Letztes Update am Sa, 02.11.2019 10:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Vanessa Herzog: „Tom weiß immer, was er sagen muss“

Nach der Wahl zu Österreichs und Kärntens Sportlerin des Jahres spricht Tirols Eisschnelllauf-Weltmeisterin Vanessa Herzog (24) im TT-Interview über Heimatgefühle, fehlende Infrastruktur und Hirschers Händedruck.

Marcel Hirscher und Vanessa Herzog.

© gepaMarcel Hirscher und Vanessa Herzog.



Frau Herzog, am Donnerstag wurden Sie Österreichs Sportlerin des Jahres, 24 Stunden davor erhielten Sie als Wahl-Ferlacherin die Trophäe für Kärntens Sportlerin des Jahres. Dann könnte bei der Tiroler Sportlergala ja ein ungewöhnlicher Hattrick folgen ...

Vanessa Herzog: Ich hoffe doch (lacht). Das wäre natürlich eine ganz besondere Ehre. Die beiden Titel waren schon der richtige Motivationsboost, bevor die Saison losgeht.

Was bedeutet Ihnen die Ehrung als Österreichs Sportlerin des Jahres 2019?

Herzog: Es ist die größte Auszeichnung, die du im Sport in Österreich erreichen kannst. Das hat eine riesengroße Bedeutung – vor allem als Vertreterin einer Sportart, die nicht Skifahren oder Fußball ist. Ich habe gehofft, dass die Journalisten objektiv nach den Erfolgen entscheiden. In einer Saison ohne Olympische Spiele konnte ich nicht mehr gewinnen. Was hätte ich denn noch gewinnen können? Wenn nicht jetzt, wann dann?

Sie erhielten die Trophäe neben Herren-Sechsfach-Sieger Marcel Hirscher. Macht das das Ganze noch spezieller?

Herzog: Auf jeden Fall. Er ist so ein unglaublicher Sportler, eine Ikone. Er hat sich seinen Ruhestand sehr verdient. Und er hat einen unglaublich festen Händedruck, der hat ’ne Kraft in den Armen (lacht).

Zu Tränen gerührt war Emese Hunyady, die 1994 als letzte Eisschnellläuferin Sportlerin des Jahres wurde. Wie schön war es, diesen Erfolg mit Ihrem Idol am Tisch zu feiern?

Herzog: Das war ganz besonders. Emese hat im Eisschnelllaufen alles gewonnen. Wenn sich so eine Person mitfreut, ist das noch schöner.

Ihr Lebensmittelpunkt wurde nach dem Umzug 2016 Kärnten. Wie wichtig ist Ihnen Ferlach als Heimat?

Herzog: Ich fühle mich enorm wohl dort, wo wir leben. Hier kennt jeder jeden. Es ist total entspannt. Nach dem Weltcup mit dem Trubel komme ich nach Hause – und da ist erst mal gar nichts. Und ich kann machen, was ich will.

Das heißt, Sie haben Ihren Traumort gefunden?

Herzog: Ich bin in Tirol geboren, habe 20 Jahre dort gelebt und meine Familie ist dort. Aber da, wo ich jetzt lebe, ist sicher mein Traumplatz. Und auch die Trainingsmöglichkeiten passen dort.

Nun wurde für mehrere Millionen Euro der Innsbrucker Eisring gebaut, die beste Tirolerin ist nicht hier. Fürchten Sie um die falsche Außenwirkung?

Herzog: Die Eisbahn in Innsbruck ist enorm wichtig, vor allem für Kinder und Jugendliche, damit sie mit dem Eislaufen anfangen. Dort erfahren sie, wie sich das Laufen auf einer 400-Meter-Bahn anfühlt. Aber im Profisport ist das ein bisschen schwierig, weil es keine Halle gibt. Wenn dort Eis ist, bin ich meistens schon im Weltcup unterwegs. Um Weihnachten herum trainiere ich 30 Tage in Innsbruck.

Sehen Sie genügend Nachwuchs im Eisschnelllauf?

Herzog: Die Inns-brucker machen eine sehr gute Arbeit. Auch bei uns in Kärnten haben jetzt ein paar angefangen. Aber es fehlt an der Infrastruktur. Deshalb trainieren wir meist in der Halle von Inzell.

Was können Sie einer Eisschnelllaufhalle in Österreich abgewinnen?

Herzog: Eine Halle in Österreich ist nicht zu vertreten. Wir sind nicht genug Athleten. Es bräuchte mehr Auslastung, so eine Halle kostet pro Tag 3000 Euro nur für die Kühlung. Das musst du dann auch wieder einnehmen. Das würde ich dem Staat Österreich nicht aufbinden wollen. Erst wenn wir genügend Sportler haben, wäre eine Halle sinnvoll.

Sie trainieren seit heuer in einer neuen Gruppe mit den Niederländern. Ist das Ihr Erfolgsrezept für die Weltcup-Saison (ab 15.11. in Minsk, Anm.)?

Herzog: Mein Erfolgsrezept ist, dass Tom (Ehemann und Coach, Anm.) und ich alleine trainieren. Er sieht alles bei mir, macht immer einen Plan für die ganze Woche. Und dazu kommt der Mix mit den Holländern, wo ich mit einer Gruppe mit schnellen Männern trainieren kann.

Wie wichtig ist für Sie das Training mit Männern?

Herzog: Wenn du ein gewisses Level erreicht hast und keine Schnellere mehr hast, musst du dich an den Männern orientieren. Ich trainiere dort mit Übergeschwindigkeit, um besser zu werden.

Sie gehen als Gesamtweltcupsiegerin über 500 Meter und Weltmeisterin in die Saison – was sind die Ziele?

Herzog: Der Gesamtweltcup ist ein großes Thema, ebenso wie die WM im Februar in Salt Lake City auf der schnellsten Bahn, die es gibt. Der Weltrekord wäre da sicher möglich.

Das nächste große Ziel heißt also Weltrekord?

Herzog: Na ja, ich kann nicht am Start stehen und Weltrekord fahren wollen. Aber es ist die magische Grenze.

Arbeiten Sie mit einem Mentaltrainer zusammen?

Herzog: Nein, zu 90 Prozent trainieren wir alleine. Mental arbeite ich mit Tom zusammen. Er weiß immer, was er sagen muss, wenn ich angespannt oder zu ruhig bin.

Sie haben heuer für den WM- und EM-Titel von Ferlachs Bürgermeister zwei Alpakas bekommen – gibt es nun auf Ihrem Bauernhof ein neues Tier, das den Namen „Niki“ (Sportlerwahl-Trophäe, Anm.) erhält?

Herzog: Das ist eine gute Idee, darüber können wir reden (lacht). Aber ich muss mich jetzt erst mal um die Tiere kümmern, die wir haben.

Das Gespräch führte Roman Stelzl