Letztes Update am Do, 06.07.2017 14:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Bern-Coach Adi Hütter: „Der größte Vorteil ist der Dialekt“

Auf Peter Stöger (Köln) und Ralph Hasenhüttl (RB Leipzig) folgt in der Rangliste der österreichischen Trainer-Legionäre schon Adi Hütter. Der Young-Boys-Bern-Coach sprach mit der TT auch über sein Aus in Salzburg.

Adi Hütter trainiert künftig die Eintracht.

© Julia HammerleAdi Hütter trainiert künftig die Eintracht.



Fügen – Zweimal in Folge führte der Vorarlberger Fußball-Trainer Adi Hütter den Schweizer Traditionsklub Young Boys Bern zur Vizemeisterschaft. Aktuell plant der 47-Jährige im Trainingslager in Fügen den nächsten Angriff auf Serienmeister FC Basel.

2010 hat das ORF-Landesstudio Vorarlberg eine Umfrage veröffentlicht. Die ergab, dass jeder zweite Vorarlberger gerne ein Schweizer wäre, so gesehen sind Sie in Ihrer Heimat angekommen. Fühlt man sich als Vorarlberger dort tatsächlich schneller heimisch?

Adi Hütter: Der größte Vorteil ist sicher der Dialekt: Die Vorarlberger Mundart ist dem Schweizerdeutsch sehr ähnlich. Die Interviews im Schweizer Fernsehen werden in der Regel auf Schweizerdeutsch geführt. Für mich war das kein Problem. Aber für Christian Peintinger (Co-Trainer aus der Steiermark, Anm.) war das am Anfang wie eine Fremdsprache. Wenn ich auf die angesprochene Umfrage antworten darf: Vorarlberg gehört zu Österreich und da darf man auch stolz darauf ein.

Sind die Schweizer wirklich so zurückhaltend, wie ihnen oft nachgesagt wird?

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Hütter: Viele glauben, die Schweizer sind eigene Leute. Von den Bernern muss ich das Gegenteil sagen. Die Menschen sind nett und zuvorkommend. Ich fühle mich wahnsinnig wohl.

Wie fällt der sportliche Vergleich der Schweizer Super League mit der österreichischen Bundesliga aus?

Hütter: Am Anfang hab’ ich gesagt: Die Schweizer Liga ist über die österreichische zu stellen. Es gib Parallelen: Die Zehnerliga, den FC Basel kann man mit RB Salzburg vergleichen, die Young Boys Bern mit Rapid. Der große Unterschied sind die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Möglichkeiten. Die Stadien sind besser besucht, in Österreich haben wir außerdem nicht so viel Geld für spektakuläre Spieler mit großen Qualitäten. In der Schweiz gibt’s da andere Möglichkeiten: Kim Kallström spielte bei Grasshoppers Zürich, wir haben Guillaume Hoarau, der bei Paris SG gespielt hat. In Österreich gibt es diese großen Persönlichkeiten nicht. Selbst ein Kampl oder ein Mane kamen als unbekannte Spieler.

Im September wären Sie zwei Jahre in Bern, in den vergangenen zehn Jahren war nur Uli Forte länger Trainer beim Verein. Auch eine Form von Auszeichnung?

Hütter: Es hängt immer alles mit den Resultaten zusammen. Die Schnelllebigkeit ist enorm. Markus Babbel (FC Luzern, Anm.) ist der dienstälteste Trainer in der Schweiz, dann komme schon ich. Du bist Woche für Woche gefordert, Ergebnisse zu bringen. Der Druck ist da. Aber das ist auch das, was mir gefällt.

Seit 30 Jahren warten die Young Boys Bern auf einen Titel ...

Hütter: Das gilt es zu ändern. Das ist mein allergrößter Reiz. Man kann sich gar nicht vorstellen, was in Bern los wäre. Wir wissen, dass wir mit dem FC Basel einen sehr guten Konkurrenten in der Liga haben, aber trotzdem ist es die Aufgabe, es zu versuchen und vielleicht Geschichte zu schreiben.

Dafür muss aber alles passen, oder?

