Letztes Update am Di, 23.10.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Nicola Werdenigg im TT-Interview: „Nur die Spitze des Eisbergs“

Neue Vorwürfe gegen Ski-Mythos Toni Sailer, demnächst der Prozess eines Ex-Trainers: die ehemalige Tiroler Skirennläuferin Nicola Werdenigg (60) und ihre Mission, sexuellen Missbrauch zum Thema zu machen.

Nicola Werdenigg.

© APA/LieblNicola Werdenigg.



Wie bewerten Sie den jüngsten Missbrauchsvorwurf, in dessen Zentrum der verstorbene Tiroler Ski-Held Toni Sailer steht?

Nicola Werdenigg: Die betroffene Frau meldete sich im Frühjahr bei mir und berichtete mir ohne Bitterkeit und mit viel Distanz, was damals passiert sein soll. Sich so einem Thema zu stellen, geht nicht von heute auf morgen.

Das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ brachte diese Geschichte.

Werdenigg: Der Spiegel nahm einmal mit mir Kontakt auf und bekundete sein Interesse am Thema Missbrauch. Ich erzählte der Frau, einer nicht mehr im Lande lebenden Tirolerin, davon, klinkte mich dann allerdings aus. Mein Thema ist die Vermittlung von Therapie und Rechtsberatung, ich bin keine PR-Agentur.

Was war die Intention, sich an die Öffentlichkeit zu wenden?

Werdenigg: Sie hatte keine ihre Person betreffend. Es geht ihr darum, dass das jungen Leuten nicht mehr passiert.

Erzählen Sie uns von der Betroffenen, die Ihnen die Erlebnisse schilderte.

Werdenigg: Sie hat mittlerweile Abstand gefunden, das war nicht immer so. Nachdem die Sache passiert war, wurde sie magersüchtig, kämpfte mit Gallensteinen, ein psychosomatischer Zusammenhang war unverkennbar. Der Arzt glaubte ihr damals aber – sie war 14 – nicht. In Therapie begab sie sich erst später.

Der alpine Weltcup-Auftakt in Sölden steht vor der Tür, plötzlich taucht der nächste Missbrauchsvorwurf auf. Ein zufällig gewählter Zeitpunkt sieht anders aus.

Werdenigg: Dass Medien Geschichten lancieren, wenn sich zeitlich bedingt das Interesse dem Skisport zuwendet, mag sein. Aber dem Thema wurde auch zuletzt viel Aufmerksamkeit gewidmet, das Interesse ist gesellschafts- und grenzübergreifend groß. Vor allem, wenn es um prominente Beispiele geht.

Sie bezeichnen das Outing als mutigen Schritt – was erwarten Sie sich in weiterer Folge davon?

Werdenigg: Es geht nicht um die Schuldfrage, sondern um das Tätermotiv und inwiefern man bereits im Vorfeld tätig werden kann. Die Anschuldigungen reichen bis in die Gegenwart hinauf, aber der mediale Pranger bringt die Diskussion nicht weiter.

Am Donnerstag tritt mit Charly Kahr ein medial beschuldigter Ex-Trainer erstmals als Kläger gegen die „Süddeutsche Zeitung“ auf, eine weitere Anklage folgt. Wie bewerten Sie das?

Werdenigg: Ich kann in seinen beiden Fällen kein Urteil abgeben, Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei ermittelten ja bereits. Aber ich halte die Gegenoffensive Kahrs für eine Kurzschlussreaktion, weil er sich vielleicht nicht dessen bewusst war, was da auf ihn und die Zeugen zukommt. Möglicherweise bereut er das, die einzigen Gewinner sind für mich die Anwälte.

Die Verurteilung eines Trainers der Schladminger Ski-HAK, der einen 15-jährigen Schüler missbraucht hatte, sorgte zuletzt für Aufsehen. Was bedeutet die jüngste Verringerung des Strafmaßes auf acht Monate (bedingt auf drei Jahre) plus 3600 Euro Geldstrafe?

Werdenigg: Ein Schuldspruch ist ein Schuldspruch. Was für mich allerdings schwerer wiegt, sind die Folgen, mit denen der betroffene Schüler nun konfrontiert ist: Er musste Schladming aufgrund des einsetzenden Mobbings im Zuge des Verfahrens verlassen, in Waidhofen konnte er trotz zunächst bestandener Aufnahmeprüfung nicht an die Schule. Erst war kein Platz verfügbar, dann soll er sportmotorisch nicht entsprochen haben. Im Winter brach er sich das Schlüsselbein, mittlerweile ist er aus dem Landeskader geflogen und beendete seine Laufbahn.

Was schließen Sie daraus?

Werdenigg: Die Umgebung wollte den Jugendlichen nicht mehr. Ich habe bei der ÖSV-Frauenbeauftragten Petra Kronberger interveniert, aber es kam zu keiner Lösung.

Was liegt der allgemeinen Aufklärungswelle, die zuletzt auch über die Tiroler Festspiele Erl schwappte, zugrunde?

Werdenigg: In den Bereichen performende Kunst, also Bühne und Film, dazu im Militärbereich und im Sport ist Studien zufolge die Gefahr systematischer sexueller Gewalt am größten. Also überall dort, wo der Körper ein Werkzeug darstellt und Hierarchie zum Tragen kommt.

Erwarten uns weitere Meldungen wie zuletzt im Fall Toni Sailer?

Werdenigg: Davon gehe ich aus, bislang wurde nur die Spitze des Eisbergs ausgegraben. Wir warten noch auf die Erfüllung unserer Nummer-eins-Forderung, einer soliden Studie zum Thema, damit wir Fakten sprechen lassen können. Ich hoffe, dass das mit dem neuen Sportministerium ins Laufen kommt.

Ihre einzige Forderung?

Werdenigg: Kürzlich meldete sich ein Zeuge bei mir, der einen Fall von sexuellem Missbrauch beobachtet haben will. Der wollte wissen, wie er sich verhalten soll. Ich wünsche mir eine europaweite Clearing-Stelle, die für Täter, Opfer und auch mutmaßlich Beschuldigte Anlaufstelle wäre. Auch Letzteres darf man keineswegs ausblenden.

Das Gespräch führte Florian Madl