Letztes Update am Di, 27.12.2016 17:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vierschanzentournee

Domen Prevc, der Max Verstappen der Lüfte

Wenn ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin den Saisondominator Domen Prevc als „Giftzwerg“ bezeichnet, dann tut er dies voller Respekt. Kommt die Sprache auf den 17-Jährigen, geht auch ein Stück weit Sorge um.

© gepaDomen Prevc fliegt als Einziger mit dem Kopf zwischen den Skiern. Dass der Tournee-Top-Favorit dabei Kopf und Kragen riskiert, darüber zerbrechen sich wiederum nur andere den Kopf.



Von Susann Frank

Innsbruck – Bei Domen Prevc’ sorgloser Art auf der Schanze geht selbst bei den Routiniers im Skisprungzirkus die Sorge um. „Wir haben Angst, weil er keine hat“, sagt Walter Hofer, Skisprung-Renndirektor des Weltverbandes FIS. Der slowenische Chefcoach Goran Janus musste sich in der vergangenen Saison bei so manchem Sprung aus Furcht um seinen Pfeif-mir-nix-Schützling auf dem Trainerturm abwenden.

Damals war der 17-Jährige ein Frischling im Weltcup. Heute ist Domen Prevc vierfacher Saisonsieger und Top-Favorit auf den Gesamtsieg der Vierschanzentournee. Beim Auftakt am Freitag (16.45 Uhr/ORF eins live) sind alle Augen auf den jüngsten Bruder des Vorjahrestriumphators Peter gerichtet. Auf den Prevc-Burschen, der durch einen neuen Sprungstil Meilensteine setzt. Anerkennend stellt ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin fest: „Domen ist ein Giftzwerg. Das meine ich positiv hinsichtlich seiner einzigartigen, giftigen und spritzigen Technik. Er revolutioniert das Skispringen.“

Sein Geheimnis? Er springt flach wie kein anderer ab – und ist mit seiner Absprungbewegung auch früher fertig als der Rest der Welt. Der deutsche Cheftrainer Werner Schuster erklärt das Phänomen Domen Prevc so: „Er fliegt erst flacher als die anderen und hat dadurch in der letzten Flugphase mehr Geschwindigkeit und hebt noch einmal ab. Wenn das andere machen würden, ginge bei ihnen der Ski nach unten – und sie landen. Aber sein Ski kommt nochmals nach oben.“

Alle Prevc-Brüder (auch der dritte, Cene) springen auf diese Art und Weise, Domen jedoch am extremsten. Weil der kleinste Prevc die größte Beweglichkeit hat. Seine Gelenke sollen sich ähnlich wie bei einem Schlangenmenschen biegen. Ständige Dehnübungen der Sprunggelenke halten zudem geschmeidig.

„Domen ist der Einzige im Moment, der die Ski derart flach und brutal nah beim Körper halten kann, der den Kopf tiefer als die Spitzen hat. Er bekommt ein System zusammen, das vom Flugkörper effizienter ist. Er kann Dinge machen, die wir den anderen Athleten eigentlich abgewöhnen müssen“, betont der Wahl-Mieminger Schuster. Er sorgt sich ebenso wie Kuttin um Prevc’ Sprungstabilität bei Aufwind. Im bisherigen Winter herrschte meist Rückenwind oder nur wenig Aufwind. „Ich würde diesen Stil keinem empfehlen. Es ist nicht unsere Technik. Wir schauen sehr stark auf den Absprung. Die Slowenen sind Flieger, die sehr stark nach vorne beschleunigen.“

Allerdings benötigt dieser äußerst aggressive Sprungstil eine gute Portion Kaltschnäuzigkeit. Nur so konnte Domen Prevc der Konkurrenz zuletzt mit zwei guten Sprüngen über zehn Meter davonfliegen. „Er springt Ski, wie Max Verstappen Formel 1 fährt. Aber so kannst du nur Ski springen, wenn du noch nie mit 250 gegen die Mauer gefahren bist. Domen hat vermutlich keine Negativerlebnisse, so wie er springt. Er kennt keine Grenzen“, versichert Schuster.

Der Grenz-Skispringer untermauert dies mit der Aussage: „Wenn man Angst hat, springt man nicht gut. Also ist Angst falsch. Ich will die Tournee ja gewinnen.“ Wie? Darüber macht sich Domen Prevc schlichtweg keine Gedanken: „Wenn ich sie gewinne, ist es okay. Wenn nicht, fahre ich halt ohne Sieg nach Hause.“ Bei so viel Sorglosigkeit kann der Konkurrenz schon einmal angst und bange werden.