Letztes Update am Do, 08.11.2018 08:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Motorsport

Berger im TT-Interview: „Hamilton ist einer wie Senna“

Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger sprach mit der TT über seinen Stil in der DTM, das Phänomen Lewis Hamilton und die Ferrari-Arbeit in Maranello.

© gepaDTM-Chef Gerhard Berger behält einen klaren Blick auf die aktuelle Lage im Motorsport.



In der kommenden DTM-Saison heißt es Aston Martin statt Mercedes. Wie zufrieden sind Sie mit dem Wechsel, wie schnell werden die Briten auf Betriebstemperatur sein?

Gerhard Berger: Aston Martin ist eine Premium-Marke. Die können das werden, was Ferrari für die Formel 1 ist. Eine Anlaufzeit werden die nicht brauchen, weil durch Partner HWA (ehemaliger Mercedes-Partner, Anm.) schon viel Know-how zur Verfügung steht.

Seit zwei Saisonen regieren Sie in der DTM. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Berger: Die Basis stimmt. Was die Zuschauer betrifft, haben wir mit Hockenheim oder Nürburgring super Events mit vollen Rängen erlebt. Wo wir noch wachsen müssen, sind die ausländischen Stationen wie Misano (ITA) oder Brands Hatch (GBR). Sportlich steht uns jetzt mit dem neuen Turbo-Motor die nächste Hürd­e bevor. Ich hoffe, dass die drei Marken auf einer Ebene unterwegs sind. Denn nichts wäre so schädlich wie ein zu überlegenes Team.

Spielberg fehlt 2019 im Rennkalender.

Berger: Das tut sicher weh, weil der Zulauf toll war und das Rundherum am Red-Bull-Ring ein Top-Niveau bietet. Aber wir konnten uns wirtschaftlich nicht einigen. Es spricht aber nichts gegen eine Rückkehr.

Wenn man mit den DTM-Teams spricht, schwärmen alle von Ihrem Führungsstil. Vor allem, dass sich Ihre Arbeit am Fan orientiert. Würde sich diese Art auf eine Serie wie die Formel 1 umlegen lassen? Oder wird dort zu viel Politik gemacht?

Berger: Das ist schwer einzuschätzen. Mein Vorbild ist ja die MotoGP. Aber man muss sagen, dass es beeindruckt, wie stark verankert die Formel 1 ist und wie sämtliche Krisen an dem Produkt abprallen. Das ist mir bewusst geworden, wenn man eine andere Rennserie führt. Wenn ich das auf die Wirtschaftsebene übertragen darf: Als mittelstarkes Unternehmen muss ich stets reagieren. Was passiert am Markt, wie entwickelt sich das Produktmanagement usw.? Ganz anders verhält es sich bei einem Riesen-Unternehmen wie der Königsklasse, die seit 40 Jahren etabliert ist und sich durch nichts aus der Fassung bringen lässt.

Derzeit das Maß aller Formel-1-Dinge: Der britische Mercedes-Superstar Lewis Hamilton erinnert den Tiroler Gerhard Berger …
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Stichwort Formel 1: Vor dem Gastspiel am Sonntag in Brasilien prasselt auf Ihren ehemaligen Schützling Sebastian Vettel (GER/Ferrari) viel Kritik ein. Der dreifache Champion Jackie Stewart hat etwa gemeint, dass Vettel vielleicht zu früh zu viel Erfolg hatte.

Berger: Das ist Blödsinn. Seine vier Titel hat er sich hart erarbeiten müssen. Viermal hat er gezeigt, wie gut er ist. Das darf man nicht vergessen. Ich verstehe die Aufregung nicht. Vettel hat knapp die fünfte WM-Krone verpasst. Aber nicht, weil man versagt hat. Mercedes unter der Führung von Toto Wolff und mit dem Fahrer Lewis Hamilton hat die stärkste Paarung, die heuer einfach fehlerlos unterwegs war.

Was bei Ferrari mit Vettel nicht der Fall war.

Berger: Natürlich war bei Vettel der eine oder andere Fehler dabei, aber nichts, wo man alles in Frage stellen müsste. Ferrari hat den großen Schritt noch vor sich und alle Möglichkeiten, das zu schaffen.

Sie kennen aufgrund Ihrer zweimaligen Ferrari-Zeit (1987–89/1990–92, Anm.) die Arbeitsweise in Maranello. Die Fehlerkultur haben auch Sie miterlebt – man erinnere sich an das nicht festgeschraubte Rad.

Berger: Das ist jetzt keine Kritik an Ferrari, aber die italienische Mentalität ist anders als die englische. Da schleichen sich oft emotionale oder technische Fehler ein. Dass es geht, hat aber Jean Todt (Teamchef 1993–2008, Anm.) seinerzeit gezeigt. Wichtig ist, die italienische Kultur dort einzusetzen, wo sie ihre Stärken hat, anderes muss man delegieren. Aber noch einmal: Ferrari hat nicht versagt, sie waren sehr knapp dran.

Sie sind also zuversichtlich für die kommende Saison?

Berger: Man hat alle Ingredienzen, die nötig sind. Dass ein Vettel unter Druck Nerven zeigt, hat man bei Red Bull damals mit Daniel Ricciardo gesehen. Aber das ist menschlich.

… in vielem an den brasilianischen Ausnahmekönner und dreifachen Weltmeister Ayrton Senna (1960–94).
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Und man erinnere sich nur an das WM-Duell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg (GER/beide Mercedes) 2016.

Berger: Ganz genau. Auch da hat Lewis Fehler gemacht. Derzeit bekommt Lewis von Bottas keinen Druck. Was die Sache mit seinen Modeschauen usw. betrifft – der Junge zieht daraus seine Energie und hat gelernt, das Fahren lockerer anzugehen. Der lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Und ich sage noch etwas: Lewis Hamilton ist einer wie Ayrton Senna. Er steht ihm in nichts mehr nach.

Das bedeutet viel aus Ihrem Mund …

Berger: Ich würde das auch nicht sagen, wenn ich das nicht so sehen würde.

Weltmeister Nigel Mansell hat den Hamilton-Hype nicht so enthusiastisch geteilt. Er meint, die alte Garde, die noch mit dem Tod konfrontiert war, sei etwas höher einzuschätzen.

Berger: Sagen wir es so: Ein Hamilton hätte auch in unserer Fahrer-Generation funktioniert.

In Mexiko kämpften mit Red Bull, Mercedes und Ferrari drei Teams um den Sieg. War das ein Vorgeschmack auf das kommende Jahr?

Berger: Bei Red Bull hängt alles an Honda. Ich habe lange mit Honda gearbeitet und die haben alle Möglichkeiten. Die beiden Seiten wirken schon so wie McLaren/Honda in den erfolgreichen 90er-Jahren. Da befruchten sich beide Seiten. Und dann hat man außerdem noch einen Ausnahmefahrer wie Max Verstappen im Cockpit sitzen. Das könnte groß­artig werden.

Das Gespräch führte Daniel Suckert