Letztes Update am Di, 27.08.2019 13:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview - Teil 2

Gerhard Berger wird 60: „Auf einmal saß ich in einem Formel-1-Auto“

Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger feiert heute ihren 60. Geburtstag. Mit der TT sprach der Wörgler über sein bewegtes Rennfahrerleben, den Klimawandel und die Probleme des Älterwerdens.

Der letzte war zugleich der emotionalste Formel-1-Sieg Gerhard Bergers in Hockenheim.

© imago/WEREKDer letzte war zugleich der emotionalste Formel-1-Sieg Gerhard Bergers in Hockenheim.



Fortsetzung des Geburtstags-Interviews mit Gerhard Berger - zu Teil 1

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Wenn der DTM-Boss auf die Formel E zeigt, wird der ein oder andere sagen: „Eh klar, die Konkurrenz-Serie."

Berger: Das stimmt aber nicht. Ich bin ein Fan von jeder Rennserie. Motorsport ist meine Leidenschaft. Aber ich mag halt nicht, wenn ein Hype alles überschattet und niemand kritisch nachfragt. Und gibt es eine saubere Lösung, die uns alle weiterbringt, bin ich sofort Feuer und Flamme. Nur die Einteilung in „Das ist gut" und „Das ist böse" — dagegen verwehre ich mich. Das ist mir zu politisch gesteuert. Meine Wenigkeit ist doch ein gutes Beispiel: Wenn ich, als Motorsport-Liebhaber, auf einmal anfange, solche Dinge wie Umweltschutz hochzuhalten, ist doch etwas wie ein Umdenkprozess entstanden. Ich sehe die Natur heute anders. Das muss auch so ein Altersding sein. (lacht)

Apropos Alter — mit Anfang 20 standen die ersten F1-Testfahrten in Zandvoort an. An dem Wochenende war zugleich das 24-h-Rennen in Spa (BEL).

Berger: Ich bin vor dem 24-h-Rennen schon praktisch 24 Stunden im Auto gesessen. Man muss noch dazu sagen, genau das habe ich an meiner Zeit so geliebt: Da sind die Piloten in verschiedenen Renn-Klassen unterwegs gewesen. Ich habe einen Anruf bekommen, gerechnet, ob es sich ausgeht, und es einfach getan.

Waren Sie nervös?

Berger: Man hat Respekt gehabt und ehrlich gesagt ist der Bolide mit mir gefahren und nicht umgekehrt. Aber ich musste Eindruck schinden und darum habe ich mir zuvor die Bremspunkte von Nelson Piquet (BRA), der vor mir gefahren ist, angeschaut. Dann bin ich die Gerade runtergebrettert mit über 300 km/h, habe Piquets Bremspunkt gesehen und mir gedacht: „Augen zu und durch." Danach ist der Renningenieur gekommen und hat gesagt: „Du bremst ja spät." Und ich meinte nur cool: „Das passt schon gut so." (lacht)

Das war die Eintrittskarte.

Berger: Obwohl ich so gut wie alle Nachwuchsserien und den Kart-Sport übersprungen habe. Ich bin insgesamt nur 40 Rennen gefahren und auf einmal saß ich in einem F1-Auto.

Der „wilde Hund" eben.

Berger: Später habe ich das aber gemerkt. Als ich bei McLaren (1990—92, Anm.) gegen Ayrton Senna gefahren bin, hatte der schon 400 Rennen mehr auf dem Buckel.

Bevor Sie 1985 zum Team Arrows wechselten, gab es einen schweren Autounfall im Privat-Pkw, an dem Sie keine Schuld traf. Sie landeten im Bachbett und haben nur überlebt, weil ein Arzt zufällig hinter Ihnen gefahren ist. Zähmte Sie das?

Ayrton Senna (BRA) war für den Wörgler mehr als nur ein McLaren-Teamkollege.
Ayrton Senna (BRA) war für den Wörgler mehr als nur ein McLaren-Teamkollege.
- imago sportfotodienst

Berger: Überhaupt nicht. Es war zwar nicht Tagesgeschäft, aber nach drei Monaten war ich wieder auf den Füßen. Die Risikobereitschaft hat sich erst nach dem Imola-Unfall (1989, Anm.) geändert.

1986 landeten Sie bei Benetton und holten Ihren ersten F1-Sieg. Dann klopfte Ferrari an und Sie saßen dem großen Enzo Ferrari gegenüber. Wie kann man sich die Verhandlungen vorstellen?

Berger: Der Anruf kam schon vor dem Mexiko-Sieg und zwar nach meinem Podiums-Platz in Imola. Bei Enzo Ferrari war es so, als ob man vor Gott sitzt. Verhandeln ist daher das falsche Wort. Er hat dir gesagt, was gemacht wird und was nicht. Aber zu meiner Überraschung hat mir Enzo Ferrari mehr geboten, als ich mir jemals erträumt hätte. Ich wäre ja sogar gratis für Ferrari gefahren.

Ihre erste Ferrari-Ära dauerte drei Jahre: 1987 biss sich Vizeweltmeister und Teamkollege Michele Alboreto (ITA) die Zähne an Ihnen aus, 1988 folgte der emotionale Monza-Heimsieg nach Enzo Ferraris Tod und 1989 der schwere Imola-Unfall.

