Letztes Update am Fr, 20.09.2019 17:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Vertrag von Saint-Germain: „Der Rest ist Österreich“

Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Saint-Germain unterzeichnet: „Uns geschieht Unrecht!“

Der Nachfolgestaat der Donaumonarchie wurde mit Deutschland als Urheber des Ersten Weltkrieges bezeichnet.

© ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.comDer Nachfolgestaat der Donaumonarchie wurde mit Deutschland als Urheber des Ersten Weltkrieges bezeichnet.



Von Rolf Steininger

Am 2. Mai 1919 wurde die Regierung in Wien von den in Paris tagenden Siegern aufgefordert, zehn Tage später eine mit den nötigen Vollmachten ausgestattete Delegation zur Entgegennahme und Prüfung der Friedensbedingungen nach Saint-Germain zu entsenden.

Die Delegation unter Leitung des 49-jährigen sozialdemokratischen Staatskanzlers Karl Renner (SPÖ) traf dort am 14. Mai ein und wurde bei völliger Absperrung in der Villa Reinach untergebracht. Ihr erging es wie der deutschen Delegation: Kontakt nach außen war nicht gestattet. Am 2. Juni übergab Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau als Vorsitzender der Friedenskonferenz den Entwurf des 300 Seiten umfassenden Friedensvertrages. Der spätere Ausspruch Clemenceaus kennzeichnete treffend dessen Inhalt: „Der Rest ist Österreich.“ Deutschösterreich wurde als Nachfolgestaat der k. u. k. Doppelmonarchie behandelt und mit Deutschland als alleiniger Urheber des Krieges bezeichnet. Weitere Bedingungen:

Südtirol und das Kärntner Kanaltal fielen an Italien, die Südsteiermark und das Kärntner Mießtal an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Jugo­slawien). Den niederösterreichischen Grenzstreifen um Feldsberg und Böhmzeil erhielt die Tschechoslowakei. Anerkennung der Territorien der unabhängigen Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Änderung des Namens „Deutschösterreich“ in „Österreich“. Verbot des Anschlusses an das Deutsche Reich (Art. 88). Verpflichtung zu Wiedergutmachungsleistungen. Verbot der Wehrpflicht (30.000 Mann starkes Berufsheer gestattet).

Zur Person

O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.

Renner stellte in seiner in französischer Sprache gehaltenen Antwortrede fest, dass das neue Österreich nicht als Rechtsnachfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie zu betrachten und zu behandeln sei, denn „die Donaumonarchie, mit der die alliierten Mächte Krieg geführt und mit der sie den Waffenstillstand geschlossen haben, hat am 12. November 1918 zu bestehen aufgehört. [...] Es gab nur mehr acht Nationen ohne Staat, und diese schufen sich über Nacht eigene Parlamente, eigene Regierungen und eigene Heere, kurz, ihre eigenen Staatswesen. Unsere junge Republik ist wie alle anderen entstanden und ist ebensowenig wie diese die Nachfolgerin der Monarchie.“

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Franz Klein, der Vertreter des Außenministeriums, schrieb nach Wien: „Nur der erste Teil der Friedensbedingungen, aber der reicht uns, um zu verzweifeln. Im Verhältnis nimmt man uns noch mehr Land als Deutschland. Derselbe gemeine Hass, der den Deutschland angebotenen Frieden durchzieht, lebt sich nun gegen uns aus, und hier sind es hauptsächlich die Tschechen und Slowenen, denen man nachgegeben hat. Sie greifen zu oder dürfen zugreifen, als wenn sie den größten Sieg über uns errungen hätten. Ein wüster, unwahrscheinlicher Traum, wie man glauben möchte, wenn es nicht so entsetzlich wahr wäre. Machen wir uns auf das Schlimmste gefasst. Das Grässliche unserer Lage wird uns aber nur langsam aufgehen. Kein Schimmer, der uns Mut einflößen könnte, wenn wir ‚selbstständig‘ – ein Hohn auf die Stellung, in die wir geraten – bleiben müssen.“

Südtirol würde verloren gehen. Einer der drei Tiroler Vertreter in Saint-Germain, der Christlichsoziale Dr. Franz Schumacher, vor dem Krieg Kreisgerichtspräsident in Trient, schrieb an die Landesregierung in Innsbruck:

„Was die Gebietsbestimmungen betrifft, wurden wie bei den übrigen Ländern, so auch bei den Tirolern die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Nicht nur das ganze Gebiet südlich der Waffenstillstandslinie [...] soll an Italien verloren gehen, sondern auch noch ein Teil des außerhalb dieser Linie gelegenen Pustertals; das altehrwürdige Innichen, das schwer geprüfte Sextental, die Gemeinden Vierschach und Winnebach sollen der imperialistischen Ländergier der Italiener zum Opfer fallen.“

Vergebliches Bemühen um Korrekturen

Unmittelbar nach Übergabe der Friedensbedingungen fuhr Karl Renner nach Feldkirch in Vorarlberg, wo die übrigen Mitglieder der Regierung auf ihn warteten. Ein Mitglied meinte, der Vertragsentwurf reiße die wertvollsten Gebiete von Österreich los, „so dass uns fast nichts bleibt als das felsige unfruchtbare Gebirgsmassiv der Alpen und die Hauptstadt Wien, deren Existenzbasis durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie zerstört ist. So wird Deutschösterreich zu einem wirtschaftlich schlechthin unmöglichen Gebilde.“

Gemeinsam erarbeitete man jetzt zwei Memoranden – am 10. und am 16. Juni – und versuchte, zu retten, was zu retten war. Man ging ausführlich auf die einzelnen Themen ein und lehnte vor allem die neuen Grenzen ab. Über Südtirol hieß es:

