Letztes Update am Mi, 13.03.2019 15:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Ralf Schumacher: „Ein neuer Weltmeister täte der Formel 1 gut“

Die Formel 1 dreht sich ab Freitag wieder in Australien im Kreis. Der Pay-TV-Sender Sky hat Ralf Schumacher als Co-Kommentator engagiert. Die TT traf den Bruder von Rekordweltmeister Michael in München.

Ralf Schumacher kehrt als Co-Kommentator für Sky in die Formel 1 zurück.

© gepaRalf Schumacher kehrt als Co-Kommentator für Sky in die Formel 1 zurück.



Von Daniel Suckert

München – Er startete 180 Mal im elitärsten Kreisverkehr der Welt und fuhr dabei sechs Siege ein. Ralf Schumacher ist aber vor allem bekannt, weil der heute 43-Jährige der kleine Bruder von Rekordweltmeister Michael Schumacher ist. Seine jahrelange Abwesenheit in der Königsklasse hat nun ein Ende gefunden. Der Kerpener wird beim deutschen Pay-TV-Sender Sky als Co-Kommentator im Einsatz sein.

Wie groß ist die Vorfreude auf den neuen Job?

Ralf Schumacher (lacht): Zwei Stunden ohne Werbepause durchreden, es wird nicht so leicht, sagen wir einmal so. Aber es wird spannend. Ich werde versuchen, den Zuschauern Einblicke zu bieten, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Mittlerweile ist die Königsklasse ja sehr komplex geworden.

Wie nahe waren Sie der Formel 1 in den letzten Jahren?

Schumacher: Ich war weit weg. Die Rennen habe ich joggend auf dem Laufband verfolgt, war aber lange nicht mehr vor Ort. Durch meinen Sohn David (17 Jahre, Anm.) habe ich aber interessante Einblicke in den PS-Nachwuchs erhalten. Und eines muss man festhalten: Der Motorsport steht derzeit auf dem Prüfstand.

Ausschnitte einer Karriere: mit dem großen Bruder Michael, ...
Ausschnitte einer Karriere: mit dem großen Bruder Michael, ...
- gepa

Inwieweit?

Schumacher: In der DTM (Deutsches Tourenwagen Masters, Anm.) verabschiedet sich einfach mal so Mercedes. Das war ein schwerer Schlag. Immer mehr Kartbahnen verschwinden von der Landkarte und in Sachen Nachwuchs wird es immer diffiziler. Zu meinen Zeiten hatten wir teilweise bis zu fünf oder sechs deutsche Piloten gleichzeitig in der Formel 1. Heute sind es nur noch Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg und außer Mick (Neffe, Anm.) sehe ich keine kommenden Formel-1-Fahrer. Da muss ich die Hersteller auch in die Pflicht nehmen. Man kann nicht nur oben abgrasen und für unten nichts tun. Da sind uns andere Länder voraus.

Mit Ihrem Neffen und Ihrem Sohn David gibt es aber namhafte Nachwuchspiloten. Mick könnte ja einen Formel-1-Test für Alfa Romeo im April absolvieren.

Schumacher: Da müssen wir ganz am Boden bleiben. Mick hat jetzt einmal die Formel 2 vor der Brust und David hat erst eine Formel-4-Saison hinter sich. Da ist die Formel 1 noch weit, weit weg. Beide wissen, die Familie ist da für sie. Generell müssen die hohen Erwartungen runter.

Apropos hohe Erwartungen – Vettel startet heuer in seine fünfte Ferrari-Saison. Ihr Bruder Michael hat da den ersten von fünf Titeln für die Scuderia geholt. Lewis Hamilton (Mercedes) hingegen fehlen nur noch zwei WM-Kronen auf den Rekord von sieben Titeln.

Schumacher: Kann man das vergleichen? Ich weiß es nicht. Die Formel 1 wurde schon immer von Teams und Typen geprägt, die in ihrer Ära Außergewöhnliches geleistet haben. Das, was Michael gemacht hat, war außergewöhnlich und wird immer außergewöhnlich bleiben. Ich gönne es dem Lewis. Er ist ein unglaublicher Fahrer, der auch alles aus einem nicht perfekten Auto herausholen kann. Aber er muss das erst mal schaffen. Zwei Titel, das ist noch ein ganzes Stück. Bei Sebastian muss das Paket passen, damit er unschlagbar ist. Ferrari hat aber jetzt einmal das Wichtigste gemacht. Sie haben ihm die Nummer-eins-Position zugestanden. Das hat man in den Jahren zuvor verabsäumt und das ist ein großes Problem, auch wenn das für Außenstehende nicht gleich verständlich wirken mag. Ein neuer Weltmeister täte der Königsklasse aber generell gut.

... oder mit Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger bei Williams.
... oder mit Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger bei Williams.
- gepa

Ihr zweiter Landsmann, Nico Hülkenberg, hat mit Daniel Ricciardo (AUS) ein schweres Kaliber zu Renault dazubekommen. Kann er sich da durchsetzen?

