Letztes Update am Fr, 30.08.2019 12:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

ÖOC-Präsident Stoss: „Wäre sehr aufgeschlossen für Olympia in Igls“

Am Rande einer Olympia-Inspektion für die Sommerspiele 2020 in Tokio bat die TT Karl Stoss zum Gespräch. Der ÖOC-Präsident über Chancen, Doping und Olympia 2026 in Tirol.

ÖOC-Präsident Karl Stoss weil dieser Tage mit einer Delegation in Tokio.

© gepaÖOC-Präsident Karl Stoss weil dieser Tage mit einer Delegation in Tokio.



Im Moment hat es in Tokio 33 Grad Außentemperatur, die Luftfeuchtigkeit liegt stets weit über 70 Prozent. Wie bereitet sich das Österreichische Olympische Komitee bestmöglich auf die Sommerspiele 2020 vor?

Karl Stoss: Wir empfehlen allen Athleten, möglichst im Vorfeld hierherzukommen, um das miterleben zu können, und bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit zu trainieren oder Wettkämpfe zu bestreiten. Das ist wichtig, sonst gibt es böse Überraschungen. Auch die Zeitumstellung ist ein Faktor, der sich auf die Leistungsfähigkeit auswirkt, die Top-Medaillenanwärter nehmen das sehr ernst.

Japan erwartet sich von seinen Athleten 30 Goldene. Was will Österreich?

Stoss: Es gibt keine Vorgaben, das geht auch nicht, denn Wettbewerbe hängen von vielen Faktoren ab: Tagesform, äußere Bedingungen. Die Medaillenanzahl sollte höher als bei den letzten beiden Sommerspielen sein (Rio 2016: einmal Bronze; London 2012: keine Medaille, Anm.).

Wie sehen die Maßnahmen aus?

Stoss: Das ÖOC hat alles dafür geleistet, etwa durch den Ausbau der sieben Olympiazentren. Die garantieren eine bestmögliche Vorbereitung in Sachen Sportmedizin, Ernährung und anderes. Wir geben viel Geld für Projekte aus, für Teams etwa, für die Segler zum Beispiel. Das ist hier ein spezielles Revier, das Mittelmeer ist was anderes als der Pazifik. Der Segelverband ist seit einem Jahr fast regelmäßig hier. Wir haben unser Bestes getan.

Wie sieht das Team aus?

Stoss: Wir hoffen, dass mehr Sportler die Quali-Kriterien schaffen. Im Moment sind 16 qualifiziert, am Ende sollten es 70 bis 75 sein. Das entspricht einem langjährigen Schnitt bei Sommerspielen – dann hoffen wir natürlich auf viele Medaillen. Viel heißt, die Zahl bewegt sich im einstelligen Bereich. Wir sind zwar eine Wintersportnation, haben aber in der Leichtathletik, im Schwimmen, Schießen, Segeln, Karate, Klettern Events, wo wir dabei sein können.

Es war früher einmal von Olympia-Touristen die Rede. Ist, was unsere Sportler anbelangt, die Wertschätzung gestiegen?

Stoss: Das ist spürbar und nachvollziehbar. Das hängt auch mit deutlich besseren Leistungen der Sommersportler zusammen, etwa im Siebenkampf, Diskus, Karate. Das ergibt eine hohe Erwartungshaltung, das Bild hat sich umgekehrt.

Welchen Wunsch haben Sie?

Stoss: Was wir bemängeln, was uns leidtut: Es gibt derzeit keinen österreichischen Vertreter in einer Mannschaftssportart. Handball hat noch eine kleine Chance, aber nur sechs europäische Teams qualifizieren sich. Und die besten kommen aus Europa ... wir hoffen!

Es stehen Neuwahlen an. Inwiefern wirkt sich das auf Österreichs Sport aus?

Stoss: In erster Linie ist es wichtig, dass dem Sport ein höherer Stellenwert eingeräumt wird, auch in der Politik: etwa durch ein eigenes Sportministerium, aber es geht auch wie bisher (Vizekanzleramt, Anm.). Man muss aber einen Forderungskatalog aufstellen, da ist die Bundessportorganisation mit uns dran.

Nennen Sie bitte einen Eckpunkt.

Stoss: Wichtig erscheint mir die Frage: Was können wir bei der Infrastruktur tun, damit es mehr Möglichkeiten gibt, die Athleten im Land zu behalten und vielleicht auch ausländische Sportler zu begrüßen. Die Erwartungshaltung ist jedenfalls hoch, die sollte man auch nicht niedrig schrauben. Der Sport ist nicht nur im Lichtblick Olympischer Spiele zu sehen, es geht auch um das Thema Volksgesundheit. Der Querschnittsfunktion wird zu wenig Bedeutung beigemessen, da sind mehrere Ministerien involviert. Das mehr zu fokussieren, wäre unsere Wunschvorstellung an die Politik.

