Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.08.2019


Judo

Olympia-Projekt gerät für Graf und Unterwurzacher in Gefahr

Knalleffekt im Judo-Verband: Marko Spittka (48) ist nicht mehr Damen-Cheftrainer. Ein herber Rückschlag für Tirols Olympia-Hoffnungen.

Coach Spittka betreute Graf (l.) und Unterwurzacher seit 2008.

© gepaCoach Spittka betreute Graf (l.) und Unterwurzacher seit 2008.



Von Benjamin Kiechl

Wien, Innsbruck – Das Band zwischen Damen-Bundestrainer Marko Spittka und dem heimischen Judo-Verband ist zerschnitten. Hinter den Kulissen gekriselt hat es schon länger. Der umstrittene Führungsstil des deutschen Trainers, gepaart mit unerfreulichen Resultaten im Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio, ließ den Vorstand des Österreichischen Judoverbandes (ÖJV) am Mittwochabend die Notbremse ziehen: Das Dienstverhältnis mit dem 48-jährigen Olympia-Dritten von 1996 wurde aufgelöst.

„In letzter Zeit gab es (...) in der Betreuung des Teams Unstimmigkeiten, und der Vorstand sah in diesem Punkt Handlungsbedarf“, lautete die offizielle Begründung auf der Verbands-Homepage. „Marko Spittka hat das selbst verschuldet“, erklärte Tirols Judo-Präsident Martin Scherwitzl, der bisher stets auf den Trainer gebaut hatte. Die Entscheidung des Vorstands sei jedoch richtig und zu akzeptieren, erklärte der Innsbrucker in seiner Funktion als Vizepräsident im ÖJV. „Spittka hatte außer in Tirol immer einen schweren Stand.“

Für die Tiroler Olympia-Hoffnungen Bernadette Graf und Kathrin Unterwurzacher bedeutet die Trennung, die ausgerechnet drei Wochen vor dem Saisonhöhepunkt Judo-WM in Tokio (ab 25. August) schlagend wird, einen herben Rückschlag. „Sie sind die Leidtragenden“, so Scherwitzl. Coach Spittka begleitete die Tirolerinnen seit 2008, anfangs als Jugend-Nationaltrainer. 2013 wurde er zum Bundestrainer ernannt, nach durchwachsenen Ergebnissen wurde er Ende 2014 jedoch als Herren-Trainer abgezogen. Mit Graf und Unterwurzacher passte hingegen die Chemie. Das Duo sammelte mehrere EM-Medaillen und kratzte bei den Sommerspielen 2016 mit den Plätzen fünf und sieben an einer Medaille.

Nach dem Aus für Spittka gerät das Olympia-Projekt 2020 in Gefahr. „Wir müssen uns nach einer Interimslösung umschauen“, erklärte Scherwitzl, der sich wieder selbst verstärkt einbringen will. Als Coach in Tokio dabei zu sein, schließt er aber aus. Die Agenden werden vorerst von Techniktrainer Hitoshi Kubo und Sportdirektor Markus Moser mit Unterstützung der bisherigen Nationaltrainer übernommen. Die zwei Tiroler Judo-Asse, die mit 27 Jahren im besten Alter wären, blicken ohne ihren Vertrauensmann in eine unsichere Zukunft. Laut Scherwitzl gebe es zwei Möglichkeiten: „Entweder wir trauern der Vergangenheit nach und hören auf, oder wir blicken nach vorn und starten neu durch.“