Letztes Update am Sa, 10.11.2018 12:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Skispringen

Bei Überflieger Stoch ist alles eine Frage der Balance

Heute in einer Woche startet in Wisla (POL) der Skisprung-Weltcup. Klar, dass dann alle Blicke auf den polnischen Ausnahmekönner Kamil Stoch gerichtet sein werden. Die TT traf den 31-Jährigen zum Interview.

© imago/Camera 4Überflieger Kamil Stoch ist auch in diesem Winter der große Gejagte.



Sie sehen erholt aus. Wie ging das nach dem langen, anstrengenden Winter?

Kamil Stoch: Ich fühle mich wirklich gut, sehr gut sogar. Obwohl ich einen anstrengenden Sommer hatte, auch, weil wir von unserem Trainer Stefan Horngacher nur zwei Tage Pause nach der Saison bekommen haben. Trotzdem hat das sehr gut gepasst, wir haben genau die richtige Dosis fürs Training gefunden. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Und es gab auch einige freie Tage, damit wir auch etwas Zeit für unsere Familien haben.

Normalerweise macht man nach einer Saison vier Wochen Urlaub. Warum hatten Sie nur zwei Tage?

Stoch: Fragen Sie meinen Trainer. Er ist der Boss.

Hat er es Ihnen nicht erklärt?

Stoch: Er hat das Training nicht allzu hart angelegt. Es ging ihm darum, im Rhythmus zu bleiben. Das habe ich verstanden. Wenn man länger pausiert, braucht man länger, um wieder auf dieses Niveau zu kommen.

Welcher Erfolg wiegt mehr? Der Gewinn der Vierschanzentournee mit vier Siegen in allen Stationen, ist es der Olympiasieg oder der zweite Gesamtweltcupsieg?

Stoch: Emotional ist für mich jeder Erfolg herausragend. Nur ich weiß, wie viele Stunden Training, Reisen, überdurchschnittliche Anstrengungen und Trennungen von der Familie dies kostet. Jeder noch so kleine Erfolg ist eine großartige Belohnung für diese Entbehrungen, die es einfach benötigt, um diese Ziele zu erreichen. Deshalb will ich nicht groß bewerten, welcher Erfolg wichtiger oder schöner ist. Jeder Pokal ist wichtig.

Gehen Sie entspannter in die neue Saison, weil Sie alles schon einmal gewonnen haben, oder spüren Sie einen gestiegenen Erwartungsdruck?

Stoch: Sowohl als auch. Ich muss mich nicht mehr stressen, dass ich alles gewinne. Aber natürlich will ich weiterhin auf diesem Niveau springen, weil mich das dann zufriedener und glücklicher macht.

Was soll Ihr Highlight in diesem Winter werden?

Stoch: Ich will den ganzen Winter auf einem guten Niveau springen. Dann werden wir sehen, was dabei herauskommt. Ich muss jedenfalls nicht mit aller Macht die Vierschanzentournee gewinnen. Man versucht immer wieder, zu bestimmten Ereignissen in Bestform zu sein. Wenn man dies nicht schafft, dann ist man enttäuscht. Ich will jetzt einfach nur noch Spaß beim Skispringen haben.

Wie steht es mit dem Spaß bezüglich der WM in Seefeld und Innsbruck?

Stoch: Ich schaue optimistisch Richtung WM. Die Berg­isel-Schanze ist eine meiner Lieblingsschanzen. Auf der Seefelder Schanze bin ich vor etwa 15 Jahren das letzte Mal gesprungen. Ich weiß nicht, wie sie mir nach dem Umbau liegt. Aber ich bin offen für diese neue Herausforderung.

Sie waren schon vor Ihrem überragenden Erfolg ein Nationalheld daheim. Was ging nach der Saison in Polen ab?

Stoch: Speziell nach der Tournee habe ich versucht, von daheim wegzubleiben. Ich hatte geahnt, was passieren würde. Die Aufmerksamkeit hat mich insgesamt viel Anstrengung gekostet.

Ihr Trainer hatte Ihnen schon im Winter davor geraten, sich bezüglich öffentlichen Auftritten ein wenig zurückzunehmen. Wie haben Sie es jetzt gemacht?

Stoch: Wichtig ist das Gefühl, das man dabei hat. Wenn ich weiß, dass ich heute Medienarbeit zu leisten habe, dann ist das okay. Aber wenn ich beim Training bin, dann brauche ich meine ganze Konzentration fürs Training. Die Balance ist wichtig, dass man sich für alles die nötige Zeit nimmt.

Sie haben einmal gesagt, nicht der Typ zu sein, der sich etwas nach einem Erfolg leistet. Haben Sie sich dieses Mal doch mit etwas beschenkt?

Stoch: Nein. Ich habe versucht, unseren Hausbau zu beenden. Das ist genug.

Hat es funktioniert?

Stoch: Nein, ich benötige noch ein paar Monate dafür. Aber ich baue schon seit vier Jahren daran. Das ist kein normales Haus, sondern komplett aus Holz. Es ist in einem ganz besonderen Highlander-Stil.

Das Gespräch führte Susann Frank