Letztes Update am Mi, 04.09.2019 22:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hirscher im Porträt

Hirscher verlässt die Ski-Bühne: Liebe zum Sport wird ewig sein

ÖSV-Superstar Marcel Hirscher zog am Mittwoch einen Schlussstrich unter seine unvergleichliche Ski-Karriere. Der 30-jährige Ausnahmekönner im Porträt:

Der letzte Vorhang: Nach der achten großen Weltcupkugel in Serie macht Hirscher Schluss.

© gepaDer letzte Vorhang: Nach der achten großen Weltcupkugel in Serie macht Hirscher Schluss.



Salzburg – Es würde immer noch einen Rekord hier und eine Bestleistung da geben, die Skistar Marcel Hirscher knacken könnte. Aber er will nicht mehr. Der achtfache Gesamtweltcupsieger, Doppelolympiasieger und siebenfache Weltmeister verabschiedet sich vom aktiven Rennsport. Der Sieg in Schladming am 29. Jänner war der letzte im Weltcup, jener am 17. Februar bei der WM in Aare im Slalom der finale überhaupt.

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In der Saison 2018/19 hatte sich der Salzburger Hirscher auf der Sportbühne wieder ein Stück weiter empor gehoben, in Schweden krönte er sich zum erfolgreichsten Alpinskiläufer bei Welttitelkämpfen. Zum achten Mal entschied er den Gesamtweltcup für sich, zum jeweils sechsten Mal die Wertungen in Slalom und Riesentorlauf. Mit 20 Kugeln zog er mit Rekordhalterin Lindsey Vonn aus den USA gleich, die bei der WM mit großem Brimborium abgetreten war.

Prioritäten haben sich verschoben

Hirscher überlegte mit Bedacht, wie es weitergehen wird. „Was außer Frage steht, ist die große Liebe zum Sport. Das wird auf ewig sein“, hatte er im Saisonfinish noch nicht gewusst, wohin seine Reise geht. Klargestellt hatte er beim Finale in Soldeu im März, dass es ihn nur ganz oder gar nicht geben wird. „Man fährt nicht nur Rennen, man fährt um Kugeln, man fährt um eine Gesamtwertung. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob man sich für den Einzelwettkampf vorbereitet oder das gesamte große Projekt.“

Und das große Projekt ist für den Material-Tüftler enorm zeitintensiv. Doch hatte Hirscher nach der Geburt seines Sohnes im vergangenen Oktober mehrfach verschobene Prioritäten angesprochen und schon im nun für ihn letzten Wettkampfwinter die Dauer seiner Reisen auf ein Minimum beschränkt. Oft war er mit dem vom Sponsor zur Verfügung gestellten Privatflugzeug gereist.

Der Gefühlsmensch Hirscher hat nun also diese Lebensentscheidung getroffen. Der vierfache Welt-Alpinskisportler des Jahres und fünffache Sportler des Jahres in Österreich schaufelte 67 Weltcup-Siege auf seine Habenseite, auf die Bestmarke des Schweden Ingemar Stenmark fehlen 19. Viele dachten, dass der Reiz, diesen Rekord doch noch zu übertreffen, für Hirscher groß genug zum Weitermachen sein werde. Doch der nun 30-jährige Annaberger wird sich neue Herausforderungen suchen.

Der Absolvent der Hotelfachschule Bad Hofgastein bestritt sein erstes Weltcuprennen am 17. März 2007 in Lenzerheide (24. im Riesentorlauf), das (laut FIS-Statistik) 245. und letzte exakt zwölf Jahre später am 17. März in Soldeu. Er wurde im Slalom 14. und reiste trotz reichhaltiger Kugelausbeute grübelnd aus Andorra ab. Auch in Tagen seiner größten Erfolge konnte der akribische Arbeiter nicht loslassen, machte sich Ärger breit, wenn einzelne Bausteine nicht wie gewünscht aufeinanderpassten.

Das Private blieb stets privat

Sollte das eigene Skifahren nicht seinen Vorstellungen entsprochen haben, fand er auch an Siegen etwas auszusetzen. Seinen Frust machte er über all die Jahre aber stets mit sich und seinem engsten Umfeld aus. Und so hielt er es auch mit persönlichen Belangen - das Private blieb privat. Marcel Hirscher war im Ski-Zirkus kein Mann für die Hotel-Bar oder Aftershow-Partys. Und trotzdem schaffte er es auch auf die Society-Seiten der Magazine, weil sein Perfektionismus, seine Leistungen und sein artistisches Können auf zwei Bretteln allen Respekt abrang.

Mit perfekter Planung und bestmöglichen Trainingsbedingungen, enormer Körperbeherrschung und Top-Fitness hielt Hirscher das Verletzungsrisiko niedrig. Einmal war aber auch er geprüft worden. Im August 2017 zog er sich bei einem Trainingssturz einen Knöchelbruch zu und musste sein Vorbereitungsprogramm extrem verkürzen - trotzdem holte er sich die große Kristallkugel im Weltcup und zwei Olympia-Goldmedaillen, die das Erfolgspuzzle komplett machten.

Hirscher setzte auf Kontinuität in seinem Umfeld. Auf beruflicher Seite begleiteten ihn u.a. die Skifirma Atomic, sein Trainer Michael Pircher, sein Pressesprecher Stefan Illek und natürlich Vater Ferdinand viele Jahre. Der schnauzbärtige Skilehrer „Ferdl“ war - außer bei Überseerennen, die er wegen seiner Flugangst ausließ - die Konstante am Pistenrand. Langzeitfreundin Laura wurde Marcel Hirschers Ehefrau, ein Kind machte das Glück perfekt. (APA)