Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.06.2018


Blick von außen

Aktivistinnen in Nigeria: Wenn Frauen dem Terror trotzen

Wie die nigerianischen Aktivistinnen mit ihrer Kampagne #BringBackOurGirls ihr Land veränderten und zum Vorzeigebeispiel im Kampf gegen Extremismus wurden.

© AFP



Von Petra Ramsauer

Hadiza Bala Usman hat vor zwei Jahren einen der schwierigsten Jobs in ihrer Heimat angenommen: Sie wurde von Präsident Muhammadu Buhari höchstpersönlich als Chefin der Aufsichtsbehörde der Hochseehäfen Nigerias eingesetzt.

Drei Viertel aller Exporte und Importe des Landes laufen über diese zentralen Wirtschafts- und Verkehrsadern der afrikanischen Großmacht. Hadiza Bala Usman macht ihren Job gut – sogar extrem gut, wie ihr die Redaktion des Wirtschaftsmagazin forbes in einem Porträt bescheinigte. Darin wird die 41-Jährige als „unglaubliche Frau“ bezeichnet, der es zu gelingen scheint, den gigantischen Korruptionssumpf in diesem für Nigeria zentralen Wirtschaftsbereich trockenzulegen: Milliarden-Euro-Beträge, die im Genehmigungs-Chaos an den Häfen versickert waren, hat sie zutage gebracht.

Die Autorin: Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als Krisen- und Kriegsberichterstatterin tätig. Ramsauer hat mehrere Bücher ("Die Dschihad-Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht.") veröffentlicht.
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Als entschlossene und sehr mutige Kämpferin gegen Unrecht ist sie in Nigeria aber schon seit Jahren Legende in ihrer Heimat. Vor vier Jahren hat sie die Initiative #BringBackOurGirls („Bringt unsere Mädchen zurück“) ins Leben gerufen. Es war eine verzweifelte Protestaktion über soziale Medien im Internet, um den Druck auf die politische Führung Nigerias zu erhöhen: 276 Schülerinnen waren am 14. April 2014 in der nordöstlichen Stadt Chibok aus den Schlafräumen ihres Internats von Terroristen der Gruppe Boko Haram entführt worden. Wochen vergingen, die Mädchen blieben spurlos verschwunden. Es war kein Einzelfall: Bereits Tausende Menschen, vor allem Jugendliche, hatten die radikal-islamistischen Extremisten in den Jahren zuvor entführt. Doch die Größenordnung war ein Schock.

Zwei Wochen nach dem Vorfall trommelte Hadiza Bala Usman gleichgesinnte Frauen zusammen, um „irgendetwas zu tun“, wie sich heute erinnert. Aus der spontanen Unmutskundgebung wurde eine in ihrer Größenordnung nie da gewesene Internetkampagne. Michele Obama, die damalige First Lady der USA, heftete sich die Note #BringBackOurGirls auf ihre Auftritte im Nachrichtendienst Twitter, ließ sich mit einem Zettel mit dem Schriftzug fotografieren. Der Papst tat es, wie Millionen andere auch.

Jetzt, vier Jahre später, zeigt sich, es war die Geburtsstunde einer Zivilbewegung in Nigeria, die eine gesamte Gesellschaft verändern könnte. Die steile Karriere von Hadiza Bala Usman, erst in der Politik, nun als Krisenmanagerin, ist ein Indiz des Prozesses. Der Kampf um die Freilassung der Mädchen wurde zum Auslöser einer breiten Bewegung, der es um Bildung für den weiblichen Teil der Gesellschaft, um die Durchsetzung von Frauenrechten und vor allem um den Kampf gegen militanten Extremismus geht. #BringBackOurGirls wurde so etwas wie eine kleine Revolution.

„Ich erfuhr von der Entführung, während ich in den USA war, bei einem Mentoring-Programm für weibliche Führungskräfte, das vom dortigen Außenministerium organisiert war“, berichtet Florence Ozor, eine weitere Organisatorin der Bewegung. „Ich war entsetzt, als ich dann zurückkam und bemerkte, dass überhaupt nichts Ernsthaftes getan wurde, niemand redete darüber. Das änderte sich schlagartig, als sich unser Aufschrei wie ein Lauffeuer über soziale Medien verbreitete.“ Die 38-jährige Expertin für Internationale Beziehungen hat unterdessen eine eigene Organisation gegründet, in der es um die Stärkung von Frauen in dem Land geht: „Bei den ursprünglichen Protesten mussten wir ziemlich viel Gegenwind aushalten: Wir wurden belästigt, gegängelt, bedroht. Es hieß, wir würden uns nicht an die guten Sitten halten. Doch wir haben diesen Kampf nicht aufgegeben.“

