Letztes Update am Do, 14.06.2018 10:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


WM 2018

WM-Auftakt gegen Saudi-Arabien: Wie weit reicht Stanis Kraft?

Mit dem Auftakt-Match gegen Saudi-Arabien startet Gastgeber Russland heute (17 Uhr MESZ, ORF eins) in Moskau in die WM. Ex-Wacker-Coach Stanislaw Tschertschessow steht vor einer ganz schweren Mission.

© AFPAuf Teamchef Stani Tschertschessow sind spätestens ab heute alle Augen in Russland gerichtet.



Von Alex Gruber

Moskau, Innsbruck – Russland ist mit etwa 17 Millionen Quadratkilometern flächenmäßig der größte Staat der Erde und zählt über 140 Millionen Einwohner, von denen eine Vielzahl durchaus große Hoffnungen für die WM-Endrunde in der Heimat in sich trägt. Natürlich hofft auch Präsident Wladimir Putin, dass man sich trotz ausbleibender Testspielerfolge (zuletzt 1:1 gegen die Türkei und 0:1 gegen Österreich) achtbar aus der Affäre zieht. Und damit ist nach dem Vorrunden-Aus beim Confed-Cup 2017 ein Jahr später zumindest der Einzug ins Achtelfinale gemeint.

Viele möchten momentan nicht in der Haut von Stani Tschertschessow stecken. Jenem Mann, der 1996 nach Tirol kam, das Meistertriple mit dem FC Tirol feierte (2000–02), in seinen Anfangsjahren als Trainer beim FC Wacker begann, eine Wohnung in Rinn erwarb und nach vielen Stationen (Spartak Moskau, Sotschi, Terek Grosny, Amkar Perm, Dynamo Moskau) tatsächlich sein Heimatland in die WM führt. Dass er russischer Teamchef wird, hatte er bei seiner dritten WM-Teilnahme als Spieler 2002 schon jüngeren Kollegen prophezeit. Dass er da mit lädiertem Knie und mit 38 Lenzen als dritter Goalie noch einmal zu einer WM fliegen würde, hat im Vorfeld wahrscheinlich auch nur er selbst geglaubt. Aber glauben ist alles. Mit dieser Überzeugung stand er jahrelang zwischen den Pfosten und bereitete seine Mannschaft wie schon im Vorjahr in den Tiroler Bergen in Neustift auf das Großereignis vor.

So schön sich zumindest mit Tirol-Bezug die Akte Tschertschessow liest, so schwer scheint die Mission für die „Sbornaja“. Das liest sich nicht nur am FIFA-Ranking (aktuell 70.). Aufgrund von Verletzungssorgen musste man wieder Rekordspieler Sergei Ignaschewitsch (121 Einsätze) in den Kader berufen. Der mittlerweile 38-Jährige hatte 2001 in der Champions-League-Qualifikation einen 35-Meter-Freistoß gegen FC-Tirol-Goalie Marc Ziegler versenkt. Das wäre Tschertschessow (war verletzt) wohl nicht passiert. Vielleicht wäre dann nicht der riesengroße Konkurs gekommen ...

Mit „Hätti-wari-tati“ hat der 54-Jährige nichts am Hut. Ob seine Überzeugungskraft mit einem durchschnittlichen Team zur höheren WM-Reife reicht, wird aber schon gegen Außenseiter Saudi-Arabie­n auf dem Prüfstand stehen – weil viele Spieler bei tollen Bezügen lieber in der russischen Liga spielen. Geniale Legionäre wie Andrej Arschawin (Arsenal) und Roman Pawljutschenko (Tottenham) gehören der Vergangenheit an, einer wie Juri Schirkow (vormals Chelsea, jetzt St. Petersburg) ist mit 34 Lenzen auch in die Jahre gekommen. Viele hoffen, dass die erst 22-jährigen Zwillinge Alexej und Anton Mirantschuk, die mit Lok Moskau den Meistertitel gewonnen haben, explodieren. Mal schauen, ob sie Tschertschessow in die Start­elf beordert. Ein Sieg gegen Saudi-Arabien ist angesichts weiterer Gruppengegner wie Uruguay und Ägypten Pflicht.

Beim Test gegen das ÖFB-Team am Tivoli setzten Fedor Smolov (FK Krasnodar) und Aleksandr Samedov (Spartak Moskau) die meisten russischen Akzente, geprobt wurde im Vorfeld gegen sehr viele Favoriten (Brasilien, Argentinie­n, Belgien, Frankreich ...).

Dass Russland bei der 21. WM-Endrunde Weltmeister wird – die Quoten der Wettanbieter beginnen bei 1:40 –, scheint ausgeschlossen. Mit Uruguay (1930), Italien (1934), England (1966), Deutschland (1974), Argentinien (1978) und Frankreich (1998) konnte sechsmal ein Gastgeber feiern. Die WM 2014 hat Rekordweltmeister Brasilien mit einem 3:1-Sieg über Kroatien eröffnet.