Letztes Update am Do, 29.11.2018 10:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Pichis Box

Die kleine Chance auf ein besseres Leben als Fußballprofi

Ex-Wacker-Torschützenkönig Thomas Pichlmann war auf Scoutingreise in Nigeria unterwegs. In der TT schreibt der ehemalige ÖFB-Teamkicker über seine Eindrücke.

© PichlmannDer Traum vom Profi-Fußball lebt zunächst zwischen Hühnern und Betonwüsten.



Von Thomas Pichlmann

Nigeria, ein Land, wo ein paar Reiche zwischen viel Armut leben. Korruption durfte ich gleich bei meiner Ankunft kennen lernen, als mich der Beamte bei der Passkontrolle erst passieren ließ, als ich ihm 20 Euro gab – sonst hätte er meine Einreise blockiert. In meinen sieben Tagen in Afrika habe ich einiges über die Menschen, ihre Träume und Einstellungen zum Leben erfahren dürfen.

Victor Agali (Ex-Nationalspieler Nigerias und 4 Jahre Profi auf Schalke) sagte mir: „Als Kind wird dir gelehrt, dass du aus wenig bis nichts etwas machen sollst.“ Mein Ziel dieser Reise bestand darin, einen Fußballer zu finden, der die sportliche Qualität für Europa mitbringt. Drei Tage verbrachte ich in Enugu, sah dort und in der Hauptstadt Lagos jeweils 16 Spiele.

Ex-Schalke-Profi Victor Agali führte Thomas Pichlmann in die Geheimnisse des nigerianischen Fußballs ein.
- Pichlmann

Immer lief es nach dem gleichen Prinzip ab: Klubbesitzer lassen die besten Akteure spielen, auf der Tribüne sitzen Scouts aus verschiedenen Ländern. Die Besten werden eingeladen, am nächsten Tag wieder zu kommen. So reduziert sich die Spielanzahl von acht am ersten bis auf drei am dritten Tag. Jeder junge Mann zwischen 14 und 20 Jahren versucht, sich gut zu präsentieren, um mittels eines in Europa lebenden Vermittlungsmanns transferiert zu werden.

Beim ersten Blick erinnert das Szenario an Menschenhandel, aber wenn man sich mit dem Hintergrund auseinandersetzt, steckt viel mehr dahinter. Jeder, der es nach Europa schafft, wird in seiner Heimatstadt verehrt und hat es zu einem besseren Leben gebracht. Außerdem verkörpert er die Hoffnung, dass die ganze Familie ein besseres Leben hat. Es ist in diesen Kulturkreisen selbstverständlich, dass die ganze Familie vom Geldsegen profitiert. In Nigeria ist Fußball nahezu die einzige Chance, der Armut zu entgehen.

Fußball unter diesen Bedingungen wäre in Europa unvorstellbar.
- Pichlmann