Denn die Übergriffe der radikalen Islamisten im Nordosten gegen Frauen sind in ihrer Brutalität zwar einzigartig, doch in dem 186-Millionen-Einwohnerland, das dreimal so groß wie Deutschland ist, sind Frauen vor allem diejenigen, die in den erzkonservativen und verarmten Regionen massiv benachteiligt werden. Trotz der gigantischen Dimension des Landes, den vielschichtigen Kulturen, Ethnien und Sprachgruppen, ist dieses Muster in ganz Nigeria verbreitet. In der Agenda der Terrormiliz Boko Haram wurde die Haltung zur Kriegserklärung gegen die Stärkung von Frauen auf die Spitze getrieben. Übersetzt bedeutet der Name der Gruppe: „Westliche Erziehung ist eine Sünde.“ Ihren Krieg richten sie vor allem gegen Schulbildung für Frauen.

Seit 2009 ist die Gruppe aktiv und führt im Nordosten einen regelrechten Bürgerkrieg gegen die Regierung, mit dem Ziel, in dieser vorwiegend muslimisch geprägten Region einen islamistischen Gottesstaat zu etablieren. Dies mit brachialer Gewalt. Bereits vor drei Jahren verkündete man eine Allianz mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Seither gelingt es den Extremisten trotz Teilerfolgen der Regierungstruppen immer wieder, an Boden zu gewinnen. 1,6 Millionen Menschen sind vor der Gewalt in der Region geflohen, mindestens 100.000 kamen um. Und auch die Entführungen gingen weiter. Erst im Februar wurden in der Stadt Dapchi weitere 76 Mädchen in ihrer Schule gekidnappt. Sie sind spurlos verschwunden, wie auch über hundert der 2014 entführten Mädchen.

Verheerend sind die Folgen für die gesamte junge Generation im Nordosten Nigerias: 600 Lehrer und Lehrerinnen wurden in dieser Region getötet, 19.000 Pädagogen sind geflohen, 910 Schulen wurden von Boko Haram zerstört, 1400 mussten aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Mittlerweile besuchen zwei Drittel aller Mädchen und jungen Frauen in dem Krisengebiet keine Schule mehr.

Nigeria ist da eigentlich kein Sonderfall: Mehr und mehr kristallisiert sich so heraus, dass Dschihadisten, ob in Syrien, dem Irak oder in Afghanistan, verstärkt Frauen ins Visier nehmen. Und gleichzeitig zeigen die Aktivitäten der Nichtregierungsorganisationen, die im Umfeld der #BringBackOurGirls-Bewegung entstanden sind, dass im Krieg mit den Extremisten ein Veränderungsprozess der gesamten Gesellschaft möglich ist; vor allem, wie auch die Anti-Terror-Experten des UN-Sicherheitsrats bestätigen, können Frauen der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen Extremismus sein.

Die aufmüpfigen nigerianischen Aktivistinnen beließen es nicht dabei, unaufhörlich an das ungeklärte Schicksal der entführten Frauen zu erinnern. An sicheren Räumen für Schulbildung wird zusätzlich gearbeitet; an Perspektiven für vor allem junge Frauen. Denn der Krieg gegen die Frauen hat einen weiteren gefährlichen und fast zynischen Kreislauf in Gang gebracht: Armut wächst sprunghaft an und in Vertriebenen-Lagern wurden mehrere Fälle dokumentiert, in denen Familien Mädchen an die Terrorgruppe „verkauften“. Aus Geldnot, aber auch aus ideologischen Gründen. Sie werden genauso wie auch die Entführungsopfer in vielen Fällen von Boko Haram brutal indoktriniert und als Selbstmord­attentäterinnen in den Terrorkrieg geschickt: Insgesamt 434 Selbstmordanschläge wurden in Nigeria zwischen 2011 und dem Vorjahr verübt. Eine gemeinsame Studie der Yale-Universtität und des Zentrums für Bekämpfung von Terrorismus in Westpoint untersuchten diese Anschläge in dem Zeitraum. Bei 338 konnte man das Geschlecht des Attentäters bestimmen: 224 waren Frauen oder Mädchen, manchmal noch im Volksschulalter.

Frauen als Opfer, als Täterinnen: Um gegen beide Facetten der Folgen des Boko-Haram-Terrors zu kämpfen, sei es nötig, dass Frauen auf die Barrikaden steigen, betont Aisha Yesufu, die nun Aufklärungskampagnen der #BringBackOurGirls-Bewegung leitet: „Viele haben im Nordosten Nigerias so große Angst vor der Gruppe, dass sie sich nicht mehr aus der Deckung wagen. Doch wir Frauen müssen aufzeigen, dass wir eine Geschichte anbieten können, die Hoffnung gibt. Ich bin eine Aktivistin gegen Extremismus und ich bin eine Muslimin. Eine moderne Frau, die sich wehren kann und die Erfolg haben kann. Dies müssen wir in unserem Land verankern.“