Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.07.2014


Landespolitik

Cannabis lässt Köpfe rauchen

Nach dem Beschluss der SPÖ Tirol, für eine Legalisierung von Cannabis einzutreten, gehen die Wogen hoch. Experten sehen vor allem Mängel im derzeitigen System.

(Symbolfoto)

© DPA/DANIEL KARMANN(Symbolfoto)



Innsbruck – Viel Rauch um nichts? Oder der Start für einen Schwenk in der Drogenpolitik? Mit dem Beschluss der SPÖ Tirol, sich entgegen der bisherigen Linie der Bundespartei für die Legalisierung von Cannabis auszusprechen, zündete man eine heftige Diskussion zu dem Thema an. Diese teilt sich in zwei Lager, die mit den Schlagworten „Entkriminalisierung“ und „Einstiegsdroge“ argumentieren.

Doch wie sehen Experten das Thema? Für Ekkehard Madlung, Oberarzt in der Drogenentzugsstation und im Suchtbeirat des Landes, ist es wichtig, das Thema „differenziert zu betrachten“. Denn einerseits soll der Gebrauch unter keinen Umständen verharmlost werden. „Es gibt Menschen, die große Probleme damit haben.“ Aber: „Wir sehen auch, dass der momentane Weg einfach nicht funktioniert.“ Deshalb müsse es eine Veränderung geben. „Regulierung statt Kriminalisierung“ ist für den Experten das Motto. Wie das konkret aussehen soll, darüber könne man diskutieren. Es sei aber keinesfalls angedacht, Cannabis im Supermarkt oder Coffeeshop abzugeben. Die Betroffenen müssten jedoch unbedingt entkriminalisiert werden. „Die Probleme, die dadurch jetzt entstehen, sind wesentlich größer.“ Wenn man die Mittel, die von Justiz und Exekutive verwendet werden, um den kleinen Cannabisgebrauch zu bekämpfen, freibekommen und für die Prävention verwenden könnte, dann wäre das schon ein großer Schritt.

Dass Cannabis häufig als Einstiegsdroge gesehen werde, ist für Madlung lediglich ein Schlagwort. Es gebe hier unter den Experten keine einhellige Meinung. Vielmehr sei die Gefahr gegeben, in der Illegalität von einem Dealer auch noch härtere Drogen zu bekommen. Den Vorschlag der SPÖ wollte Madlung selbst nicht kommentieren. Er kenne diesen auch nicht.

Aus dem Jahresbericht des Vereins Suchtberatung Tirol ist zu entnehmen, dass für fast zwei Drittel der dort betreuten Klienten Cannabis die Leit­droge ist. Erst mit großem Abstand folgen Opiate (z. B. Heroin) oder Kokain. Unter dem Begriff Leitdroge verstehen Experten jenes Suchtmittel, das den Betroffenen aus ihrer eigenen Sicht die meisten Probleme bereitet. In der Frage der Legalisierung von Cannabis ist die Geschäftsführerin der Suchtberatung, Birgit Keel, sehr zurückhaltend. Zwar gebe es auch im jetzigen System Mängel. Deswegen aber unreflektiert für eine Freigabe von Marihuana einzutreten, hält Keel für nicht seriös. „Da braucht es ganz viele Überlegungen und Zusammenarbeit auch im Helfersystem.“ Für die Suchtberatung sei es wichtig, dass die drogenkranken Menschen nicht zusätzlich zu ihren Suchtproblemen kriminalisiert würden, sagt Keel. Auf die Rolle der Politik, speziell jene im Bund, verweist der Suchtkoordinator des Landes, Christof Gstrein. Das Thema müsse differenziert betrachtet werden.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

„Absolut undurchdacht“ ist für Dominik Schrott von der Jungen ÖVP der Beschluss. Wenn Cannabis „im Großteil Europas verboten ist und bei uns erlaubt wäre, würde das zu einem regelrechten Kiffer-Tourismus führen“. Auch der Ring Freiheitlicher Jugend Tirol kritisierte in einer Aussendung: „Anstatt sich für die Freigabe von Cannabis auszusprechen, hätten bei der SPÖ besser die Köpfe bei der inhaltlichen Arbeit geraucht.“ Die Jungen Grünen Innsbruck begrüßten den Vorstoß und verwiesen auf das eigene Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2001, das ebenfalls die Legalisierung von Cannabis forderte. (mw, cm)