Letztes Update am Mi, 24.10.2018 15:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ski Alpin

Puelacher: „Mit 90 Athleten hat man das Limit überschritten“

ÖSV-Herren-Rennsportleiter Andreas Puelacher bezeichnet die FIS-Pläne für eine sofortige und mittelfristige Reduktion der Weltcup-Starterfelder als schlecht durchdacht und sieht Gefahr im Verzug.

Sollte die drastische Reduktion der Startplätze für Spitzen-Nationen kommen, blickt ÖSV-Herren-Rennchef Andreas Puelacher einer schwierigen Zukunft entgegen.

© gepaSollte die drastische Reduktion der Startplätze für Spitzen-Nationen kommen, blickt ÖSV-Herren-Rennchef Andreas Puelacher einer schwierigen Zukunft entgegen.



Sind Sie ein Fan der Fußball-Champions-League?

Andreas Puelacher: Auf alle Fälle. Da trifft sich die Weltelite, die besten Spieler, die besten Mannschaften.

Ich frage deshalb, weil der Internationale Skiverband (FIS) mittelfristig bei den Herren eine drastische Reduktion der Starterfelder überdenkt, was insbesonder­e auf Kosten der führenden Ski-Nationen gehen könnt­e. Bereits in diesem Winter gibt es ja einen Startplatz weniger ...

Puelacher: Keine Frage, mit derzeit oft 90 Athleten hat man das Limit überschritten, deshalb macht eine Reduzierung schon Sinn. Dass man da aber ausgerechnet bei den führenden Nationen ansetzen muss, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Aber was mittelfristig angedacht ist, nämlich die Reduktion auf sieben bzw. fünf Athleten pro Nation und Disziplin, wäre nicht zuletzt für uns eine Katastrophe. Es kann nicht sein, dass Läufer, denen die sportliche Reife fehlt, im Weltcup starten können, und Spitzenläufer nicht. Und letztlich muss man sich auch die Frage stellen, welche Perspektive hätte dann der Nachwuchs in Österreich, der Schweiz oder Italien, wenn nur eine Handvoll im Weltcup starten dürften.

Für was treten Sie ein?

Puelacher: Dass man sich für die Topliga qualifizieren muss – über die Weltrangliste. Was bringt es dem Weltcup, wenn ein Athlet aus einem exotischen Land mit sieben oder acht Sekunden Verspätung ins Ziel kommt? Das führt doch nur zu einer Verwässerung. Für mich ist das alles nicht gut durchdacht von der FIS – das habe ich dem Waldne­r (FIS-Herren-Renndirektor Markus Waldner, Anm.) auch gesagt.

Sie treten auch für eine Stärkung des Europacups ein?

Puelacher: Absolut, die zweite Liga gehört unbedingt aufgewertet – und zwar in jedem Bereich. Wir brauchen mehr Veranstalter wie Kitzbühel, Wengen oder inzwischen Kvitfjell, die neben den Weltcups auch Europacups ausrichten und sich dabei echt was antun. Die meisten Rennen finden aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch medial passiert zu wenig. Es gibt Orte, wo man nicht einmal weiß, dass ein Europacup stattfindet. Es muss auch mehr Preisgeld ausgeschüttet werden, derzeit sind das nur Peanuts.

Viele Veranstalter klagen jetzt schon über beschränkt­e Budget­mittel.

Puelacher: Das ist mir schon bewusst, dann muss eben die FIS Geld in die Hand nehmen. Mir tun die Jungen teilweise leid, wenn die Perspektiven fehlen. Und sollten wir in absehbarer Zeit wirklich nur noch fünf oder sieben Startplätze haben, dann weiß ich nicht, wie Talente langsam an den Weltcup herangeführt werden sollen. Dann werden irgendwann die Eltern nicht mehr mitspielen.

Sie haben im Vorjahr so manchem Speedfahrer aus der zweiten Reihe die Rute ins Fenster gestellt und Europacupeinsätze minimiert, damit sich diese Leute im Weltcup beweisen. Sie haben das als Bringschuld von den Athleten eingefordert – und bei ausbleibenden Erfolgen auch die Kaderzugehörigkeit in Frage gestellt.

Puelacher: Mit Fredi Berthold und Tom Mayrpeter hat es ohnehin zwei Athleten getroffen, die beiden sind im Frühjahr ins Skicross-­Lager gewechselt. Und Patrick Schwaiger hat wegen anhaltender Kniebeschwerden von sich aus den Rücktritt erklärt. Schade, aber die Schmerzen waren zu groß.

Mit Ausnahme von Hannes Reichelt (Zehenverletzung, Anm.) gab es in der Vorbereitung keine nennenswerten Verletzungen. Zufall?

Puelacher: Ich habe vor drei Jahren die Idee von einem systematischen Kraft- und Konditionstraining gehabt, das wir auch sofort umgesetzt haben. Seither trainieren die Athleten in den Olympiazentren in Dornbirn, Innsbruck, Salzburg, Linz und Klagenfurt oder in den ÖSV-Stützpunkten Seeboden und Saalfelden. Da wie dort gibt es geführte Trainings in enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Und wenn es einen Läufer irgendwo zwickt, ist auch gleich ein Physiotherapeut zur Stelle. Es wird sehr zielgerichtet und vereinheitlicht gearbeitet. Ich traue mich aber nicht zu sagen, dass das der Grund für die verletzungsfreie Vorbereitung war.

Marcel Hirscher hat kürzlich mit der Aussage aufhorchen lassen, dass er ganz knapp vorm Aufhören war. Haben Sie derlei Signal­e Ihres Vorzeigeschützlings auch so drastisch wahrgenommen?

Puelacher: Wir haben beim Weltcupfinale miteinander gesprochen, schließlich muss ich ja für den nächsten Winter planen. Wir sind so verblieben, dass er sich bei mir meldet, wenn er Klarheit hat. Aber ganz ehrlich: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Marcel zu diesem Zeitpunkt gut sein lässt. Dafür trainiert er zu gerne und dafür liebt er noch zu sehr die Rennfahrerei. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn künftig mehr im Speedbereich gesehen. Um neue Reize zu setzen. Slalom und Riesentorlauf, das kann er bei Gott.

Das Gespräch führte Max Ischia