„Nach so viel Leid und Bangigkeit, die ein heldenhaftes und auch auf seine ruhmreiche Vergangenheit stolzes Volk zu ertragen hatte, schreitet man daran, das Land Andreas Hofers zu zerstückeln und Südtirol endgültig der Fremdherrschaft zu unterwerfen; man greift sogar auf Gebietsteile, die beim Waffenstillstand der Besatzung entgangen sind.“

Österreich bot eine Neu­tralisierung ganz Tirols und die Schleifung aller Befestigungsanlagen in Südtirol an, forderte gleichzeitig für alle umstrittenen Gebiete eine Volksabstimmung. Alles war vergeblich. Am 20. Juli erfolgte die Übergabe der kompletten Fassung der Friedensbedingungen. Die Siegermächte erwarteten ultimativ eine Stellungnahme Österreichs innerhalb von zehn Tagen. Immerhin gelang es Renner, die Frist bis auf den 10. August zu verlängern. Außenminister Otto Bauer zog die Konsequenzen aus seiner gescheiterten Anschlusspolitik und trat zurück.

Ein letzter Rettungsversuch

Am 4. Mai machte die Tiroler Landesregierung einen letzten Versuch, die Einheit zu erhalten. In der Erklärung hieß es:

„In historischer Stunde, in der über das Schicksal Tirols die Würfel fallen sollen, erklärt sich die Tiroler Landesversammlung neuerdings und feierlich im Namen des Landes bereit, zur Rettung Südtirols jedes Opfer zu bringen.

Sie beauftragt daher die Landesregierung, der Pariser Friedenskonferenz zur Kenntnis zu bringen, dass Tirol entschlossen ist, von dem vom Präsidenten Wilson als Grundlage eines gerechten Friedens wiederholt zugesicherten Selbstbestimmungsrecht Gebrauch zu machen und das geschlossene deutsche und ladinische Landesgebiet bis zur Salurner Klause als selbstständigen, demokratischen und neutralen Freistaat Tirol auszurufen, falls nur dadurch die Einheit dieser Gebiete erhalten bleiben kann.

Damit soll dem Wunsche und Bedürfnis des ganzen Landes nach einem dauernden Frieden Ausdruck verliehen und allen militärischen Gründen für eine Annexion Südtirols der Boden entzogen werden.

Die Landesversammlung erklärt aber auch gleichzeitig, dass, wenn entgegen den allseitig als Friedensgrundlage angenommenen Grundsätzen des Präsidenten Wilson Südtirol, in Vergewaltigung seines Selbstbestimmungsrechtes, abgetrennt werden sollte, das übrige Tirol zur Erhaltung seiner wirtschaftlichen Lebensfähigkeit keine andere Wahl mehr hat, als sich an die deutsche Republik anzuschließen.

Diese Erklärung ist durch die Landesregierung auch allen zuständigen Stellen des In- und Auslandes zu übermitteln.“

Auch dies blieb ohne Auswirkungen auf das Schicksal Südtirols. (Allerdings fand am 24. April 1921 dann in die Tirol die Abstimmung über den Anschluss an Deutschland statt.)

Annahme unter „feierlichem Protest“

Am 6. September nahm die Nationalversammlung in Wien den Friedensvertrag „unter feierlichem Protest vor aller Welt“ mit 97 gegen 23 Stimmen an. Die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an dieser Abstimmung. Gegen mehrere Artikel wurde Protest eingelegt, vor allem gegen jene betreffend die Abtrennung verschiedener Landesteile. Karl Renner betonte in dieser Sitzung:

„Das, was uns aufgebürdet bleibt, ist ungeheuerlich, und es gibt wohl keinen einzigen Staatsbürger in Deutschösterreich, der nicht die Empfindung hätte: Uns geschieht Unrecht ... Die Delegation hat vom ersten bis zum letzten Tage das nationale Selbstbestimmungsrecht aller Deutschen Österreichs verteidigt, sie hat um jeden Landstrich, um jede Stadt, um jedes Dorf gerungen, und schmerzlich ist das Einbekenntnis, dass dieser Kampf in der Hauptsache ohne Erfolg geblieben ist. Wir standen einer Mauer gegenüber.“

Für die Südtiroler Abgeordneten hieß es in dieser Sitzung Abschied nehmen. Einer der bekanntesten von ihnen, Eduard Reut-Nicolussi, ergriff zum letzten Mal das Wort. Er ahnte, was kommen würde. Was er sagte, sollte zum Vermächtnis werden:

„Gegenüber diesem Vertrage haben wir mit jeder Fieber unseres Herzens, in Zorn und Schmerz nur ein Nein! Ein ewiges, unwiderrufliches Nein! (Stürmischer Beifall im ganzen Haus, in den auch die dicht gefüllten Galerien einstimmen.) Es wird jetzt in Südtirol ein Verzweiflungskampf beginnen, um jeden Bauernhof, um jedes Stadthaus, um jeden Weingarten. Es wird ein Kampf sein mit allen Waffen des Geistes und mit allen Mitteln der Politik. Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir – eine Viertelmillion Deutscher – gegen 40 Million Italiener stehen, wahrhaft ein ungleicher Kampf.“

Am 10. September 1919, um 11.00 Uhr, unterzeichnete Karl Renner in Saint-Germain den Friedensvertrag zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und Deutschösterreich. Unmittelbar danach meinte er:

„Wir werden den redlichen Versuch unternehmen, allein auf uns gestellt fortzukommen. Die Welt behauptet, dass wir es können; so müssen wir selbst daran glauben.“


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