Letztes Update am Di, 02.01.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Toto Wolff: „Lasst Hamilton doch einfach sein, wie er ist!“

Noch vor dem Jahreswechsel sprach die Tiroler Tageszeitung mit dem erfolgreichsten Teamchef der Formel 1, Toto Wolff, über Bodenhaftung, Legendenbildung und den fehlenden, aber nötigen Hauch von Rebellion.

© gepa"Auf sportliche Erfolge darf man sich nicht zu viel einbilden, das ist alles kurzlebig", sagt Toto Wolff




Vor vier Jahren haben Sie vor unserem Interview die Frage gestellt: „Haben Sie vom Unfall von Michael Schumacher gehört?“ Wissen Sie, wie es dem Formel-1-Rekordweltmeister heute geht?

Toto Wolff: Das ist wirklich eine traurige Geschichte. Wir hoffen, weil die Familie Schumacher ja ein Teil der Mercedes-Familie ist, immer noch auf gute Nachrichten. Aber man muss Corinna Schumache­r die gewünschte Privatsphäre gewähren. Wir hoffen jeden Tag aufs Neue. Doch wenn man nichts hört, gibt es einen Grund dafür. Das muss man respektieren.

Zu etwas Erfreulichem: Sie sind der erfolgreichste Teamchef der Königsklasse, trotzdem haben Sie sich in all den Jahren des Erfolges nicht verändert. Wie behält man in der Glitzerwelt diese Bodenhaftung?

Wolff: Ganz ehrlich: Es gibt keinen Grund abzuheben. Mir wurde das Vertrauen von Mercedes geschenkt, diesen Job zu machen, das ist die Reise im Moment. Aber der Erfolg ist nicht der eines Einzelnen, sondern der gesamten Mannschaft. Darum muss man am Boden bleiben. Eines Tages wird diese Reise vorbei sein und niemand wird sich dafür interessieren. Auf sportliche Erfolge darf man sich nicht zu viel einbilden, das ist alles kurzlebig.

Erfolg zieht auch die Schulter­klopfer an. Wie geht man damit um?

Wolff: Diese Leute und die meisten anderen werden weg sein, sobald der Scheinwerfer einmal aus ist, das steht außer Frage. Es ist ja nicht die Person Toto, die da im Mittelpunkt steht, sondern der Posten des Mercedes-Motorsportchefs. Ich nehme das Interesse immer noch mit einer gewissen Verwunderung wahr. Es gibt aber auch viele, die aus dem Rennzirkus kommen, mit denen ich ein freundschaftliches Verhältnis pflege. Ich hoffe, dass sich der eine oder andere darunter befindet, der auch nach dem Ende noch was von mir hören will.

Themenwechsel: Heute vor einem Jahr hatten Sie gerad­e Ihren Weltmeister Nic­o Rosberg (GER) verloren. Sie wirkten angezählt – und trotzdem brachte das Sportjahr 2017 wieder beide Weltmeistertitel.

Wolff: Das ist schon verrückt, nicht wahr? Die Zeit war hart. Wenn Probleme kommen, kann man sich darauf einstellen. Aber da hat uns Nico einen Curveball zugeworfen, den niemand hat kommen sehen. Und das in der Zeit, in der wir regenerieren sollten. In der Situation war der Gewinn beider Weltmeistertitel für mich unrealistisch. Schließlich standen wir ja auch zusätzlich vor einer technischen Revolution.

Die interne Teamfehde zwischen Lewis Hamilton (GBR) und Rosberg wurde gerne mit der von Ayrton Senna (BRA) und Alain Prost (FRA) bei McLaren verglichen. Mit Valtteri Bottas (FIN) kam ein Fahrer ins Team, der ein wenig an Gerhard Berger erinnert. Senna war gezeichnet von der Fehde und mit Berger kam schließlich einer, der nicht politisierte. Auch Hamilton/Bottas wirken harmonisch.

Wolff: Valtteri und Gerhard sind sich sehr ähnlich. Beide sind Vollgas-Tiere, mit Talent gesegnet und furchtlos. Aber mit einem wesentlichen Unterschied – der Valtteri hat einen guten Charakter. (lacht)

Das wird Gerhard Berger gerne hören.

Wolff (lacht): Nein, nein, Gerhard ist mein Freund. Zurück zum Thema: Die Rosberg/Hamilton-Konstellation war sehr vergiftet. Das lag an der Vergangenheit. Ich glaube auch: Wenn Nico geblieben wäre, hätte sich Lewis irgendwann verabschiedet. Das wäre nicht mehr gegangen. Man kannte sich von klein auf und alles spitzte sich über die Jahre zu. Der Paarung Bottas/Hamilton fehlt dieser Hintergrund.

Bottas konnte den viermaligen Weltmeister auch noch zu wenig oft fordern.

Wolff: Natürlich. Lewis dominierte ihn. Wenn das enger wird, dürfte sich auch dieses Verhältnis ändern. Aber wir verlangen nicht, dass die Jungs Freunde sind. Wir brauchen keine zweite Familie gründen. Wir wollen den größtmöglichen Erfolg. So schlimm, wie es damals war, kann es nicht mehr werden. Darum bin ich entspannt.

Sie zweifeln sehr oft an sich. Wie groß waren die Bedenke­n, als Sebastian Vettel (GER/Ferrari) über die Sommerpause die WM anführte?

