Letztes Update am Do, 11.01.2018 08:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

FIS-Renndirektor Waldner: „Nur die FIS kritisieren ist zu einfach“

Auf die Kritik von Hannes Reichelt antwortet FIS-Renndirektor Markus Waldner mit harter Gegenkritik. Im TT-Interview spricht der Südtiroler über Sicherheit, einheitliche Rennanzüge und das Ende der Kombination.

Der Südtiroler Markus Waldner ist seit 2014 FIS-Renndirektor bei den Herren und spart als solcher nicht mit klaren Worten.

© gepaDer Südtiroler Markus Waldner ist seit 2014 FIS-Renndirektor bei den Herren und spart als solcher nicht mit klaren Worten.



Herr Waldner, für die Kombination wie jene am Freitag in Wengen (SUI) soll 2019 das Ende kommen. Wie schaut der Weltcup der Zukunft aus?

Markus Waldner: Wir werden im Frühling bei der FIS-Sitzung definitiv darüber entscheiden. Danach wird es die Kombination nach der WM 2019 nicht mehr bei Großveranstaltungen geben, wie es aussieht. Bei Olympia 2022 und der WM 2021 wollen wir statt der Kombination ein Parallel-Rennen. Das Olympische Komitee war bereits beim City Event in Oslo und zeigt sich sehr interessiert.

Gibt es dann für die Parallel-Rennen eine eigene Weltcup-Wertung?

Waldner: Ja. Wenn wir uns gegen die Kombination entscheiden, dann wird es die Parallel-Rennen auch mehr im Weltcup geben.

In der Vergangenheit wurde viel über die Attraktivität der Kombi diskutiert. Sie zeigten sich stets kritisch ...

Waldner: Es gibt nur wenige Läufer, die ihre Leistung in Abfahrt, Super-G und Slalom zeigen können. Die Kombination in Bormio zählt nicht, die war sehr einfach. Da war der Slalom eher eine Langlauf-Loipe. Aber bei einer Kombi wie der in Wengen sehen die Abfahrer nicht gut aus.

Meinen Sie den Auftritt der Abfahrer im Slalom?

Waldner: Ja, das sieht lächerlich aus. Die Kombi ist nicht mehr modern. Zwei, drei Fahrer können das – Alexis Pinturault ist einer davon. Und der fährt in Wengen freiwillig nicht. Er hätte 100 Punkte mitnehmen können für den Gesamtweltcup und die kleine Kugel. Das zeigt auch, was die Kombi für eine Wertigkeit unter den Läufern hat.

Auch Hannes Reichelt zeigte sich Mitte Dezember sehr kritisch – und zwar meinte er, er laufe als Athletensprecher beim Weltverband FIS „gegen eine Wand“. Was sagen Sie zu dieser Aussage?

Waldner: Hannes Reichelt muss zu uns kommen. Ich höre seine Kritik nur in den Medien. Er ist der Athletensprecher und in den letzten drei Jahren in seiner Funktion nie bei Sitzungen des Executive Boards dabei gewesen. Er war verhindert, das ist verständlich, immerhin ist er aktiver Athlet. Aber wenn er etwas ändern will, muss er es im Exekutiv-Komitee sagen. Da sitzen die Experten. Aber seine Meinung höre ich immer nur während der Saison zwischen zwei Türen. Wenn Reichelt verletzt ist und nicht zu den Sitzungen kommen kann, dann muss er Ersatz finden. Er kann nicht einfach weg sein. Als Athletensprecher musst du präsent sein.

Ein Kritikpunkt waren die Rennanzüge, die zu dünn seien (Kälte, Verletzungsgefahr etc.). Das bemängelten andere Fahrer auch (Anm.: Die Durchlässigkeit der Anzüge [30 Liter] ist reguliert, das Material nicht).

Waldner: Wenn die Athleten dickere Anzüge haben wollen, dann ist das kein Problem. Das ändern wir dann sofort!

Sind einheitliche Anzüge auch ein Thema?

Waldner: Gerne. Aber da bin ich immer gegen eine Wand gelaufen. Wenn der Athletensprecher zu uns kommt und die Meinung der Top-15-Fahrer vertritt, dann entscheiden wir im Frühling, dass die Anzüge dicker sein müssen. Aber das wollen die meisten ja nicht. Da geht es um Aerodynamik, da wird geforscht. Bei den Riesentorlauf-Ski, die jetzt kleinere Radien haben, hatten wir ja eine offene Diskussion. Da haben wir reagiert.

Der Deutsche Stefan Luitz glaubte nach seiner Kreuzbandriss-Operation, seine Verletzung könnte im Zusammenhang mit den neuen Ski stehen.

Waldner: Das ist Stumpfsinn. Es hat vorher auch diese Verletzungen gegeben, bei Luitz war es nicht der Ski, sondern das Setup. Ich habe mit seinem Vater geredet, der ist der Service-Mann. Der Ski ist nicht das Problem – die Hauptursache ist der Schuh. Da wird das Setup aggressiver. Das reizen alle bis ans Limit aus.

Kann man dem mit Regulierungen entgegenwirken?

Waldner: Das ist Hochleistungssport, da wird immer alles ausgereizt. Wir können die Kurssetzung ändern, das ist das, was wir beeinflussen können. Das Setup ist Sache der Athleten. Und dann die Ski oder die FIS kritisieren, das ist mir zu einfach.

Was stört Sie an der offenen Kritik?

Waldner: Es ist einfach, während der Saison Statements abzugeben und zu sagen: Die FIS muss das und das tun. Ich kann Hannes Reichelt nur sagen: Komm her, dann reden wir darüber. Aber nicht während der Saison, das machen wir im Frühling. Dann kann man über den Sommer etwas vorbereiten. Während der Saison geht das nicht.

Die Abfahrt geriet heuer wieder in die Kritik. Wie kann man die Rennen noch sicherer machen?

Waldner: Wir sind am höchsten Standard. Im Training ist ein anderer Sicherheitsstandard. Der Aufwand wäre zu groß, um das anzugleichen. Da brauchst du zwei Wochen und 200 Leute, um das zu schaffen. Das Restrisiko ist da – und das bleibt.

Eine Frage noch: Henrik Kristoffersen schlug nach Rang drei im Zagreb-Slalom wild um sich – will die FIS solche Aktionen unterbinden?

Waldner: Nein, nein, wir sind ja nicht Polizisten, die ihn strafen. Ich habe ihn am nächsten Tag belächelt und ihm gesagt, was führst du dich auf wie ein kleines Kind? Da lacht die ganze Welt. Er muss als Athlet noch wachsen.

Das Gespräch führte Roman Stelzl