Schumacher: Das spielt keine Rolle. Bei Renault muss endlich ein Siegauto her. Dort hört man über die Jahre nur noch Steh-Sätze: „Ja, wir sind nah dran“ usw. Das zählt einfach nicht, ständig nur „best of the rest“ zu sein.

Mehr als die Hälfte der Formel-1-Teams setzt heuer zum ersten Mal auf die Dienste vieler unter 25-Jähriger. Müssen wir uns auf mehr Fahrfehler einstellen?

Schumacher: Auch „Oldies“ verbremsen sich. So ist es nicht. Es ist ein begrüßenswerter Schritt, dass die Talente die Chance bekommen. Jetzt muss man ihnen halt auch die Zeit geben und keinen zusätzlichen Druck machen.

Heute wird gerne die gute alte PS-Zeit glorifiziert, das Mann-gegen-Mann auf dem glühenden Asphalt. Fehlt Ihnen das in der aktuellen Königsklasse?

Schumacher (lacht): Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin froh, dass wir kein Plumpsklo mehr im Garten stehen haben. Früher war nicht alles besser. Bei uns war der Start spannend, dann konnte man sich niederlegen und am Ende wieder einschalten.

Wenn Sie das MotoGP-Rennen am Wochenende in Katar gesehen haben, da waren acht Bikes innerhalb von nur fünf Sekunden. Das fehlt in der elitären Rennserie.

Schumacher: Ja, aber das geht mit den Autos schon aus aerodynamischen Gründen nicht. Da müssen Sie Gokart schauen. Was mich stört, ist die Forderung, es müsse heute ständig Action sein. Seien wir froh, dass die Autos so sicher geworden sind. Allein wenn ich mir anschaue, was mit Robert Wickens (DTM-Pilot, Anm.) bei seinem schweren IndyCar-Unfall passiert ist. Das Ziel kann nicht sein, Piloten im Rollstuhl sitzen zu sehen. Wem’s nicht gefällt, der kann umschalten.

Steckbrief Ralf Schumacher

Formel-1-Karriere: 180 Starts, 6 Siege, 27 Podestplätze, 329 Punkte.

Teams: Jordan (1997–99), Williams (1999–04), Toyota (2005–07).

DTM-Karriere: 52 Starts, 46 Punkte, 2 Podestplätze;

Teams: Mücke (2008), HWA Mercedes (2009–12);

Privates: Von 2001 bis 2015 mit Cora verheiratet; gemeinsamer Sohn David – fährt in der Formel 4.

Wie sehen Sie die Formel E?

Schumacher: Tja, ich bin ja offen für Neuerungen, aber die Formel E ist eine große Augenauswischerei. Mittlerweile gibt es ja Dokus, die endlich zeigen, was bei der Produktion von Batterien tatsächlich für ein Aufwand betrieben wird. Sie können mit einem normalen Auto 170.000 Kilometer fahren, ehe sie einen Tesla herinnen haben. Deswegen habe ich mit der Rennserie ein Problem. Ich habe das Gefühl, es ist derzeit einfach schick, zur Formel E zu gehen. Fahren die Autos jetzt eigentlich durch?

Seit heuer schon.

Schumacher (lacht): Na toll. Also man kann sich die Rennen anschauen und nebenbei telefonieren. Sponsorentechnisch hat es die Formel 1 sicher unter Druck gesetzt, aber die Königsklasse ist auch sehr lange im Fahrwasser eines älteren Herren (Bernie Ecclestone, Anm.) geschwommen.

Apropos Finanzen – Ihr langjähriger Wegbegleiter Franz Tost (Toro-Rosso-Teamchef) hat im Winter erneut für eine Budgetobergrenze plädiert. Wie sehen Sie das?

Schumacher: Das klingt nicht realistisch. Solange die Teams keine Budgetobergrenze wollen, wird das nicht passieren. Solange Geld da ist, wird es auch ausgegeben und wie geht man mit den ganzen Mitarbeitern um? Natürlich hatten wir, zum Beispiel, bei Jordan (1997–99, Anm.) nur rund 40 Millionen Dollar Budget und trotzdem sind wir tolle Rennen gefahren. Die Rennställe müssen das wollen. Allein schon wegen der Kontrolle. Ich bin bei Franz, ja, es wäre gut. Aber das „Wie“ sehe ich nicht.

Würde es Sie reizen, noch einmal in einen aktuellen Formel-1-Boliden zu klettern? Oder ist es Ihnen zu komplex, was die Jungen alles wissen müssen? Die bekommen ja ein dickes Handbuch, um es auswendig zu lernen.

Schumacher: Ein dickes Handbuch hatten wir auch, nur habe ich es nie gelesen. (lacht) Als ich das letzte Mal in den Straßen von Monaco gestanden bin, dachte ich mir nur: „Junge, wie hast du das jahrelang überlebt?“ Ich muss nicht mehr fahren.