Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.02.2019


Aare 2019

Ski-Wunder um Bulgaren Popov nach schwerem Autounfall in Sölden

Erst kurz vor der WM wurde der Bulgare Albert Popov zum Geheimtipp. Der 21-Jährige mit der bewegten Geschichte reifte unter Tirols Kondi-Guru Gerhard Außerlechner und dem deutschen Team zum Jungstar.

Der steile Aufstieg des Bulgaren Albert Popov ist ein kleines Ski-Märchen, das bei der WM in Aare seine Fortsetzung sucht.

© StelzlDer steile Aufstieg des Bulgaren Albert Popov ist ein kleines Ski-Märchen, das bei der WM in Aare seine Fortsetzung sucht.



Aus Aare: Roman Stelzl

Aare – Wer die Geschichte des bulgarischen Senkrechtstarters Albert Popov erzählen will, der muss einige Jahre zurückgehen. Denn das, was dem 21-jährigen Slalom-Jungstar am 17. November 2015 passierte, ist ein kleines Wunder – und etwas, das Po­pov selbst so beschreibt: „Ich habe das Leben von der anderen Seite gesehen.“

Bei der Auffahrt auf der Gletscherstraße zum Rettenbachferner in Sölden kommt das Auto mit Popov, dem slowenischen Bulgarien-Trainer Drago Grubelnik und Co-Trainer Mitko Ristov von der Straße ab. Von Kehre 7 aus auf 2455 Metern überschlägt sich das Auto und kommt erst 270 Höhenmeter tiefer zum Stillstand. Der frühere Olympia-Teilnehmer Grubelnik stirbt, Ristov wird schwer verletzt. Der damals 18-jährige Popov kommt mit einem gebrochenen Sprunggelenk und einer Gesichtsverletzung davon.

Für den heuer Sechsten des Schladming-Slaloms beginnt ein langer, harter Weg zurück – und das mit niemand Geringerem als mit Gerhard Außerlechner, dem Tiroler Kondi-Guru, der unter anderem bereits Skistars wie Benni Raich oder Marlies Schild (jetzt Raich) gestählt hat und nun mit Eva-Maria Brem arbeitet.

„Albert ist ein ganz besonderer Skifahrer. Die erste Zeit haben wir viel Aufbauarbeit geleistet“, blickt Außerlechner auf die Arbeit mit dem 1,64 Meter großen Bulgaren zurück – konditioneller ebenso wie mentaler Natur. Nach den ersten Fortschritten packte Außerlechner seinen so dankbaren Schützling ins Auto und fuhr mit ihm zur Unfallstelle. „Es war wichtig, dass er sich damit auseinandersetzt. Das wollten wir erreichen“, erklärt sein Trainer.

Das Autowrack, aus dem Albert Popov im November 2015 in Sölden rausgeholt wurde.
Das Autowrack, aus dem Albert Popov im November 2015 in Sölden rausgeholt wurde.
- zoom.tirol

„Wenn du siehst, dass ein Mensch wegen einer Sekunde Unachtsamkeit weg sein kann, siehst du viele Dinge anders. Aber ich habe an den Unfall selbst keine Erinnerung mehr“, erklärte der frühere Schüler der Skihauptschule Neustift, der dank der Hilfe seines Managers, des Ex-Skirennläufers Kilian Albrecht, ein Jahr in Tirol lernte.

Die Verbindung zwischen dem Vorarlberger und dem Junioren-WM-Dritten von 2018 ist eine logische. Albrecht startete von 2006 weg bis zum Ende 2011 als Doppelstaatsbürger für Bulgarien. Popov sei ihm da alsbald aufgefallen. „Es gibt ja nicht so viele bulgarische Skifahrer“, sagt der 45-jährige Albrecht.

Er bringt den WM-Außenseiter auch mit dem deutschen Team in Kontakt. „Er ist ganz normal Mitglied der deutschen Mannschaft, sein Cheftrainer ist Matthias Berthold“, ergänzt Albrecht.

Unterstützt wird der Neunte des Kitzbühel-Slaloms vom bulgarischen Verband. „Wir bekommen alles, was wir wollen. Ich bin so dankbar dafür“, grinst der sympathische Schnauzbartträger, der vom Deutschen Felix Neureuther liebevoll „Povi“ genannt wird.

Doch aus dem „Mittrainierer“ wurde mit eisernem Willen und Kampf der beste Fahrer im Team. Ein kleines Wunder – und das jagt am sonntägigen WM-Slalom das nächste. Denn an Ehrgeiz mangelt es nicht, wie Popov abschließend erkennen lässt: „Mein Ziel sind die Top drei. Und irgendwann will ich die Nummer eins sein.“