Letztes Update am Mi, 04.09.2013 16:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT Interview

Was die Menschen in Syrien verdienen

Valerie Amos, UNO-Not­hil­fe­ko­or­di­na­tor­in, im TT-Interview über das menschliche Gesicht des Krieges und die Mühen der Helfer.



Wer sind die Leute in Syrien, die Hilfe brauchen?

Valerie Amos: Das Gesicht der Krise ist sehr stark das von Frauen und Kindern. Es gibt etwa 6,8 Millionen Menschen, die verzweifelt Hilfe benötigen. Zwei Drittel mussten flüchten. Etwa die Hälfte davon sind Kinder, dazu viele Frauen.

Welche sind derzeit die größten Probleme?

Amos: Die Krise hat das ganze Land und die Infrastruktur erfasst. Der Gesundheitssektor ist zerstört; viele Ärzte haben das Land verlassen und Arzneifabriken sind zerstört. Die Elektrizitätswirtschaft wurde beschädigt – vielerorts gibt es keinen Strom. Bauern gelangen nicht mehr zu ihren Feldern; es gibt weniger Nahrung und die Lebensmittelpreise sind enorm gestiegen. Die Währung hat 70 Prozent ihres Werts verloren.

Hat die Welt angemessen auf die Krise reagiert?

Amos: Es gibt einen politischen Stillstand im Weltsicherheitsrat. Deshalb gibt es keine politische Lösung. Die humanitäre Seite davon ist, dass immer mehr Menschen betroffen sind. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben wir 1,5 Mrd. Dollar benötigt und beinahe die gesamte Summe aufgebracht. Aber seitdem mussten wir den Bedarf auf 4,4 Mrd. Dollar erhöhen. Die enorme Anstrengung der Helfer vor Ort wird nicht genügend beachtet. Es wird oft betont, was wir nicht schaffen, und zu wenig betont, was wir erreicht haben.

Wir gefährlich ist die Lage für die Helfer?

Amos: Elf UNO-Mitarbeiter und zwanzig Mitarbeiter des Syrischen Roten Halbmondes sind getötet worden. In Damaskus hört man andauernden Beschuss. Unsere Kollegen müssen sich durch viele Checkpoints durchverhandeln, wenn sie Hilfe etwa von Damaskus nach Aleppo bringen wollen.

Könnten Sie es sich aussuchen: Welche Maßnahmen würden Sie einführen, um die Krise besser zu bewältigen?

Amos: Der größte Bedarf besteht am Zugang zu den Menschen, die Hilfe benötigen. Ebenso wichtig sind die erforderlichen Mittel. Es ist sehr teuer, in einer Konfliktzone zu operieren, weil etwa die Leute, die die Lastwagen fahren, ihr Leben riskieren. Und natürlich braucht es einen Dialog, der zu einer Lösung des Konflikts führt.

Würden Sicherheitskorridore helfen?

Amos: Das Problem mit Sicherheitskorridoren und kampffreien Zonen ist, dass sie überwacht und gesichert werden müssen. Weil so viele Gruppen in Syrien operieren und es so schwer ist, Einverständnis zwischen ihnen herzustellen, bräuchte man dafür wahrscheinlich eine externe Truppe. Und das geht nicht ohne Resolution des Weltsicherheitsrats.

Wie besorgt sind Sie, dass die Krise auf die Nachbarländer übergreift?

Amos: Das ist bereits passiert. Das ist eine regionale Krise. Kein Land der Welt könnte so viele Flüchtlinge aufnehmen wie etwa der Libanon, ohne dass es Auswirkungen auf dieses Land hat. Im Libanon machen die Syrer 16 Prozent der Bevölkerung aus, vielleicht mehr. Stellen Sie sich vor, die Bevölkerung Österreichs würde in kurzer Zeit um 16 Prozent wachsen, und diese Leute wären Flüchtlinge. Wir müssen den Nachbarländern umfangreiche Hilfe leisten – für das Gesundheitssystem, das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt ...

Was kann und soll Europa beitragen?

Amos: Die EU kann einen enormen Beitrag leisten, indem sie einige Flüchtlinge aufnimmt. Die EU hat auch einen großen finanziellen Beitrag zur humanitären Hilfe geleistet. Sie ist einer der größten Geldgeber. Ich hoffe auch, dass die Menschen in Europa weiterhin anerkennen, dass die Menschen in Syrien Unterstützung benötigen. Sie müssen weiterhin ihre Stimme erheben und auf eine politische Lösung des Konflikts drängen.

Wie schlimm wird die Krise noch werden?

Amos: Wenn der Konflikt andauert, werden (noch mehr) Menschen versuchen, Syrien zu verlassen. Zugleich wissen wir, dass nicht jeder fliehen kann.

Wir müssen auch erkennen, dass es (nach dem Konflikt) zehn Jahre brauchen wird, Syrien wieder aufzubauen – nach den günstigsten Schätzungen. Wir reden auch kaum über die emotionale Stabilität. Wir haben eine Generation von Kindern traumatisiert.

Wie frustrierend ist es, das Chaos aufzuräumen, das andere Leute geschaffen haben?

Amos: Die Menschen, die ich treffe, treiben mich an. Ich besuche viele Orte, wo die Dinge hoff­nungs­los erscheinen. Die Stärke, die die Menschen dort zeigen, die Dankbarkeit dafür, dass wir unter schwierigen und ge­fähr­li­chen Umständen arbeiten, ist unermesslich. Die Leute wünschen sich dasselbe wie wir: Frieden, Sicherheit, Stabilität, ein anständiges Gesundheitssystem, Bildung für ihre Kinder und sie wollen eine Zukunft sehen. Dazu etwas beizutragen, ist unglaublich. Wir versuchen, einen Unterschied zu machen. Die Menschen verdienen nichts weniger als das.

Das Gespräch führte Floo Weißmann




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