Letztes Update am Do, 20.07.2017 16:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Radsport

Querschnittslähmung drohte: Da war Grüner klar, dass Schluss ist

Vier Wochen nach dem Aus beim Race Across America ist Patric Grüner seit Montag zurück am Rad. Dem Tiroler drohten schwere Folgeschäden.

Noch heute schmerzt die Erinnerung: Der Ötztaler Patric Grüner gab beim Race Across America nach über 3500 Kilometern wegen einer Muskelermüdung im Nacken auf.

© Sportfoto AndreNoch heute schmerzt die Erinnerung: Der Ötztaler Patric Grüner gab beim Race Across America nach über 3500 Kilometern wegen einer Muskelermüdung im Nacken auf.



Von Roman Stelzl

Längenfeld – Bei Patric Grüner lag das Rad vier Wochen in der Ecke. Nichts ging mehr. Körperlich wie mental. Erst an diesem Montag griff der 31-jährige Ötztaler zum Lenker, nahm das Training wieder auf. „Es hat mir schon gefehlt“, schmunzelt Grüner, denkt kurz nach, „aber es waren schon sehr harte Wochen beim Race Across America.“

Der Arzt hat gesagt, dass mir eine vorübergehende Querschnittslähmung droht. Da war klar, dass Schluss ist.
Patric Grüner (Tiroler Extremradsportler)

Die Enttäuschung nach dem Aus Mitte Juni ist geblieben. Und so wiegt die Erinnerung an das Ende beim rund 4900 Kilometer langen Nonstop-Rennen durch die USA (RAAM) noch heute schwer.

Denn die Nacht, bevor der große Traum zerbrach, wurde zur härtesten im Leben des Extremradsportlers. Nach fast 3500 Kilometern versagte die Nackenmuskulatur. Umgangssprachlich wird das „Shermer’s Neck“ genannt, eine Form der Muskelermüdung, die sehr selten ist.

Das Rennen fortzuführen, schien aussichtslos zu sein. Aber Grüner wollte nicht aufgeben. Er fuhr weiter. Mit einer Hand hielt er seinen Kopf fest, in der anderen den Lenker. Und irgendwo musste auch die Gewissheit festgehalten werden, dass es noch über 1300 Kilometer ins Ziel sind.

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Es wurde nicht besser. Daher war das Betreuerteam mitten in der Nacht zur Improvisation gezwungen. Die seitlichen Lenkergriffe wurden hochgeklappt und mit Klopapier ausgestopft. Grüner konnten seinen Kopf ablegen. Eine auf Dauer fast unmögliche Position, die Grüner mit weit aufgerissenen Augen nur gut 15 Meter Sicht gaben.

Diese Woche griff Grüner wieder zum Rad.
Diese Woche griff Grüner wieder zum Rad.
- Sportfoto Andre

Als der neue Tag anbrach, war dann endgültig Schluss. Das Rennbuch zeigte über 3500 Kilometer, als Arzt und Freundin gemeinsam mit Grüner die Entscheidung trafen: Es ist aus. Das Risiko von Folgeschäden war zu groß. „Ich wollte alles probieren. Aber der Arzt hat mir gesagt, dass mir im schlimmsten Fall sogar eine vorübergehende Querschnittslähmung droht. Da war klar, dass Schluss ist“, erklärte Grüner. Der Traum bei der RAAM-Premiere war geplatzt, die Enttäuschung daher riesig. „Es war brutal. Ich habe so viel Arbeit investiert, mich zehn Monate intensiv vorbereitet. Nach über 3500 Kilometern waren es am Ende 20 bis 30 Zentimeter Nacken, die alles entschieden haben. Das ganze Team hat geweint – aber mich hat es natürlich am härtesten getroffen.“

Nun, genau ein Monat danach, ist alles ausgeheilt, das Rad ist raus aus dem Keller. Wie es genau weitergeht, weiß der frühere Ultra-Marathon-Weltmeister aber noch nicht. „Ich muss mit mir selber ins Reine kommen, muss nachdenken“, erklärte Grüner.

Derzeit werden Gedanken sortiert, dort leuchtet das Positive vom RAAM am hellsten. Die Natur. Das Rennen. Die Herausforderung. Und ob es von der 2018 wirklich eine Neuauflage gibt? Grüner: „Mal schauen. Man weiß ja nie.“