Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 23.03.2017


MCI

Lektion in Zivilcourage mit Snowdens Anwalt

Der Anwalt Robert Tibbo, die Asylwerberin Vanessa und andere haben Snowden versteckt, als er der meistgesuchte Mann der Welt war.

Snowden-Anwalt Robert Tibbo am Mittwoch am MCI.

© MCISnowden-Anwalt Robert Tibbo am Mittwoch am MCI.



Von Floo Weißmann

Innsbruck – Helden der Zivilgesellschaft haben am Mittwochabend die Aula des Management Centers Innsbruck (MCI) zum Bersten gefüllt. Der bekannteste von ihnen heißt Edward Snowden. Er hat vor bald vier Jahren das weltweite Überwachungssystem der amerikanischen und befreundeten Geheimdienste enthüllt. Snowden war nicht persönlich anwesend, aber dafür ein anderer, ohne den es diese Geschichte wohl nie gegeben hätte: Robert Tibbo, Snowdens Hongkonger Anwalt, der den meistgesuchten Mann der Welt versteckt und nach Russland geschafft hat, wo er vorerst vor dem Zugriff westlicher Geheimdienste sicher ist. Und er macht klar, dass es hier nicht allein um die Routine eines Rechtsbeistands geht: „Snowden hat einen großartigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.“

Der Tag, der Tibbos Leben veränderte, war der 10. Juni 2013. Snowden, vormals Geheimdienst-Insider, hatte sich nach Hongkong abgesetzt und dort in einem Hotelzimmer vor Journalisten ausgepackt. Doch an die Zeit danach hatte er offenbar nicht gedacht. Die Story ging um die Welt und Snowden saß quasi auf dem Präsentierteller für Agenten. Als Tibbo frühmorgens eingeschaltet wurde, war ihm sofort klar, „dass wir ihn vom Radarschirm bringen“ mussten.

Der Menschenrechtsanwalt hatte einen guten Namen unter Asylwerbern in Hongkong. Diese bat er nun um Hilfe. „Niemand würde erwarten, dass ein Mann wie Snowden bei dieser Gruppe lebt“, erklärt Tibbo. Er brachte den Aufdecker bei Familien unter, die selbst kaum überleben.

„Sie haben erkannt, dass er Unterstützung und Schutz braucht“, sagt Tibbo. Damit tauchen in der Aula des MCI weitere Helden auf, deren Namen nicht um die Welt gingen und die doch entscheidend dazu beigetragen haben, dass der Westen eine ganz neue Debatte über Überwachung, Freiheit und Rechtsstaat erlebte. „Ich bin nicht sicher, ob Snowden ohne sie heute noch unter uns wäre“, sagt Tibbo.

Eine von ihnen, Vanessa von den Philippinen, schaltet er live aus Hongkong zu, wo es schon nach Mitternacht ist. Vanessa hat andere Sorgen als die Zukunft der Demokratie: Am Freitag veranstalten die Behörden in Hongkong in ihrem Fall eine Anhörung, ihr droht die Deportation. Sie verabschiedet sich mit den Worten: „Danke vielmals an alle, die uns unterstützen.“

Tibbo und Verbündete versuchen derzeit, für Vanessa und die anderen notleidenden Snowden-Helfer Asyl in Kanada zu bekommen. Zwar würden die Familien gerne in Europa unterkommen, berichtet er. Doch „Kanada ist das einzige Land der Welt, in dem man um Asyl ansuchen kann, ohne dort zu sein.“

Aus den Geschichten von Snowden, jenen von Tibbo selbst („eine Zeitlang habe ich mich um mein Leben gesorgt“) und der Asylwerber entsteht eine Collage aus Zivilcourage. „In der Demokratie geht es darum, sich jeden Tag, jede Woche, jeden Monat zu beteiligen“, sagt Tibbo. Das will er auch als Botschaft an seine Zuhörer in Österreich verstanden wissen. „Wenn sie Snowden unterstützen, dann sollten sie ihre Stimme erheben. (...) So entsteht Bewusstsein in der Gesellschaft.“

Und der Aufdecker selbst? Dessen Status in Russland sei für die nächsten drei Jahre gesichert, sagt Tibbo auf Nachfrage der TT. Andere Länder nehmen ihn nicht, und einen Prozess in den USA kann Snowden derzeit nicht riskieren. Er ist nach wie vor angeklagt auf der Grundlage des uralten Espionage Acts, der es ihm nicht erlaubt, sich auf die Redefreiheit und das öffentliche Interesse zu berufen. Für Tibbo handelt es sich ohnehin um eine politische Frage.

Der Anwalt übt sich bis auf Weiteres in Optimismus. „Snowden steht auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Eines Tages, gibt er zu verstehen, werde der Aufdecker zurückkehren können – „aber erst in der fernen Zukunft“.