Letztes Update am Fr, 07.07.2017 09:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


G20-Gipfel

“Welcome to Hell“: Dutzende Verletzte bei G20-Demo in Hamburg

Bis zu 12.000 Linksautonome erschienen zu der als besonders brisant eingestuften G20-Kundgebung am Donnerstag. Nachdem sich Vermummte unter die Demonstranten gemischt hatten, stoppten die Beamten den Zug. Pfefferspray und Wasserwerfer wurden eingesetzt.

In einigen Straßen brannten Barrikaden.

© ReutersIn einigen Straßen brannten Barrikaden.



Hamburg - Zwischen Demonstranten und Polizei hat es vor dem G20-Gipfel in Hamburg massive gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Die Polizei setzte bei der Kundgebung "Welcome to Hell" Wasserwerfer ein, gewalttätige Demonstranten zerschlugen Schaufenster und warfen Flaschen auf die Beamten. In einigen Straßen brannten Barrikaden.

Nach Angaben der Hamburger Polizei beruhigte sich die Lage am späten Donnerstagabend. Auch Beobachter an den Brennpunkten des Abends berichten, dass die Polizei Wasserwerfer und Beamte abziehe. Für Freitag in der Früh planten die Protest-Veranstalter allerdings bereits weitere Demonstrationen gegen das Treffen der großen Wirtschaftsmächte.

Die Polizei meldete bis Mitternacht insgesamt 76 verletzte Polizisten, drei von ihnen mussten demnach im Krankenhaus behandelt werden. Piloten eines Polizeihubschraubers erlitten nach Angaben der Polizei Augenverletzungen durch Laserpointer. Auch zahlreiche Demonstranten wurden den Veranstaltern zufolge verletzt - einige ernsthaft.

Keine schweren oder lebensbedrohlichen Verletzungen

"Es hätte schlimmer kommen können." Dieses Fazit zog gegen 1.30 Uhr ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr. Bis kurz nach Mitternacht sei die Feuerwehr knapp 60 Mal zu Rettungseinsätzen gerufen worden. Eine genaue Zahl der Verletzten konnte der Sprecher nicht geben. Es habe jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt keine sehr schweren oder gar lebensbedrohlichen Verletzungen gegeben.

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Andreas Blechschmidt von den Anmeldern von "Welcome to Hell" ("Willkommen in der Hölle") sagte unter Berufung auf Aussagen von Anwälten der Demonstranten, es habe bis späten Donnerstagabend zwischen 10 und 20 Festnahmen gegeben. Bei der Kundgebung setzte die rigoros vorgehende Polizei Wasserwerfer und Pfefferspray ein und trieb die rund großteils friedlichen Teilnehmer der Demonstration auseinander. Laut Blechschmidt waren mehr als 10.000 Teilnehmer bei der Demonstration. Die Polizei hatte von 12.000 Teilnehmern gesprochen.


Nach Polizeiangaben hatten sich etwa 1000 Vermummte unter die Demonstranten gemischt - was die Beamten aber nicht duldeten. Die Maskierung ist in Deutschland verboten. Der Veranstalter erklärte den Demonstrationszug nach gut einer Stunde für beendet. Dieser war nur wenige Meter weit gekommen.

Tausende Demonstranten versammelten sich am Donnerstagabend in Hamburg.
Tausende Demonstranten versammelten sich am Donnerstagabend in Hamburg.
- AFP

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac verurteilte die Strategie der Polizei. "Die Auseinandersetzungen bei der Demonstration "Welcome to Hell" waren eine Eskalation mit Ansage: Es ist offenkundig, dass diese Demonstration nach dem Willen von Polizei und Senat nie laufen sollte", sagte Roland Süß vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis.

Auch die Veranstalter von "Welcome to Hell" warfen der Polizei ein unverhältnismäßiges Vorgehen vor. Noch während man Demonstranten aufgefordert habe, ihre Vermummung abzulegen, sei die Polizei bereits massiv gegen Protestierende vorgegangen.

Ein Polizeisprecher betonte: "Eine Vermummung in einem Aufzug ist ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz und wird von uns nicht geduldet." Man habe versucht, den "Schwarzen Block" der Linksautonomen von den friedlichen Demonstranten zu trennen - dann hätte die Kundgebung fortgesetzt werden können. Dies sei aber nicht gelungen.

Aus der Menschenmenge lösten sich anschließend immer wieder einzelne Gruppen, die in Nebenstraßen verschwanden. Gewalttäter rüsteten sich laut Polizei mit Gerüstteilen und Steinen aus, errichteten Hindernisse auf Straßen und zündeten diese zum Teil an. An einem Kaufhaus im Stadtteil Altona, an Banken und am Amtsgericht gingen Scheiben zu Bruch.

Fahrräder und andere Gegenstände angezündet

Ein Feuer vor dem linksautonomen Kulturzentrum "Rote Flora" wurde nach Angaben der Polizei gelöscht. Demonstranten hätten Fahrräder und andere Gegenstände angezündet. Teilweise seien die Flammen drei Meter hoch geschlagen, twitterte die Polizei.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte am späten Abend, es gebe mittlerweile viele Kleingruppen, die durch die Stadt zögen. Diese errichteten Barrikaden, Beamte würden angegriffen. Nachdem Polizei und Aktivisten miteinander Gespräche geführt hatten, formierten sich neue Demonstrationszüge im Bereich St. Pauli und Reeperbahn. Bereits nach kurzer Zeit wurden wieder Wasserwerfer eingesetzt, der Polizei zufolge gab es erhebliche Sachbeschädigungen. Insgesamt seien gegen Mitternacht noch etwa 6000 Demonstranten auf Hamburgs Straßen unterwegs gewesen, erklärte die Polizei.

Begonnen hatte die Aktion gegen den G20-Gipfel friedlich am Hamburger Fischmarkt, wo Musik gespielt und Reden gehalten wurden. Die Demonstration sollte von dort aus über die Reeperbahn bis etwa 300 Meter an die Messehallen heran gehen. Keine andere Demonstration darf dem G20-Tagungsort in den Messehallen näher kommen.

Anders als für andere Veranstaltungen hatte die Polizei für "Welcome to Hell" keine Auflagen erlassen. Anmelder Blechschmidt vom Kulturzentrum "Rote Flora" warf Innenbehörde und Verfassungsschutz dennoch vor, "eine massive Kampagne" gegen Demonstranten zu führen.

Mit Wasserwerfern ging die Polizei gegen die Krawallmacher vor.
Mit Wasserwerfern ging die Polizei gegen die Krawallmacher vor.
- AFP

Unterdessen wies das Hamburgische Oberverwaltungsgericht mehrere Beschwerden der globalisierungskritischen Organisation Attac zurück. Deren geplante Demonstrationen in der Hamburger Innenstadt am Freitag, dem ersten G20-Gipfeltag, bleiben damit vorerst verboten. Die Antragsteller können aber noch Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht einreichen. (APA/dpa/AFP/Reuters)


Weitere Demonstrationen mit Gewaltpotenzial

Die Gruppe "Block G20 - Colour the red zone" hat angekündigt, in die engste Hochsicherheitszone vordringen zu wollen. "Unser Ziel ist es, den Ablauf des G20-Gipfels spürbar zu stören und die Inszenierung der Macht, die der Gipfel darstellt, zu brechen", heißt es in einer Selbstdarstellung.
"Wir werden dazu einen massenhaften, öffentlich angekündigten Regelübertritt begehen. Unsere Aktionen sind ein gerechtfertigtes Mittel des massenhaften widerständigen Ungehorsams." Die Gruppierung hat um 7.00 Uhr zwei Treffpunkte angemeldet, einen weiteren nachmittags um 15.00 Uhr.
Um 19.30 Uhr ist eine "Revolutionäre Anti-G20-Demo" unter dem Motto "G20 entern - Kapitalismus versenken" angemeldet, die auf der Reeperbahn ihren Anfang nehmen soll. "Wir werden unsere Wut auf dieses System auf die Straße tragen", heißt es im Demonstrationsaufruf des Veranstalters, der sich selbst als Vertreter aus dem Spektrum der radikalen Linken beschreibt.
Zur Blockade der Hafen-Logistik hat das Bündnis "... ums Ganze!" aus linksradikalen und kommunistischen Gruppen aufgerufen. Es hat zwei Kundgebungen um 7.00 Uhr südlich der Elbe angemeldet, also abseits vom Gipfelgeschehen im Hafengebiet. "Ein Erfolg wäre es auch, wenn an dem Tag wichtige Knotenpunkte im Hafen blockiert sind", heißt es in dem Demo-Aufruf.
Insgesamt wurden für den Gipfel-Zeitraum an die 30 Kundgebungen bei den Behörden angemeldet.