletscherehe spricht Sint von der „brutalsten Attacke“ auf die Tiroler Natur und die Gletscher. „Und das in Zeiten des Klimawandels und der Gletscherschmelze.“ Die Grünen hätten ihre Werte verraten, indem sie den Gletscherschutz nicht zur Koalitionsbedingung 2013 bzw. 2018 gemacht hätten. Außerdem müsse Tirol im wichtigen Wirtschaftszweig Tourismus neu denken. „Tirol sollte zum Klimaschutz-Tourismusland Nummer eins weltweit werden.“ Ein Euro pro Nächtigung könnte in den Klimaschutz fließen, schlägt Sint vor. (mami, pn)




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