Wolff: Ich bin ein totaler Zweifler. Ich gehe immer vom schlimmstmöglichen Szenario aus und versuche dann alles, dass es nicht eintritt. Aus Budapest sind wir abgereist und haben uns auf einen heißen Herbst eingestellt. Das wäre es auch gewesen, wenn Ferrari nicht in Singapur und Sepang implodiert wäre.

Aber vor allem hat Ihr Superstar Hamilton eine unglaubliche zweite Hälfte hingelegt. Welcher Entwicklungsschritt war der wichtigste?

Wolff: Was man bei ihm auf den ersten Blick nicht sieht – da ist auch der Zweifler Lewis, der Arbeiter und der Pilot, der jedes Jahr besser werden will. Mit einem unglaublichen inneren Antrieb. Da ist ebenso die Entwicklung als Mensch abseits der Strecke. Da hat ihm die Niederlage gegen Nic­o (2016, Anm.) geholfen. Er hat gesehen, wie wichtig das Team für ihn ist. Daraufhin hat Lewis einen Schritt gemacht, den ich bisher nur von Schumacher kannte: Er übernahm die Führungsrolle innerhalb der Mannschaft, verkörpert die DNA des Teams und denkt langfristig.

Hamilton ist auch ein Exzentriker, der gerne polarisiert. Trotzdem prasselte heue­r oft übertriebene Kritik auf ihn ein. Da haben Sie mehrmals gepoltert.

Wolff: Mir geht es gegen den Strich, wenn jemand einen kritisiert, den er nicht kennt, oder einfach nur die eigene Meinung gelten lässt. Ich denke, wir sollten generell weniger oft als Richter auftreten. Lasst Hamilton doch einfach sein, wie er ist! Es kann doch jeder anziehen und tun, was er will. Lewis ist vierfacher Weltmeister. Allein dafür muss man ihm doch Respekt zollen und Spielraum lassen. Lewis ist als Persönlichkeit anders als die Norm. Er selbst sieht das ganze Theater relaxt. Seine Meinung ist: Besser man polarisiert, als man ist langweilig. Mir ist die Leistung im Auto wichtig, das ist unser Deal. Ich muss keine pseudoschlauen Erziehungsmaßnahmen aufstellen. Lewis weiß, worum es geht.

Themenwechsel: Die Formel 1 befindet sich im Aufwind. Trotzdem orte ich drei Problemfelder: Wir haben eine Überregulation, zu wenig technische Defekte und einen übertriebenen Strafenkatalog. Wäre es nicht Aufgabe der Königsklasse, mehr aus der Norm zu fallen und weniger „Political Correctness“ zu forcieren? So, wie es früher war...

Wolff: Ich unterschreibe alle Ihre Forderungen. Genau so müssten wir sein: rebellisch und wild! Wir haben eine beklemmende „Political Correctness“. Es scheitert jedoch an der Umsetzung. Nehmen wir das Halo-System (Überrollbügel, Anm.): Alle finden es schrecklich, aber keiner hat sich hingesetzt und überlegt, wie man die Sicherheit der Fahrer verbessern kann, ohne gegen die DNA des Sports zu verstoßen.

Mit dem neuen Mehrheitseigentümer Liberty Media gäbe es doch jemanden, der ein wenig zurück zu den Wurzeln gehen könnte.

Wolff: Liberty brauchte das Eingewöhnungsjahr. Und es liegt auch nicht an ihnen, dass Halo kommt. 2018 wird sicher das Jahr werden, in dem sie Ergebnisse liefern müssen. Viele Dinge, die Sie sagen, machen in jedem Fall Sinn.

Es gibt wegen Liberty Media aber auch Ausstiegsdrohungen von Ferrari. Wie ernst nehmen Sie die?

Wolff: Sehr ernst. Wer Sergio Marchionne (Präsident, Anm.) kennt, der weiß: Er ist ein beinharter Wirtschafter. Die Formel 1 kostet ihn, und wenn sie sich nicht besser entwickelt, wird er den Stecker ziehen.

Wie sieht Ihre ideale Königsklasse der Zukunft aus?

Wolff: Alles, was Sie vorher gesagt haben. Wir müssen rebellischer sein, der Fahrer gehört noch mehr in den Vordergrund gestellt – macht er einen Fehler, muss er das spüren und bestraft werden. Aber nicht mit Regeln. Wir müssen das junge Publikum auf den neuen Plattformen wie Stream usw. erreichen.

Thema Formel E: Ist es immer noch der richtige Weg? Obwohl die DTM dank Boss Berger im Aufwind ist?

Wolff: Das mit der DTM und der Formel E erinnert mich an die aktuelle Diskussion, was Elektro- und Benzin-Autos betrifft. Jeder weiß, es kommt, aber das andere ist einfach noch viel größer. Als Motorsportler tut es mir weh, die DTM zu verlassen. Aber man muss auch in die Zukunft schauen. Oftmals nicht nur einen Schritt voraus.

Abschließend noch gefragt: Wird es 2018 einen Dreikampf an der Spitze geben?

Wolff: Davon bin ich überzeugt. Man sollte neben Ferrari, Red Bull und Mercedes jedoch nicht McLaren unterschätzen. Die haben den Faktor Fernando Alonso (ESP). Am liebsten wäre mir, wenn es fünf verschiedene Sieger gibt. Das würde der Rennserie richtig guttun.

Das Gespräch führte Daniel Suckert