Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.09.2019


Rhythmische Gymnastik

Coach Gabrielli: „Damit schießt sich die Gymnastik ins Abseits“

Der Bewertungsskandal bei der WM trifft nicht nur Nicol Ruprecht, sondern die Rhythmische Gymnastik selbst. Sogar Olympia wackelt.

Mit Wut im Bauch zur Topwertung: Nicol Ruprecht.

© ÖFT/FassbenderMit Wut im Bauch zur Topwertung: Nicol Ruprecht.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – Mehr Beweis für eine zweifelhafte Beurteilung gibt es nicht: Zwei Kampfrichterinnen der derzeit in Baku (AZE) laufenden WM der Rhythmischen Gymnastik wurden disqualifiziert. Die Unparteiischen aus Finnland und der Mongolei hatten zu tiefe Ausführungsnoten gegeben. Betroffen sind Gymnastinnen der ersten Qualifikationsgruppe, darunter Österreichs Nummer eins Nicol Ruprecht, aber auch die Weißrussin Kazjaryna Halkina, EM-Dritte des Vorjahres.

„Es ist für alle sichtbar, dass da falsch gewertet wurde“, ärgert sich Petra Gabrielli, Ruprechts Tiroler Ratgeberin und einstige Trainerin. Für gewöhnlich hält sich die Leiterin des Landesleistungszentrums zurück, wenn es um Kritik an der Benotung geht. Dieses Mal nicht: „So macht es keinen Spaß mehr. Ich bin wütend. Die Gymnastinnen werden um ihre harte Arbeit betrogen.“

Korrigiert könne die laut Experten rund 0,6 bis 1,0 Punkte zu niedrige Wertung für Ruprecht aber nicht mehr werden. „Es ist keine Videokon­trolle im Nachhinein zulässig“, erklärt Gabrielli. Besonders bitter: In den Qualifikationsgruppen B, C und D hatten die zwei Kampfrichterinnen nicht mehr werten dürfen, die Benotungen fielen für diese Gymnastinnen allein schon deshalb höher aus.

Für Ruprecht stehen damit „nur“ 17,350 Punkte für ihre Ballübung und Rang 48 nach dem ersten von vier Geräten in der Ergebnisliste. Das Ziel, ein Platz unter den besten 24., die im Mehrkampffinale startberechtigt sind, bleibt dennoch in Reichweite. Bei der letzten WM hatte sie dies geschafft, obwohl sie nach dem ersten Gerät auf Rang 51 gelegen war – im Gegensatz zu jetzt aber nach einem schweren Fehler ...

Gestern sorgte die in Wien lebende Wörglerin jedenfalls selbst für etwas Genugtuung: Mit ihrem Paradegerät, dem Reifen, gelang ihr die zweithöchste Wertung ihrer Karriere: 19,25 Punkte, fast zwei mehr als tags zuvor. Die 26-Jährige liegt damit – vor den Keulen heute und dem Band morgen, auf Rang 34.

„Ich bin stolz, dass sie sich nicht ablenken hat lassen“, sagt Gabrielli. Nici sei eben ein Profi. Zumindest die Qualifikation für Olympia 2020 sei nicht in Gefahr, weil es für Ruprecht darum erst nach der WM gehe. Man könne sich also etwas entspannen, glaubt Gabrielli, ärgert sich aber weiter: „Es ist so schade, dass unser schöner Sport so sehr ins Abseits geschossen wird.“

Einerseits sei es gut, dass die Disqualifikation gegen die Kampfrichterinnen ausgesprochen worden sei, „weil damit ein Problem offiziell angesprochen wurde“. Andererseits zeige es aber die dramatische Situation der Gymnastik auf: „Das ist alarmierend. Wenn die Wertungsvorschriften nicht klarer präzisiert werden, droht uns sogar der Rauswurf aus dem Olympia-Programm.“