Letztes Update am Mi, 11.01.2017 09:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA

Obama nimmt mit flammendem Appell Abschied

In seiner Abschiedsrede richtet US-Präsident Barack Obama mahnende Worte an seine Mitbürger. Demokratie könne nur dadurch verteidigt werden, sich in andere hineinzuversetzen.

Der 44. US-Präsident Barack Obama.

© APA/AFP/NICHOLAS KAMMDer 44. US-Präsident Barack Obama.



Von Matthias Sauermann

Chicago - Es sollte der letzte große Auftritt des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sein. Mit dem ersten afro-amerikanischen Staatsoberhaupt tritt am 20. Jänner eine schillernde Person ab, die vor acht Jahren mit großen Worten die weltpolitische Bühne betrat. Die Hoffnungen und Erwartungen an den damals 47-jährigen baldigen Friedensnobelpreisträger waren gewaltig. Heute, acht Jahre nach seiner ersten Wahl, trat er in seiner Heimatstadt Chicago noch einmal auf die Bühne, um sein Vermächtnis zu verteidigen. Und seine Landsleute auf die kommende Präsidentschaft von Donald Trump vorzubereiten.

Bereits während seines ersten Wahlkampfes schrieb der begnadete Rhetoriker seine Reden selbst. Während seiner Präsidentschaft fehlte ihm dafür meist die Zeit. Für seine letzte Abschiedsrede nahm er sich diese ein letztes Mal. Um den Amerikanern und der Welt seine letzten Gedanken vor dem Abschied mitzuteilen.

Eine lange Reihe von Erfolgen, aber nicht genug

In seiner Abschiedsrede erinnert Obama zuerst an die positiven Entwicklungen während seiner Amtszeit. Der wirtschaftliche Aufschwung, die längste Periode, in der neue Jobs geschaffen worden seien, hätten unter seiner Ägide stattgefunden, so Obama. "Wenn ich euch vor acht Jahren gesagt hätte, dass wir ein neues Kapitel mit den Kubanern aufschlagen werden, das iranische Nuklearprogramm ohne einen Schuss abzufeuern beenden, das Mastermind hinter 9/11 ausschalten. Wenn ich euch gesagt hätte, dass wir die Gleichheit der Ehe und eine Krankenversicherung für weitere 20 Millionen unserer Mitbürger erreichen werden. Dann hättet ihr wohl gesagt, diese Erwartungen sind etwas zu hoch. Aber genau das haben wir getan", zählt der 44. US-Präsident seine Erfolge auf. "Nach nahezu jedem Maß ist das Land heute ein besseres und stärkeres als acht Jahre zuvor", verweist er auf die Statistik. Trotz aller Erfolge sei das Land jedoch nicht dort, wo es hin sollte, meinte Obama.

Auch seine Gesundheitsreform sei erfolgreich gewesen, sagt Obama. "Nie war die Rate an Versicherten höher als jetzt", rechnet der Demokrat vor. "Wenn jemand einen Plan vorlegt, der tatsächlich besser ist, also mehr Menschen um weniger Geld zu einer Versicherung verhilft, werde ich ihn öffentlich unterstützen", verspricht Obama und nimmt damit auf das Vorhaben von Donald Trump Bezug, den "Affordable Care Act" aufzuheben und zu ersetzen. "Genau deshalb dienen wir. Nicht um Punkte zu gewinnen oder Anerkennung zu bekommen, sondern um das Leben der Menschen besser zu machen."

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Ruf nach Gemeinsamkeit

Politiker jedweder Parteizugehörigkeit müssten nun zusammen helfen, um das Gefühl eines gemeinsamen Sinnes wiederherzustellen, fordert der 55-Jährige. Jeder müsse sich für Demokratie engagieren, sie dürfe nicht für selbstverständlich gehalten werden. Demokratie erfordere jedoch nicht Einheitlichkeit, meinte Obama. Sie erfordere Kompromisse. "Demokratie erfordert jedoch sehr wohl ein grundlegendes Gefühl der Solidarität", mahnt der Präsident.

Und prangert die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft an. Das oberste Prozent hätte mehr Geld angehäuft als je zuvor. Viele Menschen in Städten und ländlichen Gegenden seien dagegen zurückgelassen worden. Etwa Fabriksarbeiter, Kellner, die glauben, dass Politik und das System nur für die Mächtigen arbeite. Dieser langfristige Trend werde schwer zu überwinden sein. Fortschreitende Technologisierung und Automatisierung würde zudem bald viele gute Jobs in der Mittelschicht vernichten. Deshalb müsste ein neuer sozialer Vertrag gefunden werden, um Schritt zu halten - in der Bildung von Kinder oder für die faire Bezahlung von Arbeitern. Werde das nicht getan, würden sich Ungleichheiten verstärken und es entstehe daraus eine Gefahr für die Demokratie, mahnt Obama.

