Letztes Update am Mo, 12.08.2019 22:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Beachvolleyball

Ermacora nach EM-Triumph: „Danke, dass ihr gewartet habt“

Im Juli war Beachvolleyballer Martin Ermacora (25) noch am Sand. Im TT-Interview verrät er, was die EM-Bronzemedaille verändert hat und warum der Natterer sich mit Europameister Anders Mol vergleicht.

Strahlende Gesichter bei Martin Ermacora und Moritz Pristauz. EM-Bronze war der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere.

© GEPA pictures/ SputnikStrahlende Gesichter bei Martin Ermacora und Moritz Pristauz. EM-Bronze war der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere.



Wie war die Nacht nach dem Gewinn der EM-Bronzemedaille?

Ermacora: Kurz (lacht). Aber sind wir doch ehrlich: Wenn man so etwas nicht feiert, macht man etwas falsch im Leben.

Dafür bietet die russische Hauptstadt Moskau sicher gute Möglichkeiten.

Ermacora: Wir wussten erst nicht, wohin. Aber dann hat Ilja Leschukow, gegen den wir im Halbfinale verloren haben, mit seiner Freundin den Tour-Guide gespielt. Normalerweise reden die Russen ja nicht so viel, aber das war total nett. Nur leider hatte ich meinen mobilen Datenempfang am Handy ausgeschaltet.

Warum?

Ermacora: Weil Christian Sörum in der Nacht schrieb, ob er und Anders Mol mitkommen können.

Was verbindet Sie mit den Europameistern?

Ermacora: Wir sind befreundet. Sie haben bei der Siegerehrung gesagt: Es sei schön, sich mit uns das Podium zu teilen. Daraufhin habe ich mich dafür bedankt, dass sie auf uns gewartet haben. An ihnen ist es ja nicht gelegen. (lacht)

Die jungen Norweger stellen mit ihren Seriensiegen derzeit die Beachvolleyball-Welt auf den Kopf.

Ermacora: Für sie war ein großer Turniererfolg die Initialzündung, daran habe ich gestern am Stockerl gedacht. Mol ist mein großes Vorbild. Sein Blockspiel ist sensationell. Und ich denke, ich könnte auch so blockieren. Derzeit fehlt mir aber noch die nötige Körperspannung dafür. Darauf arbeite ich im Winter hin.

Ein weiteres Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Ermacora: Leider hat die EM für die spezielle Olympia-Weltrangliste, mit der man das Ticket lösen kann, nicht viel gebracht. Aber das Ergebnis stimmt mich für die Hintertür positiv, den Continental Cup. Clemens Doppler und Alex Horst haben auch schon einmal so das Ticket gelöst. Der Verband bestimmt die teilnehmenden Teams und wir wissen jetzt, dass wir wirklich jedes Team schlagen können. Dazu sind wir noch lange nicht am Maximum.

Wo sehen Sie Potenzial?

Ermacora: Ich muss servieren lernen (lacht). Ich meine, richtig per Sprungaufschlag, dann kann das eine Waffe werden. Durch die Schulterverletzung im Herbst konnte ich nicht üben. Dafür hatte ich Zeit, das obere Zuspiel zu verbessern, dadurch spielen wir variantenreicher.

Für Sie war der Erfolg also nur eine Frage der Zeit?

Ermacora: Ehrlich gesagt, haben wir uns bei der EM gar nichts erwartet. Der Zeitpunkt war ungünstig. Das Turnier in Wien davor war für den Kopf anstrengend. Mit diesem Gewinn haben wir vom Mentalen einen Riesenschritt vorwärts gemacht. Wir haben gelernt, dass wir gewinnen können, wenn wir bloß den Kopf nach wichtigen Punkten, die wir verlieren, nicht hängen lassen. Zudem wissen wir, dass wir keine 8000 verrückten Fans im Rücken brauchen, um zu gewinnen, und uns auch Regen nichts anhaben kann.

Haben Sie wirklich alles schon realisiert?

Ermacora: Manches ist noch surreal. Deswegen haben Moritz und ich nach der Siegerehrung die Medaillen nicht mehr abgenommen – auch im Flieger nicht. Unser amerikanischer Freund Casey Patterson, ehemaliger Weltranglisten-Erster, hat gesagt: „Ihr müsst sie 24 Stunden umgehängt haben, um zu verstehen.“ Nachdem er uns die Zukunft Österreichs nennt, haben wir uns darauf eingelassen.

Wie viele Nachrichten haben Sie bekommen?

Ermacora: Gleich nach dem Semifinale hatte ich 214 WhatsApp-Nachrichten. Unsere Handys gehen über und der Akku ist meist leer. Während der gesamten Woche war die Resonanz erfrischend und unglaublich motivierend. Das war für den österreichischen Beachvolleyballsport toll.

Sie waren jedoch das einzige rot-weiß-rote Aushängeschild. Die anderen Teams enttäuschten, deswegen kündigte Verbandspräsident Gernot Leitner Veränderungen an.

Ermacora: Ich weiß noch nicht, welche Neuerungen es sein werden. Aber ich denke, dass er von einer Professionalisierung spricht. Bei der Regeneration könnte man mehr rausholen. Der ÖVV bietet viel, aber ohne eigene finanzielle Mittel geht es bisher nicht. Wir haben seit dieser Saison ein Team von vier Physiotherapeuten. Einer davon betreut uns immer auf den Turnieren. Das macht einen großen Unterschied. Ihnen haben wir viel zu verdanken.

Auch eine weitere Party.

Ermacora: Morgen organisieren sie eine kleine Feier in Innsbruck. Da die Saison aber noch nicht zu Ende ist und wir am Donnerstag wieder trainieren müssen, wird es etwas Kleines, für die Leute, die uns immer die Daumen gedrückt haben und an uns geglaubt haben. Es ist alles so unglaublich. Mitte Juli waren wir richtig gut drauf, sind motiviert zum Turnier nach Espinho gereist. Dann haben wir dort gegen eigentlich unterlegene Spanier verloren – für uns ist die Welt untergegangen. Und jetzt, nur drei Wochen später, ist die Sonne so richtig strahlend aufgegangen.

Das Gespräch führte Susann Frank