Letztes Update am Mi, 04.04.2018 12:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Giftaffäre

„Groteske Provokation“: Moskau mahnt Westen zur Vernunft

Sergej Naryschkin, Chef des russischen Auslandsgeheimdiensts, hat die Reaktion des Westens nach dem Giftanschlag auf Ex-Spion Skripal als „unverantwortliches Spiel“ verurteilt. Die russische Regierung fordert eine Entschuldigung von Großbritannien.

© AFPErmittler des britischen Militärs nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter im englischen Salisbury.



Moskau, London – Der Chef des russischen Auslandsgeheimdiensts, Sergej Naryschkin, hat den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal als „groteske Provokation“ der Geheimdienste Großbritanniens und der USA bezeichnet.

Ein Teil der europäischen Staaten habe jedoch keine Bedenken, London und Washington „ohne mit der Wimper zu zucken zu folgen“, sagte der Geheimdienstchef am Mittwoch während einer internationalen Sicherheitskonferenz in Moskau.

Russland und der Westen sollten auf Gewalt in den internationalen Beziehungen verzichten und zu einem „vernünftigen Dialog zurückkehren“. Es gelte, eine neue Kuba-Raketenkrise wie im Oktober 1962 zu verhindern. Damals stand die Welt am Rand eines Atomkrieges. Naryschkin fügte hinzu, das „unverantwortliche Spiel“ müsse aufhören, bei dem der „Einsatz immer wieder erhöht“ werde.

Kreml fordert Entschuldigung

Der Kreml verlangte unterdessen von London eine Entschuldigung, nachdem ein britisches Militärlabor die russische Herkunft des Nervengifts im Fall Skripal nicht nachweisen konnte. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, sagte während dessen Besuchs in Ankara am Dienstagabend, der „Schwachsinn“ in der Angelegenheit um den Giftanschlag auf Skripal und seine Tochter Julia sei „zu weit gegangen“.

„Ihre Theorie wird sich auf keinen Fall bestätigen, weil es nicht möglich ist, sie zu bestätigen“, sagte der Sprecher. Der britische Außenminister Boris Johnson, der Putin persönlich beschuldigt, und Premierministerin Theresa May müssten „auf die eine oder andere Art ihren EU-Kollegen ins Auge schauen“. Auf die eine oder andere Art müssten sie sich auch bei Russland entschuldigen.

London und seine Verbündeten, darunter Deutschland, machen Russland für den Giftanschlag auf die beiden Skripals am 4. März in der südenglischen Stadt Salisbury verantwortlich. Vater und Tochter kamen in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus. Die Tochter ist mittlerweile auf dem Weg der Besserung.

Russische Herkunft des Gifts nicht nachgewiesen

Der Chef des in der Nähe des Anschlagsorts gelegenen britischen Porton Down Labors, Gary Aitkenhead, hatte am Dienstag erklärt, die Untersuchungen hätten ergeben, dass bei dem Anschlag ein Nervengift militärischer Art aus der Nowitschok-Gruppe verwendet wurde. Aber sein Labor habe „nicht die genaue Herkunft“ aus Russland nachweisen können. Es sei auch nicht die Aufgabe seines Labors, nachzuweisen, wo ein solches Gift hergestellt worden sei.

Der Fall Skripal hat zu der schwersten diplomatischen Krise zwischen Russland und Großbritannien sowie zahlreichen weiteren westlichen Staaten seit dem Kalten Krieg geführt. Als Konsequenz aus dem Anschlag wiesen Großbritannien und mehr als 20 Partnerländer wie Deutschland, Frankreich und die USA dutzende russische Diplomaten aus; Russland wies daraufhin seinerseits dutzende westliche Diplomaten aus.

Österreich beteiligte sich nicht an der Diplomatenausweisung und bekannte sich zum Dialog mit Moskau.

Briten weisen Angebot Russlands als „pervers“ zurück

Einen Vorschlag Russlands zu gemeinsamen Ermittlungen im Fall Skripal wie Großbritannien als „pervers“ zurück. Das sei ein Ablenkungsmanöver Russlands, um Fragen auszuweichen, twitterte die britische Delegation bei der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) am Mittwoch in Den Haag.

Der Exekutivrat der Kontrollbehörde berät zurzeit in Den Haag über die Nervengift-Attacke auf Skripal und dessen Tochter vor einem Monat im britischen Salisbury. Moskau weist die britischen Vorwürfe vehement zurück und will an den Ermittlungen beteiligt werden.

„Russlands Vorschlag zu einer gemeinsamen britisch-russischen Ermittlung zu dem Salisbury-Vorfall ist pervers“, twitterten die britischen Diplomaten. Die Sitzung der OPCW findet unter strikter Geheimhaltung auf Antrag Russlands statt. (APA/AFP/Reuters/dpa)