Letztes Update am Fr, 11.05.2018 08:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nicaragua

Zwölf Verletzte bei Attacke auf Studenten in Nicaragua

Die Proteste gegen Nicaraguas autoritären Staatschef Ortega halten an – obwohl umstrittene Reformpläne des einstigen Revolutionärs längst vom Tisch sind. Die Regierung will nun die katholische Kirche als Vermittler einschalten. Bewaffnete gehen gegen Studenten vor.

© Reuters/Oswaldo RivasAm Donnerstag protestierte in Nicaraguas Hauptstadt Managua zudem eine Bewegung von Müttern und Großmüttern, die eine Aufklärung der Todesfälle von Studenten während der Proteste forderten.



Managua – In Nicaraguas Hauptstadt Managua haben Bewaffnete ein von protestierenden Studenten seit drei Wochen besetztes Universitätsgebäude angegriffen. Mindestens zwölf Menschen seien verletzt worden, sagte ein Sprecher der Studenten am Donnerstagabend (Ortszeit) aus dem Gebäude telefonisch dem TV-Sender Canal 15. Hinter dem Angriff vermuten die Studenten nach seinen Worten eine von der Regierung geschickte Truppe.

Die Proteste gegen Staatschef Daniel Ortega hatten sich Mitte April an einer umstrittenen Reform der Soziaversicherung entzündet. Obwohl Ortega diese zurückzog, fordern Demonstranten weiter seinen Rücktritt und den seiner Frau, Vizepräsidentin Rosario Murillo.

Die Angreifer seien in Zivil gekleidet gewesen und hätten bei ihrer Attacke auf die Polytechnische Universität (Upoli) im Norden Managuas verschiedene Waffen bei sich gehabt, berichtete der Studentensprecher namens Edwin weiter. „Wir glauben, dass sie Mitglieder der Sandinistischen Jugend oder Polizisten in Zivil waren“, sagte er. Die Verletzten, darunter Studenten und Anwohner, würden in private Krankenhäuser gebracht, die sie kostenlos behandeln wollten.

Demonstranten fordern Aufklärung von Todesfällen

Die Regierung Nicaraguas ihrerseits hatte am Donnerstag ihre Bereitschaft für einen nationalen Dialog mit zivilen Organisationen signalisiert, bei dem sie die katholische Kirche als Vermittler einschalten will. Sie warte nur darauf, dass die Bischofskonferenz des Landes dafür Vertreter ernenne, die die Gespräche begleiten sollen, sagte Murillo. Ob die Opposition des zentralamerikanischen Landes ebenfalls an dem Dialog teilnimmt, ließ die Vizepräsidentin offen.

Die Proteste gegen Ortega werden vor allem von Studenten angeführt. Am Donnerstag protestierte in Nicaraguas Hauptstadt Managua zudem eine Bewegung von Müttern und Großmüttern, die eine Aufklärung der Todesfälle von Studenten während der Proteste forderten. Nach Angaben von Menschenrechtlern kamen bei den Auseinandersetzungen mehr als 60 Menschen ums Leben. Die Regierung sprach jedoch von nur etwa zehn Toten.

Der frühere Rebellenkommandeur Ortega hatte bereits nach dem Sieg der sandinistischen Revolution von 1985 bis 1990 Nicaragua regiert und war 2007 an die Macht zurückgekehrt. Ortega hat sich von seinen sozialistischen Idealen verabschiedet und fährt mittlerweile einen eher neoliberalen Wirtschaftskurs. Kritiker werfen ihm vor, eine autoritäre Familiendynastie an der Staatsspitze zu etablieren und öffentliche Gelder über dunkle Kanäle in die Taschen seines Clans zu leiten. (dpa)