Japans Organisationskomitee sprengte im Vorfeld der Sommerspiele 2020 die Kosten. Was sagen Sie als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees dazu?

Stoss: Darauf gibt es eine zweigeteilte Antwort: Das Erstbudget war unglaublich hoch, das wurde deutlich reduziert. Jetzt kostet allein der Unterhalt der Spiele 5,6 Milliarden US-Dollar, die nicht aus öffentlichen Mitteln aufgebracht werden, sondern durch Sponsoring, Ticketing, Lizenzen und den Zuschuss des IOC. Mit der Infrastruktur kommt das Tokio-Budget auf insgesamt 12,6 Milliarden, das ist aber eine Investition in die Zukunft: Der öffentliche Verkehr wird erweitert, es gibt neue Zufahrtsstrecken, Wohnungen ... Das Budget ist im Rahmen, wird gutgeheißen.

Es handelt sich um „innovative Spiele“. Was heißt das?

Stoss: Es werden Roboter zum Einsatz kommen, vor allem bei den Paralympics (Spiele der Körperbehinderten, Anm.): Wenn Getränke gewünscht werden, dann sprechen die Sportler mit einem Roboter, der bringt das. Es wird wohl auch weitere Sachen geben, aber die Veranstalter lassen noch nicht ganz die Katze aus dem Sack, hab’ ich das Gefühl. Auch das Thema Wasserstoff- und Hybridantrieb wird es geben. Das ist noch nicht so ausgereift, aber Auto-Konzerne haben großes Interesse.

Nach dem Zuschlag der Winterspiele 2026 für Cortina/Mailand tauchte die Option auf, Innsbruck-Igls für die Eiskanalbewerbe einzubinden.

Stoss: Es wäre noch zu früh, die Spiele wurden erst im Sommer in Lausanne vergeben. Klar steht auf der Tagesordnung, dass ein Eiskanal gebaut wird, das war auch das Wahlversprechen des Bürgermeisters von Cortina. Jetzt muss man schauen: Wie schaut das Budget aus? Dann muss ein Gespräch mit dem Veranstalter geführt werden, ob es Sinn macht, eine weitere Eisbahn zu bauen, oder die Möglichkeit besteht, die Bewerbe auszulagern: nach St. Moritz, was sehr naheliegend wäre, oder nach Innsbruck. Und wenn das der Fall wäre, wird man auf uns zukommen und Gespräche führen.

Wie stehen Sie dazu?

Stoss: Generell gesprochen und ohne dass es dafür einen Anlass gibt: Ich wäre sehr aufgeschlossen, weil ich es schön finden würde, weil Innsbruck eine sehr erprobte Bahn mit Weltcups, Weltmeisterschaften hat. Da gehen die Sportler im Bob, Skeleton, Rodeln gerne hin, das wäre toll. Werden wir einmal sehen, was in den kommenden Wochen passiert. Vor 2020 wird sich das nicht konkretisieren, Italien hat jetzt selbst eine Regierungsumbildung. Da wird man auch sehen, inwieweit die neue Regierung an der Unterstützung des Projekts festhält.

Wie kommt das IOC mit seinen Reformen voran, etwa mit der „Agenda 2020“ (Einsparungen, Transparenz, Anm.)?

Stoss: Bei der Agenda 2020 sind wir voll in der Umsetzung im Sinne der Zukunft, neuen Bewerben für die Jugend. Das zeigt die Offenheit des Systems, damit steigt auch die Glaubwürdigkeit. Ein wichtiger Punkt, den wir abzuarbeiten haben. Im Moment sind gute Leute am Ruder, auch mit Präsident Bach, der sich unglaublich einsetzt, die Diversität weiterzutreiben im Sinne der Vielfalt, und nicht engstirnig und eingleisig durchs Leben zu gehen. Ich bin zuversichtlich, so kommt das IOC voran.

Die Operation Aderlass infolge der Seefelder Dopingrazzia warf wieder ein schiefes Licht auf Österreichs Sportler. Hat das unserer Reputation nachhaltig geschadet?

Stoss: Wahnsinnig nützlich war das nicht, auch wenn nicht ausschließlich Österreich betroffen ist. Aber es ist eine Schande, dass Österreich immer wieder an prominenter Stelle steht. Verhindern wird man das nie können.

Hat Österreich eine Dopingkultur oder nur viele Einzeltäter?

Stoss: Nein, keine Dopingkultur. Wir haben halt für dieses kleine Land eine hohe Anzahl an Ausdauersportlern, dort kommt das Thema Doping am stärksten zum Tragen.

Das Gespräch führte Florian Madl