Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Exklusiv

Türkei unter Erdogan: Ein Klima der Angst

Die türkische Anthropologin und Autorin Ayse Cavdar erzählt im TT-Gespräch, warum sie ihre Arbeit nicht in ihrer Heimat machen kann.

Präsident Recep Tayyip Erdogan formt die Türkei nach seinem Belieben. Für Intellektuelle bedeutet das nichts Gutes.

© AFPPräsident Recep Tayyip Erdogan formt die Türkei nach seinem Belieben. Für Intellektuelle bedeutet das nichts Gutes.



Von Serdar Sahin

Wien – Kritiker des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP werden eingeschüchtert oder gar eingesperrt. Für Intellektuelle und Akademiker herrscht in dem Land ein Klima der Angst. Entweder sind sie auf Regierungslinie oder sie werden zu Feinden erklärt.

Die türkische Autorin, Journalistin und Anthropologin Ayse Cavdar gehört etwa zu jenen Akademikern, die Anfang 2016 einen Aufruf für Frieden in den Kurdengebieten unterzeichnet haben – über 1100 Intellektuelle haben sich der Petition angeschlossen. Viele ihrer Kollegen wurde deshalb wegen Terrorpropaganda angeklagt.

Cavdar, die derzeit an der Philipps-Universität in Marburg tätig ist und sich anlässlich der Präsentation des Buches „Nach dem Putsch. 16 Anmerkungen zur ‚neuen‘ Türkei“ diese Woche in Wien aufhielt, muss ihre Arbeit deshalb im Ausland fortführen.

„Der Grund, warum ich nicht in die Türkei reisen kann, ist, dass ich meinen Job dort nicht ordentlich machen kann“, erzählt sie im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Eines der größten Probleme sei, dass man nicht wisse, welche Aktionen und Worte welche Folgen hätten. Man könne jemanden vergrätzen und dann „kann einem alles passieren“. Das zeige, dass die Justiz eben nicht unabhängig sei.

Ob sie fürchtet, festgenommen zu werden, wenn sie zurückkehrt? Sie kenne niemanden, der keine Angst davor hat, verhaftet zu werden. „Auch wenn ich nicht verhaftet werde, werde ich keinen Job finden und mein Leben nicht bestreiten können.“ Es gehe der Regierung eigentlich weniger um Haftstrafen, sondern vielmehr darum, den Menschen zu sagen, dass sie schweigen sollen. „Und zu schweigen bedeutet, dass ich meinen Job nicht machen kann.“

Cavdar empfindet gleichzeitig Wehmut, während sie diese Worte ausspricht, wie sie sagt. „Weil es mir ein Herzensanliegen wäre, in der Türkei zu arbeiten. Aber in meiner Situation ist das sehr schwierig.“ Cavdar forscht nämlich zu Religiosität, Islamismus und städtischer Entwicklung. „In diesen Bereichen forschen zu können, ist fast unmöglich. Deswegen bin ich vorübergehend im Ausland.“

Sie möchte aber wieder in die Türkei, „weil das nicht nur meine Heimat ist, das Land ist mein Forschungsfeld. Da will ich auch etwas weiterbringen. Ich will dort nützlich sein.“

Trotz allem ist sie optimistisch, was die Zukunft des Landes angeht. Erdogans AKP sei von einer inklusiven Partei zu einer Partei geworden, die „verschiedene Segmente der Gesellschaft“ ausschließe. Das birgt ihrer Ansicht nach auch Möglichkeiten: In einer Krise liege die Hoffnung immer bei den marginalisierten Gruppen. Weil diese nicht Teil des aktuellen Problems seien, könnten sie zu einer Lösung beitragen. Sie ist überzeugt davon, dass diese eine Lösung finden werden.

Ayse Cavdar: Die Anthropologin forscht zu Islamismus. Sie kam auf Einladung des „Wiener Instituts für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit“ nach Wien.
Ayse Cavdar: Die Anthropologin forscht zu Islamismus. Sie kam auf Einladung des „Wiener Instituts für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit“ nach Wien.
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