Letztes Update am So, 12.05.2019 07:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Friedensmission in Mali: „Ich bin wenig optimistisch“

Belachew Gebrewold, Professor am MCI, spricht über den Konflikt in Mali und Sinn und Unsinn des EU-Einsatzes im afrikanischen Land.

Während die EU malische Einsatzkräfte trainiert, sind Soldaten der UN (hier in der Stadt Mopti), besonders aus afrikanischen Staaten, im Friedenseinsatz.

© AFPWährend die EU malische Einsatzkräfte trainiert, sind Soldaten der UN (hier in der Stadt Mopti), besonders aus afrikanischen Staaten, im Friedenseinsatz.



Innsbruck – Hier Separatisten, da Islamisten, dort eine instabile Regierung – seit einem Militärputsch vor sieben Jahren herrscht Chaos in Mali. Das Land im Westen Afrikas, bevölkert von mehr als 18 Millionen Menschen, kommt schwer wieder auf die Beine. Neben UN-Blauhelmsoldaten sind seit dem Jahr 2013 auch Militärs und Polizisten aus der Europäischen Union in Mali stationiert – darunter auch Truppen aus Österreich, unter dessen Kommando die Mission seit Kurzem steht. Belachew Gebrewold, Professor am MCI in Innsbruck, glaubt, dass der Hilfseinsatz noch lange dauern wird.

Belachew Gebrewold
(Afrika-Experte): „Dass die Europäische Union nicht aus Nächstenliebe agiert, weiß die Bevölkerung von Mali ganz genau.“
Belachew Gebrewold
(Afrika-Experte): „Dass die Europäische Union nicht aus Nächstenliebe agiert, weiß die Bevölkerung von Mali ganz genau.“
- Gebrewold

Herr Gebrewold, wozu braucht Mali die Unterstützung der Europäer?

Belachew Gebrewold: In dem Land sind die Truppen der EU für Training malischer Streitkräfte, bisher etwa 13.000 Soldaten, und die Beratung der dortigen Institutionen zuständig. Das ist durchaus notwendig, weil vieles aus den Fugen geraten ist.

Ist es auch richtig?

Gebrewold: Wenn mit den anderen Akteuren vor Ort gut und eng zusammengearbeitet wird, dann gibt es nichts einzuwenden. Das wären in diesem Fall sowohl die Vereinten Nationen als auch die lokalen politischen Kräfte. Richtig ist es auch, wenn der Einsatz dem Schutz von Zivilisten dient.

Funktioniert das auch immer?

Gebrewold: Schwierig. Einerseits geraten sowohl UN- als auch EU-Truppen leicht zwischen die Fronten. Es gibt in Mali viele verschiedene Allianzen, ethnische Gruppen, die miteinander verfeindet sind, die Situation ist sehr unübersichtlich. Andererseits liegt der Fokus der Mission nicht alleinig auf der Sicherheit der Bevölkerung.

Sondern?

Gebrewold: Die Europäische Union und allen voran Frankreich, das in Mali schon seit 2013 aktiv ist, wollen im Grunde primär Migration verhindern und die Jihadisten. Es geht darum, dass die Menschen in Mali bleiben können, nicht fliehen müssen und deshalb nicht nach Europa kommen. Ähnlich verhält es sich ja auch mit der sogenannten „Entwicklungspolitik“, die im Grunde „Migrations-Verhinderungs-Politik“ heißen müsste. Dass die EU nicht aus Nächstenliebe agiert, weiß die Bevölkerung von Mali ganz genau. Allerdings können kurz- und mittelfristig mehr Entwicklung und Sicherheit sogar Migration fördern. Außerdem, laut offizieller EU-Asyl- und Migrationsstatistik 2018 kamen aus keinem afrikanischen Land so viele Menschen nach Europa wie aus Syrien oder dem Iran. Aber interessanterweise ist im EU-Wahlkampf die Migration aus Afrika das zentrale Thema.

Dann sollte die EU ihr Engagement in dem afrikanischen Staat beenden?

Gebrewold: Kein Einsatz ist auch keine Lösung, weil in vielen Bereich wirklich Hilfe vonnöten ist.

Werden diese Schwierigkeiten dafür sorgen, dass die Lage auf unbestimmte Zeit instabil bleibt?

Gebrewold: Ich bin wenig optimistisch und befürchte, dass der Konflikt noch lange dauern wird. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es ein riesiges Land mit geringer Bevölkerungsdichte ist, wo bewaffnete Gruppen viele Verstecke vorfinden.

Wie sieht der Weg zum Ziel aus?

Gebrewold: Zuerst müssen die Unruhestifter entwaffnet und demobilisiert werden. Noch viel wichtiger ist aber die Reintegration, die nachher folgen muss. Heißt: Die Menschen brauchen Arbeit, müssen in einen Alltag ohne Krieg zurückfinden.

Das Gespräch führte Benedikt Mair


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