Letztes Update am Sa, 22.06.2019 08:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

ÖFB-Präsident Windtner: „Fußball ist mehr als Sport“

ÖFB-Präsident Leo Windtner gestaltete die Hauptversammlung des Tiroler Fußballverbands als Ehrengast zuletzt aktiv mit. Die TT fragte in Seefeld beim heimischen Fußball-Oberhaupt auf mehreren Ebenen nach.

ÖFB-Präsident Leo Windtner.

© gepaÖFB-Präsident Leo Windtner.



Wie wichtig ist die Konstitution der Landesverbände?

Leo Windtner: Im Fußball muss wie bei einem Unternehmen ein Rad ins andere greifen und wenn die kleinen Räder nicht funktionieren, werden die großen nicht zu bewegen sein. Natürlich ist das A-Nationalteam das sportliche Stirnrad – wenn es dort gut läuft, tun sich die Kleinen auch leichter. Aber das Wichtigste ist, dass wir bei allen Projekten, wie jetzt gerade beim Frauen- und Mädchenfußball, kooperieren und eine Vertrauensbasis zwischen Landesverbänden, dem ÖFB und der Bundesliga gewährleisten können.

Sie kommen aus Ober­österreich, was verbindet Sie persönlich mit Tirol?

Windtner: Ehrlich gestanden bin ich aufgrund meines Großvaters im Ersten Weltkrieg sehr stark Südtirol-minded, aber die Oberösterreicher haben grundsätzlich ein hohe Affinität zu Tirol.

Wie zufrieden sind Sie mit dem TFV um Präsident Josef Geisler, der ja auch Teil des ÖFB-Präsidiums ist?

Windtner: Wichtig ist, dass wir einen Ausgleich und ein Zusammenwirken mit den Landesverbänden schaffen. Sepp Geisler ist ein sehr wichtiges und wertvolles Mitglied im ÖFB-Präsidium, gerade auch mit seiner juristischen Expertise. Und der TFV hat gerade mit seiner Restrukturierungsmaßnahme eine Weichenstellung für die Zukunft betrieben. Was ich mir im Besonderen wünsche, ist, dass beim Mädchen- und Frauenfußball ein Zahn zugelegt wird, weil wir da in den nächsten Jahren in der Fläche stärker werden wollen.

Das TFV-Präsidium führt jetzt u. a. drei Vizepräsidenten, auch der ÖFB hat sich in der Vergangenheit unter Ihrer Führung ja diesbezüglich breite­r aufgestellt.

Windtner: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Daher ist es wichtig, sich permanent den neuen Herausforderungen anzupassen. Wir sind zufrieden und es klappt sehr gut mit dem Zulauf zum Fußball, aber es ist kein Selbstläufer. Wir müssen uns dahinterklemmen unter dem Motto „Fußball ist mehr als Sport“, weil wir gerade auf dem Gebiet der Integration, Sozialisierung oder Gesundheitsprävention unwahrscheinlich viel leisten, was zum Teil in der Öffentlichkeit unbeachtet bleibt – das müssen wir besser verkaufen. Aber grundsätzlich ist Fußball nicht nur die stärkste Sportart in dieser Republik, sondern, wenn es läuft, auch die beliebteste – wir müssen weiterhin alles dafür tun, dass die Eltern auch in Zukunft die Kinder mit gutem Gewissen zum Fußball schicken können.

Das von Ihnen angesprochene Flaggschiff, das A-Team, hat sich mit den zwei Siegen gegen Slowenien und Nordmazedonien in der EM-Quali auch wieder auf Kurs gebracht.

Windtner: Natürlich war das eine große Erleichterung. Nach dem Israel-Spiel hat es eine große Aufarbeitung der Situation gegeben, wo alle, vom Präsidenten bis zur gesamten Betreuer-­Crew, zusammengeholfen haben, um alles auch mit der Mannschaft offenzulegen und die Erkenntnisse positiv mitzunehmen. Die Herangehensweise in den letzten beiden Spielen hat gezeigt, dass sich in den Köpfen etwas verändert hat.

In dieser vermeintlich leichten Gruppe muss man einen Top-2-Platz verlangen dürfen.

Windtner: Ja. Tatsache ist, wir sind „back on track – zurück in der Spur“. Da müssen wir draufbleiben, brauchen aber nicht abzuheben. Gegen Lettland (nächstes Quali-Match am 6. September; Anm.) sollten wir wieder einen Pflichtsieg einfahren und dann fahren wir mit breiter Brust zum Match nach Polen.

Die U21 spielt unweit von hier in Italien erstmals bei einer EM-Endrunde vor. Die Zusammensetzung des Teams dürfte Ihr Herz höherschlagen lassen?

Windtner: Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das U21-Team, speziell der Jahrgang 1996, zu den besten auch in Europa zählt, denn gerade dieser Jahrgang hat all­e internationalen Konkurrenzen (EM, WM) durchlaufen. Das kann keine andere Nation aufbieten. Mit dem Rückgrat dieser Spieler ist die U21 entsprechend leistungsstark, manche sprechen von einer goldenen Generation – da muss man nicht übertreiben, aber es lässt auf jeden Fall einigen Optimismus für die nächste Zukunft zu, was auch das A-Team betrifft.

Stichwort Entwicklung. Da haben Sie schon mehrfach betont, dass Österreich in Sachen Infrastruktur schwer hinterherhinkt.

Windtner: Wir haben von der UEFA, wo wir ein sehr gutes Standing haben, eine Analyse geliefert bekommen, der zufolge Österreich in puncto „Infrastruktur Nationalteam und Nationalverband“ unter 55 Nationen unter den letzten 15 liegt. Das heißt, beim Nationalstadion, Trainings­center, Headquarter oder Kompetenzzentrum sind wir fernab hinter vielen anderen Ländern. Bezüglich der von Ihnen angesprochenen Natio­n Nordmazedonien – die hat nicht nur ein neues Stadion, sondern auch ein neues Trainingscenter und einen Glaspalast als neues Headquarter.

Es wäre also an der Zeit, auch hier in Österreich aufzurüsten, um die Entwicklung voranzutreiben.

Windtner: Natürlich. Wir brauchen eine gute Infrastruktur, denn auch damit attraktiviert man eine Sportart. Denn wenn wir da komplett hinten nachhinken, wird es schwierig, die Arbeit so zu erledigen, dass der Fußball eine gute Zukunftsdimension hat.

Gibt’s in Sachen Dringlichkeit Ihrerseits eine Reihung?

Windtner: Wir brauchen alle drei Einrichtungen – Nationalstadion, Trainingszentrum und Headquarter. Wir wissen nicht einmal, wo wir anklopfen können, dass die Türen geöffnet werden, wenn wir mit dem A-Team in Wien spielen, um adäquat trainieren zu können. Wir fragen dann entweder bei Rapid, der Austria oder in der Südstadt (Admira) an. Das gibt es in kaum einem anderen Land. Wir brauchen für unsere Nationalteams Einrichtungen, die wir ständig anlaufen können.

Und ein Stadion?

Windtner: Man braucht nicht darüber zu diskutieren, dass das Ernst-Happel-Stadion in die Jahre gekommen ist. 2008 (Heim-EURO) wurde es leider verabsäumt, eine langfristige Lösung zu finden.

Das Gespräch führte Alex Gruber