Letztes Update am Mi, 05.09.2018 13:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kletter-WM

Goldige und schmerzhafte Zeiten: Zwei Kletter-Asse blicken zurück

Die eine prägte mit vier WM-Titeln eine ganze Epoche, die andere ist bis heute die jüngste Weltmeisterin der Geschichte. Die TT sprach mit Angy Eiter und Johanna Ernst über das Leben nach der Wettkampf-Ära.

© rb content poolAngela Eiter jubelte in ihrer Karriere über vier WM-Titel.



Von Max Ischia

Imst, Baden – Als Angela Eiter 2013 den künstlichen Wettkampfwänden ihren definierten Rücken kehrte, tat sie dies auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihrer Karriere. Nach 2005, 2007 und 2011 war sie 2012 in Paris noch einmal zu WM-Gold gekraxelt und ist mit vier Vorstieg-Titeln bis heute unerreicht. Doch seit vergangenem Herbst scheiden sich die Klettergeister, ob das Kapitel, welches die Oberländerin am 22. Oktober auf einer Felswand in Andalusien aufgeschlagen hat, nicht den ultimativen Gipfel ihrer Ausnahmelaufbahn darstelle. Eiter war an diesem Tag die Begehung von „La Planta de Shiva“ gelungen, einer Route, die bis zu diesem Zeitpunkt nur von zwei Herrschaften geknackt worden war. Zum einen von Adam Ondra, seines Zeichens der „beste Kletterer der Welt“ (O-Ton Jakob Schubert) und eben von Schubert, wie Eiter Vorstieg-Weltmeister 2012 und amtierender Vizeweltmeister. Dass aber eine Dame die 9b-Route klettern würde, galt als nahezu unmöglich. Nicht anders sah es Eiter selbst. Erst recht, als wiederholte Verletzungen die vermeintliche „Mission impossible“ noch unmöglicher erschienen ließen. Nachdem sich die in Imst kletterisch groß gewordene und immer noch dort verwurzelte Ausnahmeathletin 2014 einen Teilabriss der Sehne am Oberschenkel zuzog und sich selbiges Malheur zwei Jahre später wiederholen sollte, durchlebte das 49-kg-Leichtgewicht schwere Zeiten. Ganz zu schweigen von einer im Mai 2016 erlittenen Sehnenscheidenentzündung im Ringfinger, einer der von Kletterern meistgefürchteten Verletzungen.

Eiter konnte, wie sie dieser Tage im TT-Telefonat meinte, lange Zeit kaum richtig sitzen und gehen. „Autofahren war nur mit einem Polster möglich, um die Schmerzen rund um das Sitzbein einigermaßen einzudämmen.“ Eine Zeit lang pilgerte sie von Therapeut zu Therapeut, ehe sie im Programm des ASP-Red-Bull-Teams Schritt für Schritt, Training für Training die Problematik besser in den Griff bekam. Wie überhaupt es ihr beim Klettern („Da gibt es viele Ausweichtechniken“) stets am besten ergangen war.

Angela Eiter durchkletterte im Oktober 2017 als erste Frau die 9b-Route „La Planta de Shiva“.
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Eiter betreibt seit Jahren mit ihrem Ehemann Bernhard Ruech (Heirat am 15. Juli 2017, Anm.) die Kletterschule K3, wo sie sich u. a. um jene Athleten kümmert, „die es erst einmal nicht in einen Kader geschafft haben“. Aber auch Kurse, selbst für Anfänger, könne man buchen.

Was neue Felsabenteuer betrifft, ist einiges in Planung, aber noch unter medialem Verschluss. Fest steht, dass die 32-Jährige den Schwierigkeitslevel nicht ins Unermessliche treiben möchte. „Vielmehr, was mich so packt.“ Sie sei keine, die irgendwelchen Rekorden nachjage, sondern eine, „bei der erst einmal das Auge klettert“. Heißt: Fängt Eiter bei einer Route Feuer, legt sie los. Feuerwerk nicht ausgeschlossen.

