Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Tennis

„Uns fehlen einfach die Mädchen“

Die Krise in Österreichs Damen-Tennis soll einen Grund haben: das fehlende Interesse. Zu wenig Nachwuchs drängt an die Spitze, sagt Damen-Head-Coach Jürgen Waber. Eine Besserung der Lage ist somit nicht in Sicht.

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© gepa



Von Roman Stelzl

Innsbruck – Ein gutes Ergebnis, so sagt Jürgen Waber, mehr brauche es am Ende gar nicht. Nur einmal müsse sein Schützling Barbara Haas ein Turnier gut spielen, müsse groß punkten, dann in die Top 100 vorstoßen – und plötzlich wäre sie vergessen, diese nicht abreißende Debatte rund um die Krise im österreichischen Damen-Tennis, die gerade jetzt beim WTA-Turnier in Linz wieder auflebt.

Eine Lösung wäre das aber nicht. Denn das Problem sitzt weit tiefer. Es dreht sich dabei nicht um die Spitze, sondern um die Basis. Denn dort liegt das Übel begraben. „Uns fehlen einfach die Mädchen“, beschreibt es Waber, der als Fed-Cup-Kapitän und Chef des Linzer Damen-Leistungszentrums sozusagen der Head-Coach der weiblichen Garde ist. Und der 46-jährige Ex-Coach von Top-Spielerin Sybille Bammer ergänzt: „Es muss eine Breite da sein, damit es eine Spitze geben kann. Zu viele Mädchen hören im Alter von 14, 15 Jahren auf. Das Interesse ist nicht mehr so groß wie früher. “

Dieses „Früher“, das sind die goldenen 1990er-Jahre, als Österreich mit Barbara Schett(-Eagle), Barbara Paulus, Patricia Wartusch oder Sylvia Plischke fast permanent in der Weltspitze vertreten war. Heute ist die 21-jährige Haas als 171. der Weltrangliste die beste – dahinter ist nur noch Julia Grabher (285.) unter den besten 500. Die 26-jährige Tamira Paszek, Siegerin von drei WTA-Turnieren, die seit Jahren um den Anschluss kämpft, ist mit einem Nervenleiden außer Gefecht und will nächstes Jahr wieder zurück auf die Tour. Mira Antonitsch (18), Tochter des Kitzbüheler Turnier-Direktors Alex Antonitsch und große Zukunftshoffnung, ist verletzt.

Die ehemaligen goldenen Zeiten sind vorbei. Bleibt das Interesse aber gering und halten die derzeitigen Talente nicht Wort, könnte sich das Problem noch verschärfen. „Ich versteh’ das nicht: In keinem anderen Sport haben Frauen so gute Verdienstmöglichkeiten und sehen so viel von der Welt. Vielleicht wird das zu wenig kommuniziert“, erklärt Waber.

Dabei fand erst Anfang 2016 ein so stark kritisiertes Thema endlich einen neuen gemeinsamen Nenner: die Individualförderung. Die besten Damen sollten vom Verband (ÖTV) unterstützt werden, egal, ob sie im Leistungszentrum trainieren oder nicht.

Von einem Trainerproblem will Waber als ÖTV-Coach der beiden besten Damen (Haas und Grabher) nichts wissen. „Da könnte ich mich genauso selbst kritisieren. Aber die Trainer sind die gleichen wie damals. Daran liegt es nicht.“ Ebenso wenig sieht Waber das Problem in mangelndem Ehrgeiz oder Biss begründet, wie es manche ehemalige Tennis-Asse wie Barbara Schett-Eagle ansprechen. Waber: „Das sehe ich nicht so. Bei Barbara Haas und Julia Grabher ist der Biss da.“ Seine Lösung: Tennis bei den Mädchen beliebter zu machen. Damit Erfolgsmeldungen zurückkehren. So wie früher. In einer goldenen Zeit, die mehr und mehr in der Vergangenheit verschwindet.