Hütter: Bei 17 Punkten Rückstand klingt das fast unglaublich, aber wir hatten in der vergangenen Saison die bessere Bilanz in den direkten Duellen. Basels Stärke ist es, gegen die Kleinen, wo wir die Punkte liegen lassen, immer absolut zu punkten. An diesen Schrauben gilt es zu drehen.

Im Kader gab es einige Veränderungen. Zwei Spieler wurden für viel Geld in die deutsche Bundesliga verkauft, viele junge Akteure sind nachgekommen. Das Boulevardblatt Blick hat zuletzt provokant gefragt: Braucht Adi Hütter einen Kindergartenkurs?

Hütter: Wir wollten die Mannschaft verändern und junge, hungrige Spieler mit Entwicklungspotenzial holen. Zuletzt hat der Verein hohe Transfererlöse generiert. Davon lebt er ja auch. Ich finde, bei einem 20-Jährigen kann man nicht von „Kindergarten“ sprechen. Die Mischung zwischen Jung und Alt passt.

Ist es nicht kurios, dass Sie Red Bull Salzburg im Sommer 2015 mit der Begründung verlassen haben, kein Ausbildungstrainer sein zu wollen?

Hütter: Kein reiner Ausbildungstrainer. Die Bundesliga und die Super League sind ja prinzipiell Ausbildungsligen. Auch in Bern wird das forciert. In meiner Trainerlaufbahn habe ich immer junge Spieler weiterentwickelt: Aber eben nicht nur – so wie der Weg in Salzburg vorgegeben ist. Wobei dieser Weg ein guter ist. Garcia war jetzt auch nur eineinhalb Jahre Trainer. Salzburg macht es super. Nur muss jeder für sich selbst wissen, ob er dabei sein will oder nicht.

Ist die Situation jetzt in Bern nicht ähnlich?

Hütter: Wir haben trotzdem noch eine routinierte Mannschaft. Als ich nach Bern kam, war die Mannschaft alt. Wir mussten die Altersstruktur verändern. Vergleichen würde ich die beiden Situationen nicht.

Gibt es Visionen im Trainerleben des Adi Hütter?

Hütter: Visionen und Träume sollte man immer haben. Ich bin gerne in Bern, habe noch ein Jahr Vertrag und möchte den Menschen hier gemeinsam mit der Mannschaft eine Trophäe schenken. Eine Vision ist sicher, es irgendwann in die deutsche Bundesliga zu schaffen. Aber ich bin Realist. Man muss gute Ergebnisse bringen und Titel holen, um diese Chance zu vergrößern. Ich bin auch nicht der Typ, der beim ersten Angebot abhaut.

Zuletzt schlugen Sie den FC Wacker in einem Testspiel mit 3:0. Wie haben Sie die Leistung der Tiroler gesehen?

Hütter: Ich habe nach dem Match lange mit Karl (Daxbacher, Anm.) gesprochen. Ich denke, die Mischung passt. Ich habe ja Harrer, Maak und Pichler selbst trainiert. Der Karl ist außerdem ein super Trainer und ein guter Typ. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der FC Wacker auf einem der zwei Aufstiegsplätze landet. Mein Favorit ist die SV Ried.

In Österreich wird bald in einer 12er- und einer 16er-Liga gespielt. Was halten Sie von der Ligareform?

Hütter: Als Junger habe ich auch schon im Play-off-Modus gespielt. Das hab’ ich damals gar nicht als so schlecht empfunden. Aber da war ich jung, da war es noch wurscht, da hast du einfach gespielt (lacht). Die Frage ist immer: Was bringt es sportlich und wirtschaftlich? In der Schweiz wird viel über Attraktivität diskutiert. In Belgien wird der Play-off-Modus zum Beispiel gut angenommen. Es gibt aber bessere Leute als mich, die sich tagtäglich den Kopf darüber zerbrechen. Wichtig ist aus meiner Sicht: Beim wirtschaftlichen Denken darf das Sportliche nicht auf der Strecke bleiben.

Sind Sie tatsächlich das erste Mal im Zillertal?

Hütter: Bis jetzt bin ich nur auf der Autobahn vorbeigefahren. Es ist wunderschön hier und wir sind vom Hotel Held und vom Tourismusverband toll aufgenommen worden. Wir fühlen uns sehr wohl und werden gern ins Zillertal zurückkehren.

Das Gespräch führte Tobias Waidhofer