Letztes Update am Di, 14.03.2017 16:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hintergrund

Türkischer Wolfsgruß und Vierfinger-Zeichen

Der Wolfsgruß mag auf den ersten Blick putzig wirken. Er ist jedoch das Erkennungszeichen der ultranationalistischen „Grauen Wölfe“ in der Türkei. In Deutschland macht sich Besorgnis breit.

Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu vor seiner Rede vergangenen Dienstag in Hamburg.

© dpaDer türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu vor seiner Rede vergangenen Dienstag in Hamburg.



Berlin/Ankara – Zwei Finger als Ohren abgespreizt und die anderen drei zur Schnauze geformt - so sieht der türkische Wolfsgruß aus. Was putzig wirkt, ist das Erkennungszeichen der ultranationalistischen „Grauen Wölfe“ („Bozkurtlar“) in der Türkei, den Anhängern der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP).

Seitdem der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bei seinem Auftritt in der Residenz des türkischen Konsuls in Hamburg die Geste formte, sorgt der Wolfsgruß („Bozkurt Isareti“) auch in Deutschland für Debatten. Auch in Österreich wurde bei einer Demonstration Wien nach der Niederschlagung des Putsches von 15. Juli der Wolfsgruß gezeigt.

Hamburger Verfassungsschutz ist besorgt

Der Hamburger Verfassungsschutz, der die türkischen Rechtsextremisten seit langem beobachtet, zeigte sich besorgt über die Geste Cavusoglus. Laut Medienberichten zeigten auch mehrere seiner Begleiter sowie Zuschauer bei der Rede den Wolfsgruß. Ob Cavusoglu, der zur regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) gehört, mit der Geste ein Bekenntnis zu den Grauen Wölfen ablegen wollte, ist unklar.

Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) warnte nun, das Zeigen des Wolfsgrußes sei ein Grund für ein Verbot von Wahlkampfauftritten. „Es gibt ganz klare Grenzen, an denen auch meine Toleranz endet“, sagte de Maiziere. Diese sei der Fall, wenn ausländische Minister den Wolfsgruß zeigen, oder „unser Land mit respektlosen Nazivergleichen diskreditiert wird“.

Laut dem Verfassungsschutz propagiert die rechtsextreme Ülkücü-Bewegung (Idealisten-Bewegung) - gemeint sind damit die Grauen Wölfen - „einen übersteigerten Nationalismus, gepaart mit der Vorstellung einer ethnisch homogenen Gesellschaft“. Dies sei nicht mit dem Gedanken der Völkerverständigung und dem friedlichen Zusammenleben der Völker vereinbar, warnt der Inlandsgeheimdienst.

Das Wolfssymbol geht auf eine Legende in der türkischen Mythologie zurück. Demnach führte eine Wölfin ein Turkvolk im frühen Mittelalter aus dem sagenumwobenen Tal Ergenekon. Dessen Name sollte in Zusammenhang mit einer vor allem gegen das Militär gerichteten Verschwörungstheorie in der Zeit der AKP-Regierung wieder auftauchen.

Die islamisch-konservative AKP hat sich in den vergangenen Jahren zusehends den Ultranationalisten angenähert und im Herbst für die Einführung des Präsidialsystems mit der MHP verbündet. Gemeinsam brachten die beiden Parteien im Jänner die umstrittene Verfassungsänderung durchs Parlament, die am 16. April nun dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird.

Rabaa-Gruß eigentlich Markenzeichen der AKP

Dass AKP-Politiker den Wolfsgruß zeigen, ist aber selten. Ihr Markenzeichen ist eigentlich der Rabaa-Gruß. Dabei werden die vier Finger abgespreizt und der Daumen angewinkelt. Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigt ihn regelmäßig bei seinen Reden, wobei er in der Regel ruft: „Tek millet, tek bayrak, tek vatan, tek devlet“ (Eine Nation, eine Fahne, ein Land, ein Staat).

Das Vierfinger-Zeichen hat Erdogan von der islamistischen Muslimbruderschaft in Ägypten übernommen, die damit an die blutige Niederschlagung ihrer Proteste auf dem Kairoer Rabaa-Platz erinnerte. Der Name des Platzes stammt eigentlich von einer Sufi-Heiligen des 8. Jahrhunderts, doch bedeutet Rabaa auf Arabisch auch „vier“ - daher der Vierfingergruß.

Die Muslimbruderschaft hatte im Juli 2013 auf dem Platz gegen den Sturz von Präsident Mohammed Mursi durch das Militär protestiert. Im August räumte das Militär dann den Platz, wobei hunderte Menschen getötet wurden. Erdogan kritisierte damals die Absetzung Mursis ebenso wie die verhaltene Reaktion des Westens auf den Militärputsch scharf. (APA/AFP)


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