Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.09.2015


Sport Report

Synchronschwimmerin gelähmt: Um Vanessa S. wurde es ruhig

Die verunglückte Tiroler Stabhochspringerin Kira Grünberg (22) ist mittlerweile in aller Munde, von Synchronschwimmerin Vanessa Sahinovic spricht indes kaum jemand. Auch die 15-Jährige soll in die Reha nach Bad Häring.

© GepaVanessa Sahinovic ist nach einem Bus-Unfall querschnittsgelähmt.



Von Florian Madl

Innsbruck – Der Aufschrei um Vanessa Sahinovic war am 11. Juni dieses Jahres groß. Vor allem, als vom Bus-Unfall der 15-jährigen Synchronschwimmerin ein dramatisches Youtube-Video aufgetaucht war, das die schlimmen Szenen bei den European Games in Baku erahnen ließ. Der Fahrer, ein Aseri, hatte nach eigenen Aussagen Gas- und Bremspedal verwechselt, die Folgen für die überrollte Niederösterreicherin sind fatal: Querschnittslähmung vom zwölften Brustwirbel abwärts.

Ihr Schicksal teilt die junge Sportlerin mit Kira Grünberg (Querschnitt/5. Halswirbel), möglicherweise auch bald das Rehazentrum: Bad Häring. Dorthin soll die junge Dame verlegt werden. „Kira schickt Vanessa jeden Tag viel Kraft und liebe Grüße. Das bedeutet uns sehr viel, wenn sich eine Spitzensportlerin jeden Tag für Vanessa interessiert, das hat ihr genauso geholfen“, erzählt Mama Azra Sahinovic, eine Verkäuferin, der Tiroler Tageszeitung. Mittlerweile habe sich auch die Schockstarre der Familie gelegt. „Am Anfang wollten wir einfach nur bei Vanessa sein. An die Bitte um Hilfe oder Spenden haben wir nicht gedacht.“

Peter Mennel gehörte in Baku zur heimischen Delegation. In seiner Funktion als Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) kümmerte sich der Vorarlberger um die finanzielle Abgeltung: „Das Thema Versicherung ist geklärt, auch eine Stiftung sollte helfen“, sagt der 60-Jährige. Und Verhandlungen mit dem für die European Games verantwortlichen Olympischen Komitee Aserbaidschans würden laufen.

Während sich die Spendenaktionen im Fall Kira Grünberg auch auf Initiative des Tiroler Leichtathletikverbands und ihres Managers Thomas Herzog häufen, weiß man vom Österreichischen Schwimmverband nicht allzu viel über das weitere Vorgehen bei Sahinovic: „Wir unterstützen sie in allen Bereichen, aber die Eltern haben sich nach dem Unfall abgeschottet“, erzählt Generalsekretär Thomas Unger. Eine Spendenbox am „Tag des Sports“ in Wien (Samstag) sei eine Initiative, der Rest passiere in Absprache mit ÖOC.

Unmittelbar nach dem Bus-Unfall bei den European Games (11. Juni 2015) dachten noch viele an Vanessa Sahinovic. Das änderte sich mit der Zeit.Foto: gepa
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„Noch ist nicht viel Geld geflossen. Das, was uns versprochen wurde, soll angeblich noch kommen“, erläutert Azra Sahinovic, während sie mit ihrer Tochter auf die nächste Einheit der Ergotherapie wartet. Ein langer Weg steht ihrer Vanessa bevor. Und Herbert Jantschka, der Bürgermeister von Wiener Neudorf, wundert sich bisweilen, wie lange der dauert. „Die Familie wohnt in einer Wohnung im zweiten Stock ohne Lift. Wir sind auf der Suche nach einem Grundstück, aber das ist bei uns nicht leicht.“ Sein Aufruf im Internet sei mittlerweile 15.000-mal angeklickt worden, noch ohne Ergebnis. Man stehe als Gemeinde jedenfalls „Gewehr bei Fuß“, wenn es um Hilfestellung für Vanessa gehe.

Noch lebt Vanessa Sahinovic im Sozialmedizinischen Zentrum Ost der Stadt Wien. Nachdem die Verlegung in eine Wiener Therapieeinrichtung nicht zum Ziel geführt hatte, soll das Reha-Zentrum Bad Häring einige seelische Wunden heilen. Dort könnte sie mit Kira Grünberg kommunizieren und an der Rückkehr in den Alltag arbeiten. „Wir hoffen“, gesteht Azra Sahinovic. Schließlich brauche auch Sohn Benjamin, ein passionierter Fußballer, Aufmerksamkeit. Zwei Dinge sind es, die man augenblicklich nämlich kaum habe: „Wir brauchen Zeit – und Geld.“

Zwei Unfälle, ein Schicksal

Vanessa Sahinovic: Synchronschwimmerin Vanessa Sahinovic (15) erlitt am 11. Juni beim Zusammenstoß mit einem Shuttle-Bus im Athleten-Dorf der European Games von Baku multiple Knochenbrüche. Nach der Überstellung wurde die Niederösterreicherin in einem Wiener Krankenhaus in künstlichen Tiefschlaf versetzt, die Folgeschäden: Querschnittlähmung (12. Brustwirbel).

Kira Grünberg: Am 30. Juli 2015 verletzte sich die Tiroler Stabhochsprung-Rekordlerin Kira Grünberg (22) bei einem Trainingssprung schwer. Bei einem der ersten Trainingssprünge des Tages konnte die Kematerin ihren Bewegungsablauf nicht vollenden und landete vor der Matte am Einstichkasten. Folge: Querschnittlähmung (5. Halswirbel). Derzeit befindet sich Grünberg in der Rehaklinik Bad Häring.