Letztes Update am So, 02.06.2019 07:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Seidenstraße

„Wir wollen nicht nur als Transitland gesehen werden“

Kairat Sarybay, Kasachstans Botschafter in Österreich, im TT-Interview über die Seidenstraße, Tiroler Firmen und den Fall Alijew.

Bis vor Kurzem hieß die Hauptstadt Astana. Nun wurde sie in Nursultan umbenannt.

© AFPBis vor Kurzem hieß die Hauptstadt Astana. Nun wurde sie in Nursultan umbenannt.



Die Seidenstraße führt durch Kasachstan. Sie ist aber umstritten. Was sagen Sie den Kritikern?

Kairat Sarybay: Kasachstan hat keinen Zugang zum Meer. Deswegen ist es für uns wichtig, die Transportwege zu verbessern, damit wir stärker in die Weltwirtschaft eingebunden sind. Wir sind immer für Initiativen, die zum Ziel haben, uns mit der Welt zu vernetzen. In der Sowjetzeit führten alle Wege nach Moskau. Jetzt sind wir durch verschiedene internationale Initiativen viel besser vernetzt nach Süden, Osten und Westen. Dazu gehört auch das EU-Konzept von Traseka – das ist ein Transportkorridor von Europa über den Kaukasus nach Asien.

Kairat Sarybay: Der kasachische Diplomat ist seit 2014 Botschafter in Öster­reich. Davor war er Botschafter in Deutschland und der Türkei.
Kairat Sarybay: Der kasachische Diplomat ist seit 2014 Botschafter in Öster­reich. Davor war er Botschafter in Deutschland und der Türkei.
- Botschaft Kasachstan

Die Chinesen betrachten Kasachstan als einen wichtigen Knotenpunkt. Das Wichtigste ist aber, dass wir nicht nur als Transitland betrachtet werden. Wir würden gern die chinesische Produktion in Kasachstan ansiedeln, damit wir diese Produkte nach Europa liefern können. Damit würde man die Transportwege verkürzen. Umgekehrt tun wir auch alles dafür, dass die europäische Industrie in Kasachstan aktiv wird.

Was tut Kasachstan, um von Öl unabhängiger zu werden? Die arabischen Länder setzen ja sehr auf Tourismus.

Sarybay: Derzeit liefern wir 80 Prozent unserer Erdölexporte nach Europa. Jeder dritte Liter von Benzin oder Diesel in Österreich stammt aus kasachischer Produktion. Irgendwann versiegen die Quellen aber. Dank der Rohstoffexporte haben wir genügend Mittel, um in die Branchen Industrie, Agrar, Transport, Finanzen und Tourismus zu investieren.

Welche Projekte verfolgen Sie mit Tirol?

Sarybay: Kasachstan ist unter Jägern schon sehr bekannt – besonders in Tirol. Darüber hinaus sind Tiroler Firmen in vielen Branchen aktiv. So hat das Innsbrucker Unternehmen Posch & Partner eine Machbarkeitsstudie zur Modernisierung des Wasserversorgungs- und Abwassersystems in Semey durchgeführt. Auch Firmen wie Swarovski, Tiroler Rohre oder ILF Consulting Engineers sind in Kasachstan tätig.

Nursultan Nasarbajew ist nach 30 Jahren als Staatschef überraschend zurückgetreten. Was bedeutet das für Ihr Land?

Sarybay: In unserer Ecke der Welt ist es wohl das erste Mal, dass jemand freiwillig seine Macht abgibt. Nasarbajew hat damit gezeigt, dass der Dienst für die Nation wichtiger ist als ein Posten. Er hat seinen Rücktritt ausführlich vorbereitet. Nasarbajew hat früh institutionelle Reformen eingeleitet. Wir haben jetzt viel mehr Vertrauen in unsere Polizisten. Wir führen einen Kampf gegen Korruption. Dabei müssen wir Vorgänge in Behörden transparenter machen. Es gibt große Fortschritte, obwohl wir uns beim Korruptionsranking von Transparency International (TI) nur auf Rang 124 von 180 befinden. Das hat aber folgenden Grund: Je stärker wir Korruption bekämpfen, desto mehr wird sie öffentlich registriert. Es war notwendig, eine stark­e präsidiale Demokratie zu haben für unsere ersten 25 Jahre. Wir mussten viel aufholen. Heute befinden wir uns auf einem anderen Level. Und wir schauen uns an, was für ein System wir brauchen.

Wohin orientiert sich Kasachstan dabei – nach Osten oder nach Westen?

Sarybay: Man kann nicht das System, das etwa für Österreich geeignet ist, auf Kasachstan ummünzen. Wir haben eine andere Kultur und Herkunft. Wir haben andere Nachbarn und eine andere Bevölkerungsstruktur – 130 unterschiedliche Ethnien leben in Kasachstan. Alle diese Faktoren sind wichtig, um zu sagen, dass wir unser eigenes Modell haben wollen und nicht das von der Schweiz oder Singapur. Aber wir bedienen uns der Erfahrung von unterschiedlichen internationalen Akteuren.

Der Fall Alijew hat die Beziehungen zwischen Österreich und Kasachstan schwer belastet. Wie sind die Beziehungen derzeit?

Sarybay: Es gibt immer noch Bereiche, die zeigen, dass die Angelegenheit noch nicht ganz abgehakt ist. Kasachische Diplomaten dürfen immer noch nicht ohne Visa einreisen. Aber wir haben immer noch sehr gute wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Wir haben sieben Konsulate – also in fast jedem Bundesland. So gibt es seit November 2017 im BTV-Stadtforum in Innsbruck ein Honorarkonsulat, das vom Vorstandschef der Bank für Tirol und Vorarlberg (BTV), Gerhard Burtscher, geleitet wird.

Das Gespräch führte Serdar Sahin