Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.05.2019


Tirol

Erste Frauen-Partie im Tivoli: Werbung, auch von den Rängen

Die erste Frauen-Partie im Tivoli Stadion war nicht nur für die Wacker-Spielerinnen trotz 1:4-Niederlage gegen Tabellenführer St.?Pölten etwas Außergewöhnliches. Das Publikum gab dem Spiel eine ganz besondere Note.

Andrea Glibo feierte ihr Premieren-Tor in der Bundesliga.

© Thomas Boehm / TTAndrea Glibo feierte ihr Premieren-Tor in der Bundesliga.



Von Susann Frank

Innsbruck — Geschlossen gingen die Wacker-Spielerinnen zur Osttribüne und applaudierten ihrem Publikum, das sich trotz der 1:4-Niederlage gegen St. Pölten von den Sitzen erhoben hatte. „Leider hatten wir nichts zu feiern, aber wir hatten uns zu bedanken", sagte Wacker-Kapitänin Anna Innerhuber gestern. Und sie taten gut daran. Denn die Stimmung im Tivoli Stadion war eine Bereicherung für die Toppartie in der Frauen-Fußball-Bundesliga.

353 Menschen saßen trotz Muttertagsfeierlichkeiten und Kälte auf den Rängen, um das Spiel gegen den Tabellen-Ersten live mitzuerleben und es nicht daheim im Warmen vor dem Fernseher zu beobachten. Der diesbezügliche Zuschauerrekord war jedoch Nebensache, es ging um das Fußballspiel, in dem die Wacker-Damen gegen den Liga-Krösus die erste Viertelstunde gut mithielten, ehe der Faden riss:

Einmal wegen Lena Triendl. Durch ein Foul wurde die Schlüsselspielerin in der siebten Minute nicht nur am Tor gehindert, sie verletzte sich dabei auch schwer (Syndesmosebandriss). Doch statt Roter Karte sah die St. Pöltnerin Alexa Ben nur Gelb.

Mit der Auswechslung Triendls in der 16. Minute kippte auch die Partie: Innerhalb von vier Minuten erzielte St. Pölten zwei Tore (Zver 18. und Vago 22.). Der kurze Hoffnungsschimmer durch den Anschlusstreffer von Andrea Glibo (24.) verpuffte durch ein Eigentor in der 27. Ausgerechnet Führungsspielerin Innerhuber passierte der Fehler.

In der 33. traf Zver zum 4:1-Endstand, in der zweiten Hälfte wehrten sich die Wacker-Damen erfolgreich gegen eine höhere Niederlage. „Der Fehler ärgert mich natürlich brutal", sagte Innerhuber, die seit Kindesbeinen von einer Partie im Tivoli geträumt hatte. „Da muss man durch. Besonders freue ich mich für Andrea über ihr Tor."

Für die Wacker-Zukunftsaktie Glibo war der Treffer auch ein ganz besonderer Moment. Die für Triendl eingewechselte 17-Jährige jubelte über ihr erstes Bundesligator, und das im Tivoli. „Das ist schon ein cooles Gefühl", schwärmte die Rumerin. So wie Trainer Masaki Morass das Spiel gegen Goliath trotz Niederlage „als Werbung für den Frauen-Fußball" lobte — getragen auch von den Zuschauern. Die waren wirklich besonders. Unterstützender Beifall hallte von den Rängen. Die sehr vereinzelt zu hörenden aggressiven Schreie wie zum Beispiel „hau' drauf" kamen aus Männerkehlen, doch die Herren waren in Unterzahl. Die Frauen wirkten aufmunternd und anerkennend auf die Partie ein. Das war allen Dankes wert.

Der idealtypische Weg führt über St.?Pölten

Von Alex Gruber

Innsbruck — Tirol ist nicht nur die Heimat großer Söhne, sondern auch großer Töchter — bei der U17-EM in Bulgarien sammelten Valentina Kröll als Spielführerin, Wirbelwind Lilli Purtscheller und Defensivkraft Franziska Pittl im rotweißroten Gewand wertvolle Erfahrungen auf internationalem Terrain. Mit Laura Wurzer musste eine vierte Tirolerin leider verletzungsbedingt absagen. Das Quartett bereitet sich im Nationalen Zentrum für Frauenfußball in St. Pölten auf höhere Ziele vor.

In Niederösterreich werden sie aus Tiroler Sicht von Chiara Gstrein, Maria Plattner und Carina Widauer verstärkt. Mit Laura Spinn und Livia Pertl schafften heuer zwei weitere Damen den Sprung ins Ausbildungszentrum, in dem früher Nicole Billa oder Wackers verletzte Torfrau Jasmin Pal wichtige Schritte gemacht haben. Auch Lena Triendl hat sich in die ÖFB-Auslage gespielt.

So weit, so gut. Gelingt der Weg nach St. Pölten mit 14 Jahren nicht, klafft nach der Tiroler Talenteschiene (Vor-LAZ, LAZ) eine Lücke im System auf. „Wir haben in Tirol keinen Plan B", führt Anneliese Martin dazu aus. Die Frauenreferentin des Tiroler Fußballverbandes weiß seit 15 Jahren um den Kampf gegen Windmühlen, verweist auf die Tatsache, dass man für die Mädchen keine Aufnahme in Innsbrucker Schulen mit Sportzweigen (BORG, Hasch) findet, dafür in Telfs aber eine Partnerschule hat. „Es ist immer noch viel Entwicklungsarbeit", hält sie fest.

Martin, die ihre Tätigkeit im Sommer zurücklegen wird, spielt im positiven Sinne darauf an, dass die Spitzenteams in der Tiroler Liga wie Angerberg durchaus Lust signalisieren, nach oben zu wandern. Die Zusammenarbeit mit dem FC Wacker streicht sie lobend hervor. Bitter, dass die 2. Liga Mitte/West als Sprungbrett zur ÖFB-Frauenliga wohl von der Bildfläche verschwindet.

Wer mit einigen dieser jungen Damen — wie der Autor dieser Zeilen — gearbeitet hat, weiß, dass die Ladys in Sachen Einstellung und Fleiß keinen Vergleich mit den Burschen zu scheuen brauchen.

Die Zuschauer sahen ein engagiertes Wacker-Team.
Die Zuschauer sahen ein engagiertes Wacker-Team.
- Thomas Boehm / TT
Die Zuschauer sahen ein engagiertes Wacker-Team.
Für Kapitänin Anna Innerhuber erfüllte sich ein Traum, ihr Eigentor war ein Alptraum.
- Thomas Boehm / TT



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