Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.06.2018


Weltpolitik

Kurz in Israel: Neue enge Bande im Schatten der Shoah

Bundeskanzler Kurz betonte die Verantwortung Österreichs für den Holocaust und setzt auf enge Bande mit Israel in der Zukunft.

© APABundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in der Halle der Erinnerung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.Foto: APA/Jäger



Von Christian Jentsch

Jerualem – Der Besuch von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Israel steht ganz im Zeichen des Gedenkjahres und der historischen Verantwortung Österreichs für die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten und deren Kollaborateure. Bei seinem Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entzündete er in der Halle der Erinnerung die Flamme für die Opfer. Und er betonte die Verantwortung Österreichs für den Holocaust. „Auf Österreich liegt eine schwere Schuld. Wir sind verantwortlich für unsere Geschichte und müssen alles unternehmen, dass so etwas nie wieder geschehen kann.“

Begleitet wurde Kurz von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP). Österreich will sich mit einer Million Euro am geplanten Bau eines neuen Shoah Heritage Collections Centers beteiligen. Dieses neue Zentrum soll einen wichtigen Beitrag zur fortgesetzten Erforschung des Holocausts leisten.

Kurz und der Yad-Vashem-Vorsitzende Avner Shalev unterzeichneten ein Grundsatzabkommen, das Yad Vashem den Zugang zum Österreichischen Staatsarchiv und der Mauthausen-Gedenkstätte ermöglicht. Shalev und Faßmann unterzeichneten ein Abkommen, das Hunderten Lehrenden die Möglichkeit bieten soll, an Schulungen in Yad Vashem teilzunehmen.

Deborah Hartmann von der International School for Holocaust Studies, die Kurz und seine Delegation durch Yad Vashem führte, erinnerte den Bundeskanzler an seine Verantwortung für die Zukunft. Sie kritisierte, dass es bei Kurz’ Koalitionspartner FPÖ noch immer Politiker gebe, „denen man erklären muss, was die Shoah war, von welcher Katastrophe wir eigentlich sprechen“. Auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, nimmt die FPÖ in die Pflicht. Mit der Aufarbeitung der Geschichte könne es nicht weit her sein, wenn man seitens der FPÖ 30 antisemitische Vorfälle seit Regierungseintritt beobachten musste. Er lobte aber auch Kurz für dessen konsequenten Kampf gegen Antisemitismus.

Kurz sprach von einem „bewegenden Moment“ in der Holocaust-Gedenkstätte. „Österreich ist sich seiner Verantwortung – spät aber doch – bewusst geworden.“ Er betonte, sich auch im Rahmen des EU-Ratsvorsitzes für Israel einsetzen zu wollen. Es brauche mehr Bewusstsein und Empathie für die äußerst schwierige Situation Israels. Im Rahmen des österreichischen EU-Vorsitzes könnte es auch ein Treffen der EU-Außenminister mit Israels Premier Benjamin Netanjahu geben. Eine Botschaftsverlegung nach Jerusalem komme derzeit nicht in Frage.

Kurz besichtigte auch das Herzl Museum zu Ehren des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl. Am Grab des ehemaligen Präsidenten Shimon Peres wurde ein Kranz niedergelegt. Auch die Besichtigung der „Max Rayne Hand in Hand School“ der Jerusalem Foundation stand auf dem Programm. Die 1998 gegründete Schule ist die einzige weltweit, in der hebräisch und arabisch sprechende Kinder vom Kindergarten bis zum Schulabschluss gemeinsam unterrichtet werden.

Oskar Deutsch sprach von einem Zeichen, das in Zeiten erneut wachsenden Antisemitismus gesetzt werden müsse. Und auch er betonte die Notwendigkeit, mehr Verständnis für Israel aufzubringen. „In Israel wollen die Menschen keinen Krieg und sehnen sich nach Frieden“, so Deutsch. Beim Besuch von österreichischen Holocaust-Überlebenden sprach Kika Goren vom Zentralkomitee der Juden aus Österreich in Israel von der immer noch schmerzenden Sehnsucht nach Österreich, trotz all der Gräuel, welche die Juden in Österreich erleiden mussten. Gideon Eckhaus, Vorsitzender des Zentral-komitees, wünscht sich den Austausch von israelischen und österreichischen Jugendlichen. Auch er betonte, dass trotz aller Gräuel Österreich seine zweite Heimat bleibe.

Heute trifft Kanzler Kurz Premier Benjamin Netanjahu. In einer Zeit, in der nach der Aufkündigung des Atomabkommens durch US-Präsident Donald Trump das Kriegsgeheul zwischen Israel und dem Iran immer lauter wird. In einer Zeit, in der eine Friedenslösung im Nahost-Konflikt in weite Ferne gerückt zu sein scheint. Am Nachmittag spricht Kurz dann als Ehrengast beim Global Forum des American Jewish Committee in Jerusalem.




Kommentieren


Schlagworte