Letztes Update am Do, 17.10.2019 11:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fußball

Südkoreaner entsetzt: Quali-Spiel gegen Nordkorea „war wie Krieg“

Eskalation statt Annäherung: In der WM-Qualifikation reist die südkoreanische Fußball-Nationalmannschaft nach Nordkorea – und trifft dort auf offenbar übertrieben aggressive Fußballer. Auf das Entsetzen folgt eine bizarre Drohung. Derweil kritisiert der Fifa-Boss die Umstände des Spiels.

Das Duell in Pjöngjang behagte Heung-Min Son und seinen Südkoreanern nicht.

© AFPDas Duell in Pjöngjang behagte Heung-Min Son und seinen Südkoreanern nicht.



Pjöngjang — Das historische koreanische Fußball-Duell in der WM-Qualifikation hat nicht zur Annäherung der beiden verfeindeten Staaten geführt — ganz im Gegenteil. Die Südkoreaner erhoben nach dem 0:0 in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang schwere Vorwürfe gegen die Gastgeber. „Das Spiel war wie Krieg. Ich habe nie zuvor eine solche Aggression erlebt", sagte der südkoreanische Verbandsvizepräsident Young-Il Choi, der selbst eine martialische Rhetorik wählte: „Beim nächsten Aufeinandertreffen werden wir sie bestrafen. Wir werden sie bestrafen. Wir haben mehr Talent als sie."

Der frühere Profi der Deutschen Bundesliga Heung-Min Son zeigte sich fassungslos und geschockt. „Es gab viele aggressive Momente. Die Nordkoreaner waren extrem angestachelt", sagte der Stürmer von Tottenham Hotspur: „Ich würde das Ganze am liebsten vergessen."

Weder Medien noch Zuschauer zugelassen

Das Spiel im 50.000 Zuschauer fassenden Kim-Il-Sung-Stadion fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ausländische Medien waren für das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams in Nordkorea nicht zugelassen, südkoreanische Fans durften nicht anreisen. Die Partie wurde nicht im Fernsehen übertragen. Informationen lieferten lediglich Liveticker auf den Webseiten des Weltverbandes Fifa sowie des asiatischen Fußballverbandes AFC — und diese gingen nicht über Basisinformationen hinaus. Ein Foto, das der südkoreanische Fußballverband während des Spiels auf seiner Webseite veröffentlichte, zeigt das laufende Spiel vor den leeren Tribünen des 50.000 Zuschauer fassenden Stadions.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte die Umstände nach dem Spiel gerügt. „Ich hatte ein volles Stadion erwartet, war aber enttäuscht, leere Ränge ohne Fans zu sehen", sagte er: „Für uns sind Freiheit der Presse und Freiheit der Rede von höchster Bedeutung. Auf der anderen Seite ist es wohl naiv zu glauben, dass man die Welt von einer Minute auf die andere verändern kann."

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Über den Spielverlauf ist bisher demnach kaum etwas bekannt. Etwa, dass der katarische Schiedsrichter Abdulrahman Al Jassim vier Gelbe Karten zeigte: den Nordkoreanern Yong Jik Ri und Ri Un Chol sowie Young Gwon Kim und Kim Min Jae aus Südkorea. Während die Gäste zudem ihr gesamtes Wechselkontingent nutzten, brachte Nordkorea nur einen frischen Spieler von der Bank. Das war's.

Nordkorea schickt DVD, Südkoreaner mussten Handys abgeben

Mehr Eindrücke können südkoreanische Fans erst in wenigen Tagen erwarten, wenn ihre Mannschaft Videoaufnahmen der Partie erhalten haben sollen. „Nordkorea hat versprochen, eine DVD mit dem kompletten Bildmaterial des Spiels zu liefern, bevor unsere Delegation abreist", hieß es in einer Erklärung des Wiedervereinigungsministeriums Südkoreas im Vorfeld der Begegnung.

Die 55 Personen umfassende Delegation des südkoreanischen Teams war gezwungen, ihre Mobiltelefone vor der Abreise aus Peking in der südkoreanischen Botschaft vor Ort zu lassen. An der Pressekonferenz vor dem Spiel nahmen fünf Reporter teil — alle stammten aus Nordkorea.

Sportlich behauptete Südkorea durch das torlose Remis mit sieben Punkten die Tabellenspitze in Gruppe H weiter vor den punktgleich zweitplatzierten Nordkoreanern. Die weiteren Gegner sind Turkmenistan, der Libanon sowie Sri Lanka. Der Gruppensieger sowie die vier besten Zweiten aller acht Gruppen ziehen in die 3. Runde der asiatischen WM-Qualifikation ein.

Die Bruderstaaten befinden sich seit dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 völkerrechtlich im Kriegszustand und ringen nach wie vor um eine politische Annäherung. Zuletzt belasteten nordkoreanische Waffentests erneut das Verhältnis. (TT.com)