Letztes Update am Mi, 04.09.2019 14:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs Petrounias

Turn-Star Eleftherios Petrounias ist seit 2015 an den Ringen ungeschlagen, nach einer Schulter-OP kämpft er sich jetzt zurück – auch in Tirol.

Der „Marcel Hirscher“ Griechenlands: Eleftherios Petrounias, zuhause in Athen ein Superstar, zu Gast im Innsbrucker Leistungszentrum.

© Vanessa Rachlé / TTDer „Marcel Hirscher“ Griechenlands: Eleftherios Petrounias, zuhause in Athen ein Superstar, zu Gast im Innsbrucker Leistungszentrum.



Sie verteidigten im Vorjahr Ihren WM-Titel in Doha und wurden am Tag danach an der Schulter operiert. Wie geht es Ihnen?

Eleftherios Petrounias: Gut, sehr gut. Ich bin nahezu bereit für die WM, ich fühle mich gut. Ich bin hier in Innsbruck bei meinem Freund (Fabian Leimlehner, Olympia-Starter 2012; Anm.), die Bedingungen sind toll, Innsbruck ist wunderschön.

Nahezu bereit – was heißt das genau?

Petrounias: Ich habe meine Reha abgeschlossen und die Elemente meiner Übung schon geturnt. Jetzt in Innsbruck werde ich erstmals alles aneinanderreihen. Die OP war leider größer als erwartet, dreimal so groß. Beim Aufwachen wusste ich, dass es knapp wird mit der WM (ab 4. Okt., Anm.) und der damit verbundenen Olympia-Quali. Aber nichts ist unmöglich. Wir bauen auf meine Erfahrung.

Sie werden also in Stuttgart Ihre bereits bekannte Übung wieder zeigen?

Petrounias: Ja, weil ich diese seit drei Jahren turne und ich da die meiste Erfahrung habe. Mein Arzt sagt, dass nicht mein Körper gewinnen wird, sondern mein Kopf. Damit kann ich gut leben.

Turnen Sie mit Schmerzen?

Petrounias: Ja, und es wird ein Jahr dauern, bis diese weg sind. Ich habe mit mir einen Deal gemacht: Ich werde mit Problemen antreten, aber das ist okay, weil ich auf meine mentale Stärke bauen kann.

Auch bei Ihrem letzten Titel hatten Sie Schmerzen ...

Petrounias: Die in Doha waren wirklich schlimm – kein Vergleich zu heute. Jetzt rühren sie daher, dass mein Körper reagiert. Ich war fast neun Monate nicht an den Ringen, alles war wieder neu. Bei den Übungen lastet ja das bis zu sechsfache Körpergewicht auf den Schultern, Reaktionen des Körpers sind da also normal.

Sie werden „Herr der Ringe“ genannt, weil Sie seit 2015 ungeschlagen sind. Was reizt Sie an diesem Gerät?

Petrounias: Fürs Turnen braucht es besondere psychische und körperliche Fähigkeiten, für die Ringe aus meiner Sicht noch etwas mehr. Zum einen diesen Körper, den Natur und Gott dir geben. Ein Reckturner kann groß, klein oder auch schwächer sein, aber für die Ringe brauchst du einen speziellen Körper. Zum anderen musst du auf alles aufpassen. Verlierst du den Atem, bist du weg. Verlierst du die Beine, bist du weg. Das Reck mag gefährlicher sein, an die Grenzen des Muskelspiels kommst du aber an den Ringen.

Sie sagten einmal, Sie würden niemanden sehen, der Sie schlagen könnte. Waren Sie schon immer selbstbewusst?

Petrounias: Ich denke schon. Als ich 2008 nach drei Jahren Pause wieder zu trainieren begann, sagte ich: „Ich werde in Rio Olympiasieger.“ Damals war ich ein Niemand, meine heutige Frau hat gesagt, ich solle aufwachen. Ich sagte: „Ich bin wach und ich weiß, was ich da rede.“ Wenn du dir ein Ziel setzt und mit Selbstvertrauen darauf hart hinarbeitest, wirst du am Ende dort ankommen. Du kannst alles mitbringen, aber wenn dir das fehlt, kannst du nicht gewinnen. Jetzt habe ich zu wenig Training, zu wenig Muskelkraft, aber das Selbstvertrauen ist da.

Im Training trafen Sie auch auf Österreichs „Herrn der Ringe“, Vinzenz Höck. Was trauen Sie ihm zu?

Petrounias: Er hat das Potenzial, die Fähigkeiten und ist jung, schlau und ein guter Arbeiter. In Griechenland gibt es einen Spruch, den ich ihm erzählt habe: Wo auch immer du jetzt bist, da war ich, und da wo ich bin, da wirst du sein … Das ist meine Meinung von Vinzi. Er wird sich in den nächsten Jahren eine Top-Position schaffen.

Sie haben geheiratet und werden bald Vater einer Tochter. Da nur die Männer Ringe turnen, fällt sie als Nachfolgerin aus ...

Petrounias (lacht): Turnen wird sie aber bestimmt, es ist die Mutter aller Sportarten, jedes Kind sollte es lernen.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer