Letztes Update am Sa, 08.09.2018 10:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kletter-WM

WM-Mitfavoritin Pilz: „Ich bin nicht der Partytiger“

Wenn heute Samstag (13 Uhr Halbfinale, 19 Uhr Finale) in der Olympiaworld die ersten WM-Medaillen im Vorstieg vergeben werden, ist die Wahl-Innsbruckerin Jessica Pilz die aussichtsreichste Edelmetallkandidatin.

© ischiaJessica PIlz greift heute nach WM-Edelmetall.



Gemeinsam mit Ihrer slowenischen Dauerkonkurrentin Janja Ganbret gelten Sie heute als Top-Favoritin auf den WM-Titel im Vorstieg. Wie schwer lastet der Druck auf Ihren Schultern

Jessica Pilz: Halb so schlimm, weil ich weiß, dass die Form passt und ich in der Vorbereitung alles getan habe.

Keine Zweifel?

Pilz: Die hatte ich in den vergangenen beiden Jahren, als ich jeweils durch Verletzungen gebremst wurde und letztlich hinter meinen Erwartungen geblieben bin. Wenn du das Gefühl hast, dass nichts mehr so recht vorwärtsgeht, dann hinterfragst du natürlich deinen eingeschlagenen Weg.

Mit ein Grund, warum Sie seit Anfang dieses Jahres auf ein Trainer-Trio vertrauen?

Pilz: Klar, mit Roman Krajnik haben wir ja auch im Vorstieg einen neuen Nationaltrainer bekommen. Dazu habe ich das Angebot bekommen, mit Kilian Fischhuber (Boulder-Ikone, Anm.) und Reini Scherer (Trainer-Legende) zu arbeiten. Diese Chance musste ich einfach beim Schopf packen und bislang hat es sich voll ausgezahlt. Entscheidend ist, dass alle drei eine Linie verfolgen und immer wieder neue Inputs kommen.

Können Sie uns gedanklich auf einen ambitionierten Trainingstag mitnehmen?

Pilz: Ich stehe um halb acht auf, mache um halb neun beim Heeresleistungszentrum Meldung und stehe so um neun in der Halle. Dann eine halbe Stunde bis Stunde Aufwärmen, in der Folge Einbouldern und schließlich von 10 bis 13 Uhr Training. Anschließend fahre ich heim, koch' etwas Schnelles, leg' mich eine halbe Stunde hin und bin ab 17, 18 Uhr noch einmal drei Stunden in der Halle. Nach dem Training esse ich noch eine Kleinigkeit und falle so gegen 23 Uhr ins Bett.

Und das Tag für Tag?

Pilz: Ich habe fünf Klettertage mit sieben bis acht Einheiten. Also so ziemlich jeden zweiten Tag klettere ich zweimal. In Wettkampfperioden entsprechend weniger. Und dazu noch die Schinderei in der Kraftkammer? Pilz: Nein, das bringt nichts. Hin und wieder mache ich Kraftübungen am Campus-Board (überhängende Holzplatte mit Holzleisten, Anm.), aber ich stemme nicht Gewichte oder so.

Warum?

Pilz: Wenn du einen Skifahrer hernimmst, der geht am Anfang der Saisonvorbereitung in die Kraftkammer und baut Muskeln auf. Das funktioniert im Klettern nicht. Dafür sind die Erfordernisse auf der Wand zu komplex — solche Sachen lassen sich nicht außerhalb der Wand trainieren. Es geht um Fingerkraft, Körperspannung und Bewegungen, die sich nicht simulieren lassen.
Wenn Sie einmal nicht klettern, wofür schlägt Ihr Herz?
Pilz: Schwer zu sagen. Ich sportle generell sehr gerne. Seit ich vor zwei Jahren nach Innsbruck gezogen bin, habe ich das Slacklinen wieder entdeckt und spanne da ganz gerne im Rapoldipark das Seil. Und wenn ich mich erholen will und die Sonne scheint, dann finde ich den Lanser See super.
Wer drückt heute vor Ort die Daumen?
Pilz: Ich hoffe, ganz, ganz viele Leute. An vorderster Stelle natürlich Mama und Papa.
Und gibt's auch einen Mann an Ihrer Seite?
Pilz: Noch nicht (lacht). Es ist schwer, wenn man sich voll auf den Sport konzentriert. Ausgehen tu' ich auch überhaupt nicht. Ich bin nicht der Partytiger. Da bin ich lieber in der Halle, trink' einen Kaffee oder ess' was und plaudere mit den Leuten. Da fühle ich mich wohler.
Das Gespräch führte Max Ischia