Berger: Ich weiß noch, als ich zu Ferrari kam, hat der Niki (Lauda, Anm.) in einem Interview gesagt: „Jetzt wird man sehen, wie gut der Berger ist, denn der Alboreto ist ganz stark." Den habe ich aber recht schnell in der Tasche gehabt. Das Jahr 1988 ärgert mich heute noch. Denn im zweiten Halbjahr 1987 hat die Kombination Ferrari/Berger das Tempo vorgegeben und nur kleine Fehler haben mehr verhindert. Darum lag 1988 nahe, dass wir auf den Titel gehen könnten. Dann kam McLaren mit dem Honda-Antrieb und hat alle Rennen bis auf Monza gewonnen. Weil wir Idioten die Regeländerung — der Ladedruck wurde begrenzt — nicht eingeplant hatten, während sich die Japaner darauf konzentrierten, das zu kompensieren. Das haben wir nicht kapiert und derweilen nur an das tolle zweite Halbjahr 1987 gedacht.

1989 ereignete sich der schwere Feuer-Unfall in Imola.

Berger: Der hat vieles verändert. Risiko ja, aber nicht mehr auf Biegen und Brechen. Das verändert deine Sensorik, deine Einstellung. Das war eine erste Zähmung. Dann kam die Familiengründung, bei McLaren meinte Ron Dennis (Teamboss, Anm.): „Du bist ein Diamant, aber wir müssen dich schleifen und deinen Fahrstil ändern." Das hat aber nicht zu mir gepasst. Alain Prost (Vorgänger bei McLaren, Anm.) war so. Das hat mir auch imponiert, wie sauber der gefahren ist. Ich hingegen war ebenso schnell, wenn ich gerutscht bin. Das alles zusammen hat mich verändert und das war nicht gut. Weil meine Stärke, die Unbeschwertheit, dabei verloren gegangen ist.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten nach den Siegen eine Analyse statt einer Party machen sollen. Vielleicht wäre so der WM-Titel gekommen. Auf der anderen Seite haben Sie einfach nur so gut funktioniert, da Sie ein Bauch-Mensch sind.

Berger: Klar. Ich kenne die Gründe, warum es nicht gereicht hat, aber das „Was ­wäre wenn"-Prinzip muss man schnell vergessen. Nötige Dinge für den WM-Titel, wie Talent oder Geschwindigkeit, hatte ich. Bei mir ist es an dem gescheitert, was ich mir sonst erarbeiten hätte müssen. Ich bin deswegen nicht unglücklich, denn am Ende des Tages war wichtig: Ich habe das alles überlebt.

Ihre Freundschaft zu Ayrton Senna entwickelte sich in den McLaren-Jahren (1990—92). Warum haben Sie zunächst entschieden, keine Politik — wie Prost — gegen ihn zu machen, sondern seine Überlegenheit einfach zu akzeptieren?

Berger: Was mich an der Prost/Senna-Zeit so gestört hat, war die Art von Prost. Bevor ich von Ferrari zu McLaren gewechselt bin, habe ich mir die Telemetrie-Daten angesehen und da war klar: Der Senna ist vom Grundspeed immer schneller gewesen. Prost dürfte das aber anders interpretiert haben und hat behauptet, Honda würde Senna bevorzugen. Senna hat wahnsinnig unter dem gelitten, weil er der Beste war und auch so gesehen werden wollte. Für mich war klar: Ich will ihn ehrlich schlagen und Punkt.

In Imola 1994 starb neben dem Salzburger Roland Ratzenberger auch Senna. Dachten Sie an Rücktritt?

Berger: Da habe ich mich zurückgezogen, um alles zu durchleuchten. Nach einem Tag war aber klar, ich mache weiter. Rennfahrer ticken da anders, man verdrängt das, ansonsten ist man im Motorsport fehl am Platz.

Auf McLaren folgte die Rückkehr zu Ferrari (1993—95). Dort gab es viele Rückschläge und Sie entschieden sich am Ende zu einer Rückkehr zu Benetton (1996—97). Dort wartete der exzentrische Teambesitzer Flavio Briatore.

Berger: Das hätte ich mir sparen können, so gerne ich den Flavio mag. Bei meinen letzten beiden F1-Jahren ist sehr viel zusammengekommen. Michael Schumacher ging zu Ferrari und nahm die wichtigsten Personen, wie Technikchef Ross Brawn, mit. Ich war nicht mehr der Pilot, der ich einmal war. Benetton glich einem sinkenden Schiff. Es war keine schöne Zeit.

Zumindest in Hockenheim (1997) feierten Sie Ihren zehnten und emotionalsten Sieg nach dem Tod Ihres Vaters. Abschlussfrage: Was wünscht sich Gerhard Berger?

Berger: Seit meiner Trennung von meiner Ex-Frau Ana habe ich ein schwieriges Verhältnis zu Heidi und Sara. Deshalb habe ich nur einen Wunsch: dass meine fünf Kinder alle beisammen ein paar Tage in Tirol mit uns verbringen.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

Hier geht es zum 1. Teil des großen Geburtstags-Interviews mit Gerhard Berger