Ernst bereut Entscheidung „keine Sekunde“

„Wenn ich zurückkomme, dann ganz oder gar nicht“, sagte Johanna Ernst. Sie sagte das Ende September 2013, wenige Tage nachdem sie ihre Auszeit vom Wettkampfklettern offiziell gemacht hatte. Sie, das viel gepriesene Wunderkind, das sich binnen weniger Jahre von einem Rekord zum anderen gehantelt hatte: mit 15 jüngste Europameisterin, im Jahr darauf jüngste Weltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin im Vorstieg. Dazu regnete es Auszeichnungen, 2009 Österreichs Aufsteigerin des Jahres, 2011 sogar das Goldene Verdienstkreuz für die Verdienste um die Republik. Es schien ganz so, als ob es für den in der Steiermark aufgewachsenen und später nach Sistrans übersiedelten Teenager kein Limit geben würde.

Ein Trugschluss, weil irgendwann wuchsen Ernst das Training, die Schmerzen, der steigende Druck und die permanente Erwartungshaltung über den Kopf. „Ich habe mehr und mehr gespürt, dass die Luft draußen war, dass ich Abstand vom Klettern brauchte, dass Erfolg nicht alles sein kann im Leben.“ Und weil sich an diesen Erkenntnissen auch in den Folgejahren wenig änderte, kehrte sie nicht mehr in den Wettkampfzirkus zurück. Sie bereue diesen Entschluss bis heute nicht. „Keine Sekunde“, wie sie lächelnd versichert.

2015 zog es Johanna Ernst nach Thailand. Nächstes Jahr würde sie gerne Richtung Norwegen oder Kanada aufbrechen.
- klara steinwender

Der Kletterei ist die inzwischen 25-Jährige aber treu geblieben. Auch Ernst zieht es wie ihre langjährige Wegbegleiterin Angela Eiter regelmäßig in die Felswände, freilich gänzlich ohne Unterstützung von Sponsoren. „Ich hatte Angebote, aber ich wollte einfach komplett ungebunden sein und klettern gehen, wann ich will, wo ich will und mit wem ich will.“

Weil so manches Abenteuer finanziert werden muss, arbeitet sie bei ihrem Lebensgefährten Nino in Österreichs ältester Kletterhalle, dem Klettercenter Rotpunkt nahe Baden bei Wien. Dort hilft sie aus, wo Arbeit anfällt. Kurse gebe sie in Ausnahmefällen.

Es sind die stillen Momente, wie so manche Besteigung diesen Sommer in den Lienzer Dolomiten oder in Kärnten, die sich tief in ihr Gedächtnis graben. „Zeit, Luft zu holen, das Hier und Jetzt zu genießen. Das ist mit keinem Titel aufzuwiegen.“

Steckbriefe

Angela Eiter:

Geboren:

27. Jänner 1986, Wohnort: Region Imst; seit 2017 verheiratet mit Bernie Ruech; Gesellschafterin bei K3 Climbing.

Größte Erfolge: 4-fache Weltmeisterin (Disziplin Vorstieg) 2005, 2007, 2011, 2012; 3-fache Weltcupgesamtsiegerin (Vorstieg) 2004, 2005, 2006; insgesamt 25 Weltcupsiege; darunter 2 x 7 auf einen Streich; Weltcupgesamtsieg Kombination Vorstieg und Boulder 2006; Europameisterin 2010; Sieg bei den World Games 2005.

Johanna Ernst:

Geboren: 16. November 1992 in Mittersill. Wohnhaft in Baden bei Wien.

Größte Erfolge: dreifache Jugendweltmeisterin; 2008: mit 15 jüngste Europameisterin; 2009: mit 16 jüngste Weltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin (jeweils Vorstieg). Auszeichnungen: 2009 Aufsteigerin des Jahres bei der österreichischen Sportlerwahl; 2011 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik.