Letztes Update am Sa, 25.05.2019 07:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Aussen

Blutdopingskandal, oder: Die große Ent-Täuschung

Ein etwas anderer Blick auf die Ereignisse rund um Seefeld und auf die vermeintlich schönste Nebensache der Welt, die schon längst ihre Unschuld verloren hat.

© iStockphoto



Von Thomas Pupp

Was ist nur los? Diese Angst. Diese Vorurteile. Dieses Schwarz-Weiß-Denken. Wie nie zuvor leben wir in einer Epoche multithematischer Erregung. Quasi Dauererektion. Aber ohne viele „happy endings“. Immer gut die Flüchtlinge. Dann der Terror. Kopftuchdebatten. Zur Abwechslung eine Vogelgrippe. Kuh-Alarm. Oder eben ein Skandal im Sport. Diese emotionalen Aufwallungen aber verstellen den Blick auf die Komplexität des Ganzen, das immer nur in fragmentarischen Häppchen für die gestressten Beobachter das Tageslicht erreicht. Wie eben jüngst in Seefeld, als sich der blaue Himmel über der Nordischen Ski-WM dunkelrot färbte: Doping. Die Aufmacher fett. Die Volksseele erzürnt. Die Enttäuschung groß. Weil nämlich die Idealisierung des Sports nur allzu leicht darüber hinwegtäuscht, wie sehr dieser lediglich ein Abbild unserer Gesellschaft ist: Mehr Geld. Mehr Leistung. Mehr Macht. Und in der Arena wetteifern nicht nur Athleten um Medaillen und öffentliche Aufmerksamkeit: Medien, Sponsoren, Politik, Veranstalter, Fans, Schulen, Familien, die Dopingjäger und viele mehr sind Teil des Spiels. Wo alle einander sich mit eleganten Doppelpässen für einen spannenden und fairen Sport bedienen sollten, verhindern Einzelinteressen und ein holpriges Zusammenspiel den erfolgreichen Zug auf das Tor. Der Versuch einer anderen Perspektive auf das turbulente Spielfeld.

Thomas Pupp. War Sportlandesrat und SPÖ-Abgeordneter zum Tiroler
Landtag. Mitinitiator der Rad-WM und Manager des Tirol KTM Cycling Team.
Thomas Pupp. War Sportlandesrat und SPÖ-Abgeordneter zum Tiroler
Landtag. Mitinitiator der Rad-WM und Manager des Tirol KTM Cycling Team.
- Pupp

Beginnen wir bei den Jungen, dem Nachwuchs. Spitzensport. Ein dorniges Terrain. Talent und Ehrgeiz sind zu wenig für den angepeilten Weg nach oben. Leidenschaft. Viel Fleiß. Hartes Training. Große Disziplin. Neben Glücksgefühle treten Leiden und ein asketischer Perfektionismus. Denn während sich Freunde und Familie zu Weihnachten orgiastisch an Vanillekipferln und Punschkrapferln vergehen, üben sich diese jungen Sportler in genussfeindlicher Enthaltsamkeit. Auch die sozialen Kontakte und Freuden eher homöopathisch. Nichts mit langem Ausgehen und Über-die-Stränge-Schlagen. Aber dieser hohe Einsatz bleibt verborgen. Vor allem von jenen, denen die herausragenden Erfolge und das Erzählen ihrer Geschichte immer verwehrt bleiben werden. Doch auch sie sind Sieger, Sieger im Geiste des Sports.

Wo ist die Verhältnismäßigkeit?

Umso mehr machen diese jungen Athleten dann die Parolen der vielen Halbgebildeten betroffen, die den Sport jetzt wieder mit Generalverdacht überziehen. Dass sportliche Erfolge eben nur mittels Doping erzielt werden können, ohne harten und langen körperlichen und psychischen Einsatz. Ihnen, diesen Falschwissern, zur Aufklärung: Bei der Leistungsentwicklung vom Nachwuchssport bis hin zur Elite, speziell im Ausdauersport, spielen nämlich Trainingsalter, das soziale Umfeld sowie genetisch bedingte Parameter eine tragende Rolle für die so wichtige maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit. Doch diese wichtigen Erkenntnisse bleiben in der täglichen Berichterstattung verborgen.

Ohne Frage, die im Zuge der actiongeladenen Razzia des Dopings überführten Sportler haben einen Fehler und einen klaren Regelverstoß begangen. Haben damit sich geschadet, ihrem Sport und dem Sport im Allgemeinen. Aber Verbrecher im Sinne der heftigen öffentlichen Verurteilung? Und passen die Verhältnismäßigkeiten im Vergleich zu den wirklich krassen Dingen: tödliche Waffengeschäfte, körperliche und sexuelle Misshandlungen in den Kirchen und Jugendheimen, Milliardenbetrügereien in der Autoindustrie. Wohl kaum! Werfen wir einen Blick in das zutreffende Gesetz. Das sieht bereits jetzt für Doping als Sportbetrug einen Strafrahmen von bis zu drei Jahren vor (zur Vertiefung sei jedem das Lesen von § 147 StGB empfohlen). Die rechtliche Abschreckung samt spezial- und generalpräventiver Ansätze ist also vorhanden. Zusätzlich gibt es seitens der nationalen Sportverbände und in letzter Instanz vom Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne die Möglichkeit, jahre- bis lebenslange Sperren auszusprechen und entsprechende Rechtseinbußen zu bewirken. Was aber ganz wichtig ist: Ein ordentliches Gericht verhängt auf Grundlage der Schuld des Täters die Strafe und hat dabei Erschwerungs- und Milderungsgründe gegeneinander abzuwägen. Aber auch dieser wichtige Aspekt bleibt in der überhitzten öffentlichen Debatte immer außer vor.

Kapital pervertiert den Sport

Viel lieber erregt sich die Masse der Zuschauer am unreflektierten und populistischen Ruf nach dem Knast für die überführten Sportler. Und die Richter ohne Talar sitzen dann in den sozialen Medien. Anonym und gar nicht sozial. Wie die Sau jagen sie die des Dopings überführten Athleten durch das virtuelle Dorf. Erniedrigen. Machen verächtlich. Die abscheuliche Brutalität des öffentlichen Prangers kennt kein Erbarmen. Die Eintragung in das Strafregister, mit ihrer stigmatisierenden Vorstrafe, dagegen beinahe schon ein klandestines Ereignis außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung.

Doch sind das Verbot von leistungssteigernden Mitteln und die Bestrafung von Regelverstößen bereits die größte Anstrengung, ein Höchstmaß an Fairness herzustellen? Wohl kaum, mit einem Blick auf die gewaltigen Ungleichheiten finanzieller und wirtschaftlicher Ressourcen in vielen Sportarten. Denn längst pervertieren das Kapital und globales Wettrüsten den Spitzensport. Ist die ökonomische Chancengleichheit bereits in unserer Demokratie ein vielbeschworenes, aber unerreichtes Ziel, so verkommt sie im Leistungssport zur Mär. Astronomische Gehälter. Schwindelerregende Ablösesummen. Gerade im Fußball, aber nicht nur dort, erleben wir seit Jahren eine strenge Marktschließung. Im Zentrum befinden sich ganz wenige Clubs, mit dem großen Geld ihrer internationalen Investoren. Hier sind Glanz und Ruhm zu Hause, die großen Namen und die fetten Transfers. Außerhalb dieses kleinen Kreises operieren Vereine dann bestenfalls als Zulieferer. Den Verlockungen des großen Geldes erliegend opfern sie ihre Besten für das elitäre System. Damit ist der Spitzenfußball aber nur ein Abbild unserer neoliberalen Weltordnung, die eben auch nur von einigen wenigen Großkonzernen dominiert wird.

Scheinheilig auch die Rolle der Politik. Ohne Scham drängt sie bei jeder Gelegenheit auf ein Foto mit den gefeierten Helden, sucht willfährig die Nähe der Sieger und Guten und meidet die Gestrauchelten. Mit feierlichem Pomp und Zeremoniell eröffnet sie Großveranstaltung um Großveranstaltung und vergisst dabei nur allzu oft auf bleibende Nachhaltigkeit. Auch die längst überfällige und flächendeckende Einführung einer täglichen Turnstunde verharrt noch immer in den Startblöcken. Was wiederum enttäuschend erscheinen mag, ist lediglich die bittere Realität. Auf den harten Brettern der Politik spielt der Sport praktisch keine Rolle. Oder ist bei Regierungszusammenstellungen das Interesse am Sport schon mal mit ähnlichem Nachdruck verhandelt worden wie für andere Ressorts? Eben. In Anbetracht der Tatsache, dass in Österreich neben der Bildung kein anderer Bereich wie der Sport parteipolitisch dermaßen durchzogen ist, fast schon wieder ein Treppenwitz.

Ein Witz, der nun vom aktuellen „Ibizagate“ blamabel überboten wird: Der Sportminister schießt mit seinem „feucht-fröhlichen Aktivurlaub“ auf den Balearen ein ganzes Land und auch noch seine Regierung ins Abseits.

Eine vernünftige und aktive Sportpolitik, mit intelligenten Strategien und zukunftsfähigen Perspektiven, sieht anders aus. Auch im Kampf gegen Doping. Denn konterkarieren die unbotmäßigen staatlichen Forderungen nach Medaillen und Spitzenleistungen nicht jede Dopingprävention? Und auch die entsprechenden Gesetze können, ganz im Sinne Martin Luthers, allen Athleten nur sagen, was sie tun oder eben nicht tun sollen, die Kraft dazu geben sie ihnen aber nicht. Doch woher könnte sie kommen, eine solche Kraft?

Gelingen stärker als Erfolg

Die Hinwendung zu den Sportlern muss in einer viel früheren Lebensphase erfolgen. In den Familien, den Vereinen und in den Schulen. Sie müssten endlich die so wichtigen angstfreien Zentren werden, in denen das Selbstbewusstsein und die Selbstreflexion junger Menschen gestärkt werden. Wo Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung vermittelt werden, Zusammenarbeit an Stelle einzelkämpferischer Egoismen. Wo eine faire und soziale Leistungskultur gelehrt wird, in der es nicht alleine um das Gewinnen, sondern um das Gestalten geht. In der das Gelingen stärker als der Erfolg ist. Mit Blick auf den Sport könnten dann auch die alten olympischen Ideale gelehrt werden, vom Dabeisein, von Fairness und worauf es im Pierre-de-Coubertin’schen Sinne im Wettkampf wirklich ankommt: nämlich gut gekämpft und sich beharrlich bemüht zu haben. Klingt naiv? Mitnichten. Denn nur so können starke Persönlichkeiten und mündige Athleten heranwachsen, mit einem gesunden Ehrgeiz, Selbstwertgefühl und mit aussichtsreichen Lebensperspektiven neben und nach dem Sport.

Mein Dank für einen spannenden Gedankenaustausch geht an Harald Katzmayr, FASresearch Institut Wien; Peter Leo, Sportwissenschafter bei der medalp Gruppe; Andrea Koschier, Psychologin und ehemalige Profi-Radfahrerin sowie Johanna Constantini, Psychologin.