Letztes Update am Fr, 09.02.2018 15:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrien

USA berufen sich nach Angriffen in Syrien auf „Selbstverteidigung“

Die USA könne sich nicht erklären, warum Regierungstruppen Stellungen der verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) angegriffen hätten. Menschenrechtsogranisationen sprechen von einer dramatischen humanitären Krise in Ost-Ghouta.

© AFP„Wir schalten uns nicht in den syrischen Bürgerkrieg ein." US-Verteidigungsminister Jim Mattis rechtfertigt den tödlichen Angriff auf syrische Regierungstruppen als "Selbstverteidigung".



Damaskus, Washington – Die USA haben sich nach einem tödlichen Angriff auf syrische Regierungstruppen auf ihr Recht auf „Selbstverteidigung“ berufen. US-Verteidigungsminister Jim Mattis versicherte am Donnerstag (Ortszeit) in Washington, die USA wollten sich nicht in den Bürgerkrieg einmischen.

Zuvor hatte die Regierung in Damaskus die Luftangriffe in der östlichen Provinz Deir Essor als „Kriegsverbrechen“ bezeichnet. Zugleich setzte sie selbst ihre Bombardements auf die Rebellenhochburg Ost-Ghouta unvermindert fort.

Mehr als hundert Tote bei Luftangriff

Die US-geführte Koalition gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte in der Nacht zu Donnerstag nahe der Stadt Deir Essor einen Angriff der syrischen Regierungstruppen auf verbündete Einheiten mit Kampfflugzeugen und Artillerie zurückgeschlagen. Nach Angaben eines US-Militärvertreters wurden dabei mehr als hundert gegnerische Kämpfer getötet.

Syrische Regierungstruppen setzen ihren Anrgiff auf Ost-Ghouta fort. Menschenrechtler sprechen von merh als 230 toten Zivilisten.
- AFP

„Es war Selbstverteidigung“, sagte Mattis vor Journalisten. „Wir schalten uns nicht in den syrischen Bürgerkrieg ein.“ Mattis nannte den Vorfall „verwirrend“; er könne sich nicht erklären, warum die Regierungstruppen Stellungen der mit den USA verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) angegriffen hätten, an denen sich auch US-Spezialkräfte aufgehalten hätten.

Syrien spricht von „Kriegsverbrechen“

Das syrische Außenministerium nannte die US-geführten Angriffe ein „Kriegsverbrechen“. Russlands UN-Botschafter, Wassili Nebensia, kritisierte sie als „kriminell“. Nach einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats sagte Nebensia, er habe die USA daran erinnert, „dass sie illegal in Syrien sind“. Ihre Aktivitäten in Syrien beschränkten sich keineswegs nur auf den Anti-Terror-Kampf.

Die US-Armee unterstützt die SDF mit Waffen, Militärberatern und Spezialkräften im Kampf gegen die IS-Miliz. Dass die US-Armee auch nach dem Sieg über die Extremistengruppe in Syrien bleiben will, stößt in Damaskus sowie bei deren russischen und iranischen Verbündeten auf Kritik. Sie fürchten, dass sich Washington so ein Mitspracherecht bei der Nachkriegsordnung sichern will.

In den vergangenen Wochen hat die syrische Regierung die Angriffe auf die letzten Rebellenhochburgen in Idlib und Ost-Ghouta massiv verstärkt. Eine Forderung der UNO nach einer einmonatigen humanitären Waffenruhe fand im UN-Sicherheitsrat am Donnerstag keine Zustimmung. Die USA unterstützten die Forderung, doch Russland nannte sie „nicht realistisch“.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron forderte den russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Angaben des Elysee-Palasts am Freitag in einem Telefonat auf, „alles zu tun“, damit die syrische Regierung „die unhaltbare Verschlechterung der humanitären Lage“ in Ost-Ghouta und Idlib zu beenden. Zudem äußerte er sich besorgt über Hinweise auf den wiederholten Einsatz von Chlorgas gegen die syrische Zivilbevölkerung in den vergangenen Wochen.

Menschenrechtler sprechen von 230 toten Zivilisten

Die syrischen Regierungstruppen setzten unterdessen ihr Bombardement auf Ost-Ghouta unvermindert fort. In den vergangenen vier Tagen seien dort bei Regierungsangriffen rund 230 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter etwa 60 Kinder, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag.

Syrische Jets flogen seit Montag heftige Luftangriffe auf Ost-Ghouta. Die Menschenrechtler meldeten mehr als 700 Verletzte. Aktivisten in der Region sprachen sogar von 1700 Verletzten. Auch am Freitag starben bei Luftangriffen laut den Menschenrechtlern sechs Menschen. „Seit 2011 gab es kein solches Bombardement, wie wir es in den letzten 96 Stunden erlebt haben“, sagte ein Arzt in Duma namens Hamsa.

In der Stadt im Nordosten der syrischen Hauptstadt ertönten am Vormittag nach einigen Stunden Ruhe Warnungen aus den Lautsprechern der Moscheen: „Aufklärungsflugzeug am Himmel, räumt die Straßen!“ Wenig später trafen erste Luftangriffe die benachbarte Stadt Arbin, wo schon am Donnerstag zwei Dutzend Menschen getötet worden waren.

Mehr als 400.000 Menschen leben in Ost-Ghouta seit 2013 unter Belagerung; es fehlt an Medikamenten und Lebensmitteln, Hunger ist weit verbreitet. Laut Save the Children leben 4000 Familien aus Angst vor Luftangriffen dauerhaft in Kellern und Bunkern. Die Hilfsorganisation forderte daher ein sofortiges Ende der Kämpfe und die Aufhebung der Belagerung. (APA/AFP/dpa)




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