Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.11.2019


Para-WM

Eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft und 172 Goldmedaillen

Bis Freitag laufen, springen und werfen die besten Behinderten-Leichtathleten der Welt bei der Para-WM in Dubai um Medaillen. Die Einteilung der verschiedenen Teilnehmerklassen stellt eine Wissenschaft für sich dar.

Der Deutsche ?Blade Runner? Johannes Floors (Mitte), frischgebackener Weltrekordler über 100 Meter (10,59 Sek.).

© www.imago-images.deDer Deutsche ?Blade Runner? Johannes Floors (Mitte), frischgebackener Weltrekordler über 100 Meter (10,59 Sek.).



Innsbruck – An der Leichtathletik-WM der Nichtbehinderten in Doha (QAT) nahmen im Oktober rund 2000 Athleten aus 214 Nationen teil, in 48 Bewerben fielen die Entscheidungen. Dieser Tage messen sich in Dubai 1400 Athleten aus 117 Nationen. Auffallend: In 172 Bewerben werden Medaillen vergeben. Ein Kuriosum? Mitnichten, denn in Doha reicht die Bezeichnung 100 m Männer längst nicht aus, um eine Klasse zu definieren. Hier wird spezifiziert: mit Zusätzen wie F11 oder T64. Dabei geht es um visuelle oder koordinative Beeinträchtigung, um Kleinwuchs, Amputation, Fehlbildung oder Einschränkung in der Beweglichkeit. Bei den Paralympics 2016 in Rio gab es allein bei den Männern 16 Finalläufe über 100 Meter. Und bei den nächsten Paralympics 2020 in Tokio wird es mehr als 500 Entscheidungen geben, ein Drittel davon in der Leichtathletik.

Das System liest sich überschaubar, die Umsetzung bedarf einiger Experten: T steht für „Track“, also die Lauf- und Sprungdisziplinen, F für „Field“, die Wurf- und Stoßdisziplinen. Und je niedriger die daran angeschlossene Nummer, desto größer die Behinderung. So kommt man in der Leichtathletik auf 52 Wettkampfklassen.

Alle paralympischen Athleten müssen sich regelmäßig untersuchen lassen, auch jene, deren Gesundheitsbild sich nicht ändert. Viele von ihnen empfinden das als entwürdigend: Körpermessungen, Röntgenbilder, Muskeltests.

Bei amputierten Sportlern ist die Einstufung einfach, bei sehgeschädigten schwerer, kompliziert wird es bei einer geistigen Behinderung, deren Beste im Rahmen eigener Meisterschaften ermittelt werden: Ein Intelligenztest ist nötig, die Wettkampfklassen trennt ein IQ-Punkt.

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Als Synonym für die Para-Leichtathletik dient die für Dubai neu ins Programm genommene „Universalstaffel“ – zwei Männer und zwei Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen bilden ein Team. Ein sehbehinderter Athlet (mit Begleitläufer) startet, gefolgt von einem an einer Spastik leidenden Sportler, dann ist ein Prothesenläufer an der Reihe, auf ihn folgt ein Rollstuhlfahrer. Es wird der gesamte Para­sport vorgeführt. Die neue Staffel laufe unter dem Motto „Habt Spaß zusammen, die Leistung ist Nebensache“, wird ein deutscher Profi zitiert. Das gefällt ihm und vielen anderen nicht, die den Para-Sport mittlerweile professionell betreiben. Die Staffel sei ein einziges „Kuddelmuddel“, glaubt einer. Und wie zum Beweis vermeldete die Anti-Doping-Kontrollstelle kurz vor der WM eine positive Dopingprobe durch eine zweimalige Paralympics-Siegerin im Sprint. Dabei sein ist längst nicht mehr alles.

Monika Steinlechner, im Tiroler Behindertensportverband die Referatsleiterin der Leichtathletik, spricht hierzulande von einer lebendigen Szene. „Wir haben mit Wattens, Reutte, Osttirol, RSC Unterland, SC Tirol, TS Schwaz, Handicap Axams und der Diözesansportgemeinschaft Vereine, die regelmäßig Teilnehmer stellen.“

60 Behinderten-Leichtathleten gebe es in Tirol, wo neben Wien und Oberösterreich im Gegensatz zu anderen Bundesländern Meisterschaften stattfinden würden. Selbst bei Nichtbehinderten dürfe man hierzulande im Rahmen einiger Serien starten, das Problem der Klassifizierung stelle sich nicht: „Es wurde schon vereinfacht.“ Zurück zur WM in Dubai: Von den vier österreichischen Teilnehmern konnte bislang nur Natalija Eder (6. Kugel, 4. Speer) aufzeigen, Ludwig Malter und Sprinter Alexander Pototschnig schieden jeweils im Vorlauf aus. (floh, dpa)