Auch von einer anderen Seite lauere Gefahr. Nach seiner Wahl vor acht Jahren sei von einer Überwindung des Rassismus gesprochen worden, erinnert der erste afro-amerikanische Präsident der Geschichte. Das sei optimistisch, aber nie realistisch gewesen, meint er nun. Auch wenn sich viel getan hätte, sei man noch nicht dort, wo man sein sollte. "Wenn jedes wirtschaftliche Probleme als ein Kampf zwischen einer hart arbeitender Mittelschicht und einer unverdienten Minderheit erzählt wird, führt das nur dazu, dass Arbeiter jedweder Herkunft verlieren und die Reichen weiter Geld anhäufen", sagt Obama.

Ein Appell an das Einfühlungsvermögen

"Wenn wir Kinder nicht unterstützen, weil sie anders aussehen, verkleinern wir damit die Chancen unserer eigenen Kinder. Weil diese Kinder einen immer größeren Teil der Arbeiterschaft ausmachen", mahnt Obama. Es müsse weiter für Gleichheit gekämpft werden. Die rechtliche Ebene sei jedoch nicht genug. Herzen müssten sich ändern. Das geschehe jedoch nicht über Nacht.

Man könne nur jemanden verstehen, wenn man sich in dessen Position begebe. Und versuche, die Welt aus der Sicht des Gegenübers zu sehen. Für schwarze Amerikaner bedeute das etwa, den eigenen Kampf für Gerechtigkeit den vielen Problemen gegenüber zu stellen, die andere Teile der Bevölkerung beschäftigen. Nicht nur Minderheiten, sondern auch etwa einen weißen Arbeiter, der von außen gesehen privilegiert erscheinen mag - der allerdings auch seine Welt durch den Fortschritt umgeworfen sieht. Für Weiße bedeute das zu sehen, dass etwa die Auswirkungen der Sklaverei nicht einfach verschwunden seien. "Wir müssen aufmerksam sein. Und zuhören", richtet der US-Präsident einen Appell an seine Mitbürger.

Fakten und Wissenschaft zählen

Und zielt mit seinen Worten nochmals implizit auf seinen Nachfolger. Politik sei immer ein Kampf zwischen verschiedenen Ideen. "Wenn wir uns aber nicht auf grundlegende Fakten einigen können, wenn wir nicht zulassen, dass wir neue Informationen aufnehmen. Wenn wir nicht einsehen, dass Wissenschaft eine Rolle spielt. Dann werden wir immer aneinander vorbei reden", sagt Barack Obama. Kompromisse werden dadurch unmöglich.

Der Klimawandel etwa sei real und eine Gefahr. "Wenn nichts getan wird, dann werden unsere Kinder keine Zeit mehr haben, darüber zu debattieren, ob der Klimawandel real ist oder nicht", zeichnet Obama ein düsteres Bild. "Sie werden damit beschäftigt sein, die Auswirkungen zu bekämpfen". Man könne über die richtige Lösung für das Problem beraten, aber nicht das Problem selbst leugnen, sagt Obama eindringlich. Andernfalls verrate man den Grundsatz der rationalen Lösung von Problemen, welchen schon die Gründerväter gehabt hätten.

"Für zwei Schritte vorwärts einen zurück"

"In zehn Tagen wird die Welt ein Gütesiegel unserer Demokratie beobachten", blickt Obama in die Zukunft. Und erntet Buh-Rufe aus dem Publikum, wohl auf den künftigen US-Präsidenten Donald Trump bezogen. Diese Rufe erstickt Obama jedoch im Keim. "Die friedliche Übergabe eines frei gewählten Präsidenten zum anderen." Er habe Trump eine bestmögliche Übergabe zugesichert, sagt Obama. Und richtet zugleich mahnende Worte an seinen Nachfolger, ohne ihn persönlich anzusprechen. "Wir haben das Potential, noch stärker zu werden. Aber nur, wenn unsere Politik den Anstand unseres Volkes widerspiegelt."

Unter Tränen bedankt sich Obama bei seiner Frau Michelle, bei seinen Töchtern und bei seinem Vizepräsidenten Joe Biden. Der Ausblick des abtretenden Präsidenten soll schließlich dennoch optimistisch sein. "Für jede zwei Schritte vorwärts fühlt es sich oft so an, dass wir einen Schritt zurück gehen", beruhigt Barack Obama seine Anhänger. "Aber auf lange Sicht war die Bewegung unserer Nation immer vorwärts." Es sei die Ehre seines Lebens gewesen, den Amerikanern dienen zu können, meint Obama. Und die Amerikaner sollten weiter daran glauben, dass Wandel möglich sei. Und nimmt ein letztes Mal auf seinen Wahlkampfslogan Bezug: "Yes we can, Yes we did, Yes we will".